Mitmach-Museum in Szczecin (Polen)
: Richtig rudern, morsen, Heringe salzen

Szczecin liegt zwar nicht am Meer, rückt aber immer näher an die See heran. Jetzt lädt ein großes Schiff ein, die Welt der Seefahrt zu erkunden. So kommt das Meer auch Brandenburg näher.
Von
Nancy Waldmann
Szczecin
Jetzt in der App anhören
  • Neues Schiff im alten Hafenviertel: das Gebäude des maritimen Bildungszentrums Morskie Centrum Nauki auf dem rechten Oderufer in einem alten Hafenviertel in Szczecin in Polen

    Neues Schiff im alten Hafenviertel: das Gebäude des maritimen Bildungszentrums Morskie Centrum Nauki auf dem rechten Oderufer in einem alten Hafenviertel in Szczecin in Polen

    Peggy Lohse
  • „Heck“ des Museums Morskie Centrum Nauki in Szczecin in Polen, dahinter die Schlosstrasse in die Innenstadt, im Hintergrund das Pommersche Schloss.

    „Heck“ des Museums Morskie Centrum Nauki in Szczecin in Polen, dahinter die Schlosstrasse in die Innenstadt, im Hintergrund das Pommersche Schloss.

    Nancy Waldmann
1 / 2

Für Brandenburger im Norden und Osten ist das polnische Szczecin (Stettin) mit Berlin die nächste Großstadt. Gut hundert Kilometer trennen Szczecin noch von der Ostsee, doch als Hafenstadt am Oder-Delta gibt es genug Gründe, sich als maritime Metropole zu inszenieren. Boote und Schiffe prägen das Bild an den zentrumsnahen Ufern seit Langem.

Nun aber liegt ein sehr auffälliger Kreuzer im ehemaligen Speicherviertel auf der Łasztownia-Insel zwischen West- und Ostoder – eckig, rostbraun, groß wie ein Kreuzfahrtschiff, das auf Grund gelaufen ist. Dort wird es auch bleiben – der Neubau in Schiffsform beherbergt das neue Maritime Wissenschaftsszentrum – Morskie Centrum Nauki (MCN).

Rund um Meer und Schiff

Wobei „Wissenschaft“ in der deutschen Übersetzung es nicht so ganz trifft – es handelt sich um ein Mitmachmuseum. Zu Meer, Wind, Wellen, Seefahrt, Navigation und Fischerei können Menschen jeden Alters was lernen. Vitrinen oder lange Ausstellungstafeln findet man auf den drei Etagen wenig, auch kaum Multimedia-Klimbim. Eher erinnert das Ganze an jenen Physik-Unterricht, den man sich immer erträumte. Alles rund um Wasser und See, aber aufgepasst: Fische in Aquarien sind hier nicht zu sehen. Dafür gibt es an der Ostsee ja bereits das Ozeaneum in Stralsund.

Übung im Museum: Kräftig Leine ziehen.

Nancy Waldmann

An den ersten Exponaten bzw. Stationen übt man die beste Technik beim Rudern und Paddeln, vor allem, indem man selbst Hand anlegt. Eltern und Kinder treten am Rudergerät um die Wette an, ein Computer rechnet die Schläge in Strecke um. Warum schwimmen sogar Schiffe aus Beton? Das Rätsel des Auftriebs erschließt man durch Experimentieren, indem man verschiedene Gewichte in ein kleines schwimmendes Boot legt. Wie kocht es sich bei Windstärke 7? Probiert man in einer in Schräglage nachgebauten Kombüse aus. Wie sich das auf dem offenen Deck anfühlt? Dafür lässt man sich Windstärken per Windmacher ins Gesicht blasen.

Rationen auf Rettungsinsel und „Mayday“ – Thema Seenot für Kinder

An der Magnetwand konstruiert man Containerschiffe, Fischkutter, Tanker und in der Segeltuchauslage befühlt man unter anderem das Material, mit dem Christoph Kolumbus aus Versehen nach Amerika gelangte. Überhaupt, ein Segelboot vom anderen unterscheiden und wiedererkennen – das Wand-Memory mit 32 Postkarten-Motiven hat es in sich.

Viel Aufmerksamkeit bekommt das Thema Seenot, an das auch die Kleinsten lehrreich herangeführt werden. Virtuelle Feuer an Bord dürfen sie mit echtem Wasser löschen, was die Kinder quiekend tun. Das Morse-Alphabet übt man mit einer Lampe. Wie bewegt man sich bei Stromausfall durch einen Schiffsbauch, übt man natürlich im Dunkeln. In welcher Lage funkt man „Mayday“ und wie überlebt man auf einer aufblasbaren Rettungsinsel?

