Arzt in Berlin
: Obdachlos und krank – wie Tausende Menschen ohne Versicherung leben

Die Gesundheitslage obdachloser Menschen in Berlin wird immer dramatischer. In der Praxis am Ostbahnhof erhalten sie trotz knapper Kasse Hilfe. Was dort geht – und was dort nicht mehr geht.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Kerstin Siebertkaiser (l.) und Julia Dittmar gehören zum Team der Obdachlosen-Arztpraxis am Ostbahnhof in Berlin.

Kerstin Siebertkaiser (l.) und Julia Dittmar gehören zum Team der Obdachlosen-Arztpraxis am Ostbahnhof in Berlin.

Maria Neuendorff
  • Die Gesundheitslage obdachloser Menschen in Berlin verschlechtert sich.
  • Praxis am Ostbahnhof bietet Hilfe ohne Versicherung.
  • Ehrenamtliche versorgen Bedürftige; Senat fördert nur teilweise.
  • Rund 10.000 Personen wurden 2023 behandelt, elf Prozent mehr als 2022.
  • Notwendige Finanzierung erst im Doppelhaushalt 2028/29 geplant.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Man muss schon blind durch die Straßen in Berlin gehen, um das Leid nicht wahrzunehmen. Viele obdachlose Menschen sind vom Leben auf der Straße auch körperlich schwer gezeichnet, haben offene Wunden, können kaum noch laufen, wirken völlig orientierungslos.

Die meisten haben keine Krankenversicherung und Hemmungen davor, zum Arzt zu gehen. In der Obdachlosenpraxis der GEBEWO Soziale Dienste am Ostbahnhof können sie ohne Chipkarte und Termin vorbeikommen, selbst wenn es richtig voll ist. „Wir lassen keinen stehen“, sagt Kerstin Siebertkaiser.

Obdachlose in Berlin – Parasiten in den Wunden

Die Krankenschwester versorgt seit 31 Jahren Bedürftige. Auch heute hat sie zig Menschen mit Krätze, Hautkrankheiten und amputierten Zehen behandelt. Manchmal sind sie so verwahrlost, dass man ihnen erstmal die verklebte Kleidung vom Körper lösen muss und sich Maden in den offenen Wunden eingenistet haben.

Hat man da nicht auch als medizinische Fachkraft Berührungsängste? „Am Anfang war es schon gewöhnungsbedürftig“, gesteht die Krankenschwester. „Aber ich mache meine Arbeit hier gerne. Es sind schließlich Menschen wie Du und ich.“ In drei Jahrzehnten habe sie sich nicht einmal mit irgendetwas angesteckt, betont die 63-Jährige.

Im Behandlungsraum gibt es ein Fußwaschbecken. „Die meisten gehen sowieso erst einmal duschen“, berichtet die Krankenschwester. In der Kleiderkammer stehen neben Binden und Rasiergel Becher mit bunter Flüssigkeit, die an Schnapsgläser erinnern. „Das ist Duschgel. Händigt man die ganze Flasche aus, bekommt man sie meist nicht mehr zurück“, erklärt Siebertkaiser.

Auch die Hilfseinrichtung muss sparen. Die medizinische und zahnmedizinische Versorgung obdachloser und nicht krankenversicherter Menschen erhalten Ehrenamtliche aufrechter. „Zurzeit wird nur ein Teil vom Senat gefördert. Viele der Einrichtungen kämpfen selbst ums Überleben“, sagt Christin Recknagel von der GEBEWO, die die Praxis am Stralauer Platz gegenüber vom Ostbahnhof betreibt.

Arzt-Praxis in Berlin – 40 Patienten in vier Stunden

Die Essensversorgung der Patienten wurde dort bereits eingestellt. Wartende erhalten nur noch Tee. Der Zulauf ist trotzdem riesig. Von 8 bis 12 Uhr seien rund 40 Patienten da gewesen, berichtet die Krankenschwester.

Das bestätigt der 2. Bericht des Runden Tisches zur medizinischen und zahnmedizinischen Versorgung obdachloser Menschen, der am Montagnachmittag (19.5.) im Beisein von Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) vorgestellt wurde.

Demnach wurden 2023 fast 10.000 Personen in den medizinischen Praxen für Wohnungslose und nicht Krankenversicherte behandelt, viele mehrfach. 33.108 Behandlungen ergaben sich insgesamt. Das entspreche einem Anstieg von gut elf Prozent gegenüber 2022. Nur zwölf Prozent aller Patienten wiesen einen gesicherten Krankenversicherungsstatus auf, heißt es in dem Bericht.

