Ausgrabungen in Spandau: Grausiger Fund bei Bauarbeiten nahe der Altstadt

Untote und Vampire - ein Friedhof bietet viel Raum für Gruselgeschichten. Bei Bauarbeiten wurde solch ein Ort für die Toten aufgedeckt und ein besonderer Fund gemacht. (Symbolbild)
Hendrik Schmidt/dpaInspiration für Gruselgeschichten bietet ein Fund in Berlin-Spandau. In unmittelbarer Nähe zur Altstadt Spandau wurde während Bauarbeiten ein Friedhof freigelegt.
Zugegeben: Walter Bungs, Projektleiter und Geschäftsführer der Baufirma Bungs und Patzschke, wusste schon bevor er den Auftrag annahm, dass es auf dem Gelände Ausgrabungen geben würde. „Jeder hatte Angst vor dem Baufeld“, sagt der Projektleiter. Diese Angst war jedoch fachlicher Natur und eher bezogen auf Hürden und Mehrkosten bei den Bauarbeiten.
Mysteriöser Friedhofsfund verzögert Bauvorhaben in Spandau
Der Spandauer Bungs hat neben dem geschäftlichen auch ein persönliches Interesse an der Baustelle am Stresowplatz 6–9. „Mich interessiert die slawische Ursprungsgeschichte Spandaus. Daher war ich regelmäßig vor Ort und habe mir den Fortschritt angeschaut“, sagt der Geschäftsführer. Damit meint er sowohl das Vorankommen auf der Baustelle als auch bei den Ausgrabungen.

Neben verzierten Sargbeschlägen aus Bronze wurden auch Ohrringe, Ringe und Münzen gefunden. Aus einem Grab konnten vier Bruchstücke eines aus Sandstein gefertigten Grabsteines geborgen werden. Die Inschrift verrät, dass es sich um die Frau eines Friedrich Schultze handelt, die von 1820 bis 1859 lebte.
Dr. Kay-Uwe Uschmann /archaeofakt Döhner + Uschmann GbRDass sich der Bau dann über ein dreiviertel Jahr verzögern wird, hat selbst er nicht eingeplant. „Wir hatten mit zwei Wochen gerechnet.“ Doch dass ein Friedhof solcher Größe zum Vorschein kommt, sei für alle überraschend gewesen, als im Februar 2021 die Untersuchungen begangen.
Ausgrabungen enthüllen Spandaus Vergangenheit
„Über 400 Gräber auszuheben, brauche seine Zeit“, sagt der Bauleiter, der auf dem ehemaligen Friedhof, nahe dem Bahnhof, aktuell Wohnheime für Studentinnen und Studenten errichtet. Der Rohbau für die 311 Apartments hat jüngst begonnen.
Mit den Funden auf dem Gelände gegenüber vom Rathaus Spandau wurden zahlreiche Daten über Geschlecht, Größe, Alter und nachweisbare Krankheiten damals verstorbener Spandauer aufgenommen. Auch Erkenntnisse über den allgemeinen Zustand der Personen und Besonderheiten wie Zahnerhaltung, Knochenbrüche oder Gewalthinweise konnten gewonnen werden, berichtet Dr. Kay-Uwe Uschmann, dessen archäologischer Grabungs- und Forschungsservice Archeofakt die Untersuchungen durchgeführt hat.
Untoter gefunden auf Spandauer Baustelle
Ein besonderer Fund in den Gräbern ist ein Untoter gewesen, auch Wiedergänger genannt. Im slawischen Volksglauben ist der Wiedergänger eine Art Zombie, der nach dem Tod wieder aufersteht und unter den Lebenden Unheil verbreitet.

Durch den Stein auf dem Schädel wird davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Fund um einen sogenannten Wiedergänger, auch Untoten genannt, handelt. Fesslungen oder Beschweren mit Steinen sollte verhindert, dass der Tote auferstehen kann. Hier wurde als Stein ein sogenannter Netzsenker mit Ankerkettenloch genutzt.
Dr. Kay-Uwe Uschmann /archaeofakt Döhner + Uschmann GbR„Durch Fesselungen oder Beschweren mit Steinen sollte verhindert werden, dass der Tote auferstehen könnte“, erklärt Uschmann, wie das Skelett als Untoter identifiziert wurde. Im 18. und 19. Jahrhundert waren Mythen über Dracula und Vampire stark in Mode, berichtet der Archäologe. Der Untote der Ausgrabungen auf dem ehemaligen Friedhof stamme wahrscheinlich aus dem 18./19. Jahrhundert. Er wurde mit einem neolithischen Netzsenker beschwert.
Spandaus Untergrund birgt Geschichten
„Alle Bestattungen wurden an das Magazin des Landesdenkmalamts Berlin übergeben“, sagt Uschmann. Zukünftig stehen die Skelette und Grabbeigaben wie Ohrringe, Ringe oder Münzen zur weiteren Forschung zur Verfügung. Es könne auch sein, dass sie in einer Ausstellung gezeigt werden. Diese Entscheidung liege jedoch beim Landesdenkmalamt.
Bungs würde hingegen später gerne ein paar Funde im Foyer des künftigen Studentenwohnheims ausstellen. Es sei ein Stück Stadtgeschichte und für die Studierenden bestimmt interessant zu wissen, was sich hier vorher befunden hat.
Dass Spandau noch lange nicht alles aus seiner Geschichte offenbart hat, wurde auch an einem anderen Fund im Juni 2023 deutlich. Auf dem Gelände der Musikschule Spandau wurde die Moritzkirche freigelegt. „Erste archäologische Einschätzungen deuteten darauf hin, dass es sich bei dem Fund um die wohl ältestes bekannte Kirche Berlins handeln könne“, heißt es in der Meldung des Bezirksamtes dazu.
Bezirksbürgermeister Frank Bewig (CDU) zeigte sich begeistert bezüglich dieser Ausgrabung: „Diese Entdeckung ist eine Sensation. Es ist gut möglich, dass die Geschichte neu geschrieben und die Gründung Spandaus auf ein noch früheres Datum zurückdatiert werden kann.“

