Anschlag auf Stauffenberg
: Das falsche Opfer des Attentats

Vor genau 75 Jahren, am 20. Juli 1944, ereignete sich das Attentat auf Adolf Hitler, dem in der Zeit nach dem Ende des Nazi-Regimes am meisten Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Von
Daniel Roßbach
Cottbus
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Auf dem Friedhof in Cottbus ist Heinrich Berger beigesetzt worden. Das Grab existiert noch heute.

Daniel Roßbach/LR

Wer war Heinrich Berger? Berger wurde 1905 in Berlin geboren. Noch als Schüler lernte Berger stenographische Verfahren und wurde 1926 während seines Jura-Studiums Protokollant im Preußischen Landtag. Von dort wechselte er später in den Reichstag, wo er auch nach der Machtübernahme der Nazis die Sitzungen des Gremiums, das nach der gewaltsamen Entfernung der kommunistischen und sozialdemokratischen Opposition und dem Verbot der anderen Parteien nicht einmal mehr ein Scheinparlament war.

Berger zog mit seiner Familie 1943 nach Cottbus. Die Familie blieb dort auch nach Heinrich Bergers Tod und dem Kriegsende. 1942 war Berger als Hilfskraft berufen worden, bei Besprechungen in Hitlers Hauptquartier mitzuschreiben.

Wie ist Berger Biographie einzuordnen? Steffen Krestin, der Leiter der Städtischen Sammlungen Cottbus, sieht Bergers Biographie kritisch: „Dass Berger diese Funktion als Mitarbeiter im direkten Umfeld von Hitler innehatte, zeugt von großer Systemtreue. Ohne die wäre dort zu sein nicht möglich gewesen.“

Außerdem macht Krestin deutlich, dass Berger durch seine Teilnahme an Hitlers Lagebesprechungen zwangsläufig „großes Wissen darüber hatte, was in dieser Zeit passiert ist“. Das schließt neben den Kriegshandlungen auch die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Nazi-Deutschlands ein.

Was spricht trotzdem für Bergers Charakter? Dabei gibt es in Bergers Biographie aber durchaus Schattierungen. So hatte Berger während seiner Arbeit in Hitlers Hauptquartier keinen militärischen Rang inne und war nicht Mitglied in der Nazi-Partei NSDAP.

Als entlastendes Indiz in Bergers Werdegang wird immer wieder angeführt, dass das Thema von dessen Doktorarbeit wegen alttestamentlichen Bezügen nicht zur antisemitischen Ideologie der Nationalsozialisten gepasst habe. Doch der Stadtarchivar Steffen Krestin verweist darauf, dass handfeste Belege dafür, dass Berger in der Folge der Machtübernahme seinen Doktortitel nicht mehr führen durfte, fehlen.

Wie sahen die Lebensläufe anderer Stenographen in der Nazi-Zeit und danach aus? Ersetzt wurde Berger nach seinem Tod am 20. Juli 1944 durch Gerhard Hergesell aus Frankfurt (Oder).

Wie Berger war auch er Stenograph und Jurist. Doch noch ungleich stärker als Berger verschrieb Hergesell sich dem Nazi-Regime. Was seiner Karriere nach dessen Untergang aber keinen Abbruch tat. Wie Detlef Peitz in einem Beitrag der Zeitschrift für Parlamentsfragen schreibt, trat Hergesell 1935 in die SS und zwei Jahre später in die NSDAP ein, und schrieb 1936 in einem Lebenslauf, schon Jahre vor der Machtübernahme der faschistischen Diktatur deren Ideologie angehangen zu haben.

Bevor die Nazis den Krieg beginnen, wird Hergesell als Richter befördert. Während des Krieges macht Hergesell eine SS-Karriere, inspiziert unter anderem Konzentrationslager und ist schließlich in der Vernichtungsorganisation als Richter tätig.

Hergesells Karriere wird gefördert von Rudolf Brandt, ebenfalls Stenograph und Jurist aus Frankfurt, der zur SS-Führung gehörte und den Hergesell aus seiner Schulzeit in Frankfurt kannte. Für seine Beteiligung an Menschenversuchen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Tötungen von KZ-Häftlingen wurde Brandt 1947 im Rahmen der Nürnberger Prozesse zum Tod verurteilt und 1948 hingerichtet.

Nach der Befreiung Deutschlands im Mai 1945 gelang es Hergesell, sich von seiner SS-Tätigkeit und seinem Vertrauten Brandt zu distanzieren. Als „Mitläufer“ eingestuft, wird er schon während Sitzungen des Parlamentarischen Rates, der das Grundgesetz erarbeitete, wieder als Stenograph eingesetzt. Später war Herrgesell von 1968 bis 1972 Leiter des Stenographischen Dienstes des Bundestags.

Was passierte mit Bergers Leichnam? Bergers Tochter Dorothea Johst zufolge verweigerte ihre Mutter, Hertha Berger, ein Staatsbegräbnis für ihren Ehemann. Er wurde in Cottbus begraben, wo heute ein gemeinsamer Grabstein auf Heinrich und Hertha Berger, die 1993 verstarb, verweist.

Ebenfalls Dorothea Johst nach sicherte die Stadt Cottbus ihr 2013 zu, das Grab zu erhalten, dessen Nutzungsrecht damals davor stand, abzulaufen. Die Frist dafür ist inzwischen tatsächlich abgelaufen, wie Dana Ziesche, die Leiterin der Cottbuser Friedhofsverwaltung mitteilt.

Doch die Stadt Cottbus hat den Unterhalt des Grabes nicht übernommen, und Stadt-Sprecher Jan Gloßmann nach auch nie einen Entschluss dazu gefasst. Stattdessen pflegt der Ströbitzer Bürgerverein das Grab.