Zur Obdachlosen-Arztpraxis am Stralauer Platz werden auch Zahnprobleme behandelt-

In der Obdachlosen-Arztpraxis am Stralauer Platz in Berlin werden auch Zahnprobleme behandelt.

Maria Neuendorff

Das liegt auch an der europäischen Arbeitsmigration. Dabei würden Menschen mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und landen auf der Straße, erklärt Recknagel. Weil sie ihr Arbeitgeber nicht angemeldet habe, hätten sie kein Recht auf Grundsicherung und keine Krankenversicherung.

Obdachlos in Berlin – Säuling nicht krankenversichert

Aber da gibt es auch den Fall des zehn Monate alten Liem. Er wurde in Deutschland als Sohn einer vietnamesischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Seine Mutter ist im Asylverfahren. Seit seiner Geburt warten seine Eltern auf seine Geburtsurkunde, über die sie das Kind versichern könnten. „Da Liems Mutter Leistungen über das LAF erhält, verweigert das zuständige Sozialamt eine eigene Krankenversicherung für das Kind und verweist stattdessen auf eine Familienversicherung über den Kindesvater“, berichten die Helfer.

Dafür sei eine langwierige Prüfung des Familienstandes der Mutter notwendig. In seinen ersten Lebensmonaten habe Liem daher keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Nur in der „open.med-Ambulanz Zehlendorf“ erhalte der Säugling Vorsorgeuntersuchungen sowie wichtige Impfungen. „Dazu wurde festgestellt, dass Liem eine starke Kopfasymmetrie aufweist und dringend Physiotherapie benötigt“, heißt es im Bericht.

Andere sind einfach aus dem System gefallen. So wie ein Mann, der seit zwölf Jahren auf der Straße lebt, trinkt, eine Herzinsuffizienz, eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung sowie eine Fettleber hat. Seine Brüche an Schulter und Hüfte heilten nie ganz aus. In mancher Notübernachtung hat der Alkoholiker Hausverbot. „Er lässt sich in unserer Einrichtung medizinisch versorgen, nutzt das Hygieneangebot und hat ein Vertrauensverhältnis zur Sozialarbeiterin aufgebaut“, heißt es im Bericht. Mithilfe der Sozialarbeiterin habe der Mann Grundsicherung beantragen, eine Krankenversicherung und einen Betreuer erhalten. Eine stationäre Hilfseinrichtung kümmert sich um ihn.

Menschen ohne Krankenkasse – Kliniken bleiben auf Kosten sitzen

Werden unversicherte Patienten im Krankenhaus behandelt, bekomme die Klinik das Geld meist nicht wieder, berichtet Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft. „Das verursacht für die Krankenhäuser jährlich Ausfälle in zweistelliger Millionenhöhe.“ Die Koalition habe in ihrem Vertrag eine bessere medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen angekündigt. „Bisherige Gespräche mit Senat und Bezirken verlaufen allerdings äußerst zäh“, kritisiert Schreiner.

„Zugang zur medizinischen Versorgung ist ein Menschenrecht“, findet auch Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin. Es werde täglich gebrochen. „Das Leben auf der Straße macht krank, und gerade diese Menschen brauchen schnelle, unbürokratische Hilfe“, betont der Arzt. Wie die anderen Mitglieder des Runden Tisches fordert er eine sichere Gesamt-Finanzierung der Hilfsangebote durch Land und Bund.

Bisher sind Obdachlosen-Praxen größtenteils auf ehrenamtliches Engagement, Spenden und Fördergelder für befristete Hilfsprojekte angewiesen. Würde man alleine das medizinische Personal, das sich in Berlin um Bedürftige kümmert, normal bezahlen, müsste man 450.000 Euro im Monat aufbringen, heißt es in dem Bericht.

Eine übergreifende Finanzierung gebe es frühestens im Doppelhaushalt 2028/29, kündigte Gesundheitssenatorin Ina Czyborra an. Der Bund müsse mit ins Boot geholt und ein Konzept zur niedrigschwelligen Versorgung wohnungsloser Menschen ausgearbeitet werden. Dies sehe unter anderem Gesundheitszentren vor.

In der Obdachlosen-Einrichtung am Ostbahnhof verzeichnet Leiterin Christin Recknagel einen stetigen Anstieg an Betroffenen, während Personal und Räumlichkeiten gleich geblieben seien. Dazu kämen immer mehr Menschen mit starken psychischen Problemen, denen man nur geringfügig helfen könne.

„2016 konnten wir den Leuten neben der Behandlung Perspektiven aufzeigen, und sie haben Lösungen für sich und ihre Situation gefunden“, erinnert sich Recknagel. „Heute sind wir oftmals nur noch eine reine Überlebenshilfe.“