Eindruck machen die letzten Meldungen der „Jan Heweliusz“, die 1993 bei starkem Wellengang vor Rügen sank, wobei 55 Menschen ums Leben kamen. Auch wird philosophiert: Über den Ausweg aus dem Dilemma der zwei Schiffbrüchigen, die sich um das Brett des Karneades streiten, darf jeder abstimmen.

Physikalische Rätsel am Versuchstisch

Auf eine Waage muss man so viele Salzsäckchen stapeln, wie die Konservierung eines Fasses Heringe braucht, ohne zu versalzen. Anspruchsvollere physikalische Rätsel und Navigationsaufgaben gibt es in der dritten Etage. Wie kann man Blitze ableiten oder wie vermeidet man das? Was richtet ein Ölteppich auf dem Meer an, und warum ist die Richtung der Wellen nicht dieselbe wie die des Windes? Mit welchen Karten steuerte ein Kapitän früher und mit welchen heute?

Alles interaktiv zu erkunden an konkreten Versuchsaufbauten. Sogar Wetterfrosch im Fernsehen kann man spielen. Zwischendurch hat man aus den Panoramafenstern wunderschöne Ausblicke auf die Oder, die gegenüberliegenden Hakenterrassen, die Trasse über die Oder und das Pommersche Schloss.

Maritime Identitätsfabrik für Szczeciner

Das stadtbildprägende Museumsschiff auf dem rechten Ufer soll nicht bloß Touristen anlocken, es ist für die Szczeciner selbst gedacht. Denn die waren sich nicht immer ihrer maritimen Traditionen bewusst. Nach 1945, als Menschen aus allen Teilen Polens die von Deutschen weitgehend verlassene Hafenstadt besiedelten, waren nicht viele mit Küstenerfahrung darunter. Heute hat die Stadt immer noch Hafen und Nachfolgebetriebe der Werft, doch arbeiten dort längst nicht mehr so viele Menschen wie in den 70er oder 80er Jahren. Bei der Entwicklung der Ausstellung wirkten Seeleute, Lehrer und Wissenschaftlerinnen aus der Stadt mit.

Auf der Kapitänsbrücke im Mitmach-Museum MCN in Szczecin.

Nancy Waldmann

Ausgestellt sind einige historische Boote von Szczeciner und polnischen Segelmeistern und Weltumquerern: der Kajak des polnischen Abenteurers Aleksander Doba, mit dem der dreimal den Atlantik überquerte oder die 470er-Jolle der Vize-Olympiasiegerin von 2020, Agnieszka Skrzypulec. Man kann sich auch Shanty anhören oder Geschichten von Frauen, die die Welt umsegelten. Kürzlich war Joanna Pajkowska zu Gast, die das allein zweimal allein schaffte.

Im Planetarium in die Sterne gucken

162 Millionen Złoty (38 Millionen Euro) hat man sich das identitätsstiftende EU-geförderte Projekt kosten lassen. Die angepeilten 150.000 Besucher im Jahr hat man schon vor Ende der ersten zwölf Monate um 20.000 übertroffen. Alle vier bis fünf Jahre sollen die Exponate ausgetauscht werden, damit Leute wieder neue Gründe haben, herzukommen, verkündete Direktor Witold Jabłoński zur Eröffnung im Mai 2023.

Teil des Zentrums ist ein Planetarium, wo man in die Sterne gucken und Filme über Astronomie sehen kann. Lecker und sehr modern ist das schiffseigene Bistro, das Essen serviert ein Roboter.

Was es bisher noch nicht gibt, ist ein deutschsprachiges Angebot. Man sei aber dabei, eines zu erstellen, teilt das MCN mit. So lange sind Ausstellungsinfos und Filme in polnischer und englischer Sprache zugänglich.

Preise, Öffnungszeiten und Anfahrt

Das MCN hat täglich außer montags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, am Wochenende 9 bis 18 Uhr, Eintritt 30 Złoty, 25 Złoty ermäßigt (5 / 7 Euro). Vorstellung im Planetarium: 25 Złoty/ 16 Złoty.

Eine Reservierung auf https://bilety.centrumnauki.eu kann besonders am Wochenende sinnvoll sein. Sprachliches Angebot für Ausstellung und Planetarium: Polnisch und Englisch.

Szczecin ist wegen Bauarbeiten von Berlin und der Uckermark derzeit nur über den Umweg Pasewalk mit dem Zug zu erreichen. Aus Richtung Frankfurt (Oder) empfiehlt sich die EC/IC-Verbindung über Rzepin.