Arbeitsmarkt: Welcher Azubi passt zum Unternehmen?

Wer auffallen will, muss sich was einfallen lassen: Werbung für die Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Experten raten Firmen dort auf sich aufmerksam zu machen, wo Jugendliche unterwegs sind, vor allem im Internet, in sozialen Netzwerken./
Martin SchuttWoran liegt`s? „Die haben eben keinen Bock, was zu lernen“, heißt es oft. Wenn Gabriele Schambach diesen Satz hört, dann regt sie das ein bisschen auf. „Wenn wir Jugendliche abwerten, nur weil wir ihre Wertvorstellungen nicht verstehen, dann finde ich das ärgerlich.“ Die promovierte Politikwissenschaftlerin ist Referentin der Sinus:Akademie Berlin, die Sozial- und Marktforschung betreibt. Die Akademie hat Jugendliche befragt, wie sie sich ihr Leben und ihre künftige Arbeit vorstellen. Herausgekommen ist: Es gibt nicht den Azubi, der im Betrieb funktioniert und den, der das eben nicht schafft. Es gibt verschiedene Gruppen von jungen Leuten mit unterschiedlichen Lebensstilen.
Da sind die bürgerlich-konservativen jungen Leute, die in ihrer Heimat bleiben wollen, einen sicheren Job suchen, an der Familie hängen und Helene Fischer hören. Andere zieht es in die Großstädte, sie suchen nach eigenen Wegen, sind stilbewusst, fleißig, wollen Karriere machen. Die Spontanen hingegen suchen eher den Kick, das Außergewöhnliche, wollen sich selbst verwirklichen. Nur wissen sie nicht, wie.
In Zeiten des Azubi-Mangels, meint Gabriele Schambach, müssen sich die Unternehmen in Bewegung setzen. „Sie müssen sich auf die Jugendlichen einstellen, vor allem in Regionen, die nicht so angesagt sind.“ Ausbildungen scheitern, meint sie, weil die Vorstellungen von beiden Partnern nicht zusammenpassen. Junge Leute beispielsweise lassen sich bei der Berufswahl oft von Freunden oder Eltern leiten, haben aber keine realistische Vorstellung, was sie erwartet. Sie empfiehlt Firmen, sich zu überlegen, welche Azubis zu ihnen passen. Das müssen nicht immer die besonders pflegeleichten sein. Ein Unternehmen, erzählt sie, hat gezielt um junge Leute aus Hartz IV-Familien geworben. Sie haben meist nicht die besten Zensuren und auch eine geringe Frusttoleranz, suchen aber nach sicheren Verhältnissen, einem ordentlichen Verdienst und hätten oft den Willen, sich dafür durchzubeißen. Das Unternehmen, das sich darauf eingestellt hatte, sagt sie, schätzte sie später als verlässliche Mitarbeiter.
Junge Leute haben heute viele Möglichkeiten auf dem Ausbildungs-Markt und oft kein so großes Durchhaltevermögen, beschreibt Michael Völker, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK, die Probleme von Azubis. „Sie geben schneller auf.“ Firmen müssen heute ihre Auszubildenden stärker begleiten und unterstützen, ihnen früher Verantwortung übertragen, auch Freiräume zum Beispiel bei der Gestaltung der Arbeitszeit schaffen. „Azubis sollten sich nicht so fühlen, als ob sie in der Hierarchie ganz unten stehen“, meint auch Gabriele Schambach. Faktoren wie abwechslungsreiche Aufgaben, Teamgeist oder eine gute Stimmung im Betrieb seien wichtig.
Die gute Stimmung täglich hinzubekommen, ist nicht einfach. Zum Beispiel dann nicht, wenn der Azubi zu spät kommt. Motivationstrainer Philipp Karch empfiehlt den Chefs dann, erst einmal den eigenen Ärger herunterzufahren. Eine Möglichkeit ist, eine Vereinbarung zu treffen. Beispiel: Morgen bist du pünktlich – schaffst du es nicht, sprechen wir uns wieder. Das Verhältnis sollte partnerschaftlich-konsequent sein, weder herablassend noch kumpelhaft. Philipp Karch hat übrigens auch nicht auf Anhieb den Traum-Beruf gefunden. Er studierte Naturwissenschaften, bevor er feststellte, dass ihm die Arbeit mit Menschen mehr liegt. „Ich glaube, dass die Schulen nicht ausreichend vorbereiten auf die Berufswahl.“ Dort sollten die einzelnen Branchen besser vorgestellt werden – am besten durch junge Leute selbst.
Hintergrund im Internet
Wie ticken Jugendliche?: So heißt eine Studie der Sinus:Akademie für Firmen, die im Internet abrufbar ist. https://bit.ly/2UI5zHV. Welche unterschiedlichen Typen von Bewerbern es gibt und wie man sie gewinnt und fördert, geht aus einer Untersuchung des Instituts für die IHK Baden-Württemberg hervor. "Azubis gewinnen und fördern" ist auf www.bw.ihk.de zu finden. Der Motivationstrainer Philipp Karch aus Berlin betreibt eine Seite mit einem Blog im Internet. https://www.philipp-karch.de/⇥ima