Automobilindustrie: Autobranche mit Rückgang

Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, äußert sich nach dem Spitzentreffen zur Zukunft der Autoindustrie im Bundeskanzleramt.
Paul Zinken, Kay Nietfeld/dpaDas hat Auswirkungen auf den Pkw-Markt, wie die am Dienstag in Berlin vom Verband der Automobilindustrie (VDA) vorgestellte Halbjahresbilanz beweist. Laut VDA werden 2019 auf dem Weltmarkt 2 Prozent weniger Pkw abgesetzt werden als im Vorjahr. Große Einbußen gibt es in den USA mit 2 und in China mit 4 Prozent Minus. VDA-Präsident Bernhard Mattes versucht zu beschwichtigen. Doch auch er kennt die Herausforderungen seiner Branche genau. Wir haben die größten Baustellen der Branche zusammengefasst.
Alternative Antriebe Jahrelang hat die Autobranche hierzulande geschlafen, was die Umstellung auf alternative Antriebe anging. Nun rüsten die deutschen Hersteller um. Der Grund ist kein selbst gewählter. Deutschland hat sich den Pariser Klimazielen verpflichtet. In elf Jahren müssen die CO2-Emissionen von Neuwagen um 37,5 Prozent gesenkt werden. Das geht nicht ohne Elektromobilität, ist sich VDA-Präsident Bernhard Mattes sicher: „2030 müssen in Deutschland 7 bis 10,5 Millionen E-Autos im Bestand auf der Straße sein.“ Derzeit fährt nur ein Bruchteil der Deutschen mit einem batteriebetriebenen Vehikel. Von den 47,1 Millionen Pkw in Deutschland haben rund 83 200 einen Elektroantrieb.
Dass sich die Inländer so schwer tun, hat drei Gründe. Zum einen müssen Interessierte bis zu einem Jahr auf das Batteriefahrzeug warten. Zweitens wird es E-Auto-Besitzern erschwert, daheim eine Ladestelle zu bauen. Wenn sie in einem Mietshaus eine Station aufstellen wollen, benötigen sie die Zustimmung aller Mieter. Ist einer dagegen, dürfen sie den Ladepunkt nicht installieren. Und es gibt drittens viel zu wenig öffentliche Lademöglichkeiten. Nur 17 400 Punkte existieren, gebraucht werden eine Million, betont Mattes.
Lösungen für diese Probleme haben Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Fachminister sowie Chefs von Automobilkonzernen vergangene Woche ausgelotet. Sie einigten sich auf ein Gesetz, das Hürden beim Einbau der Ladeinfrastruktur in Häusern abbauen soll. Außerdem sollen steuerliche Anreize für das Laden beim Arbeitgeber geschaffen werden.
Jobschwund „Mobilität wird teurer werden und Arbeitsplätze kosten“, sagt der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, Stefan Bratzel. Sein Institut hat errechnet, dass es einen Netto-Rückgang der Arbeitsplätze von 15 bis 20 Prozent geben wird. Der Grund: Die Produktion von Verbrennungsmotoren ist arbeitsintensiv. Batterieautos hingegen sind weniger komplex und erfordern daher weniger Aufwand.
Daher streichen immer mehr Konzerne Stellen oder besetzen Jobs, die altersbedingt wegfallen, nicht nach. Einer Strukturstudie der Landesagentur für neue Mobilitätslösungen und Automotive Baden-Württemberg zufolge könnten von den 470 000 Arbeitsplätzen in der Automobilbranche bis zu 31 000 Jobs wegfallen.
Zollstreit Die Drohung von US-Präsident Donald Trump, Strafzölle auf europäische Autos zu erheben, steht weiter im Raum. Entwarnung kann VDA-Präsident Mattes nicht geben. Er verweist darauf, wie wichtig konfliktfreie Wirtschaftsbeziehungen sind – für beide Seiten. „Drei von vier Pkw, die in Deutschland produziert werden, gehen in den Export“, sagt Mattes. Die meisten davon nach Großbritannien und in die USA. Allerdings sei das Freihandelsabkommen der EU mit mehreren südamerikanischen Staaten ein hoffnungsvolles Zeichen.
Um die Wogen zu glätten, reist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nächste Woche in die USA. Er will deutlich machen: „Deutsche Unternehmen investieren und schaffen Arbeitsplätze, steigern Exporte aus den USA.“
So viele Autos wurden bis Juni verkauft
Im ersten Halbjahr wurden in Deutschland 1,8 Millionen Pkw neu zugelassen. Das ist ein Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Juni lief jedoch schlecht. Die Neuzulassungen sanken um fünf Prozent auf 325 000. Allerdings hatte der Monat drei Arbeitstage weniger als der Juni 2018.
Die Auslandsaufträge gingen im ersten Halbjahr stark zurück. Das hat Auswirkungen auf die Produktion: Bis Juni liefen zwölf Prozent weniger Pkw vom Band als im Vorjahreszeitraum. Der Export schrumpfte um 15 Prozent.
