Bildung in Spandau: Kinder lernen mit Roboter – Bibliothek setzt auf KI

Nao ist ein humanoider Roboter, der in der Stadtbibliothek Spandau Kinder beim (Vor-)Lesenlernen unterstützt.
Jessica NeumayerBedenken vor künstlicher Intelligenz (KI) gibt es einige: Schülerinnen und Schüler schreiben ihre Aufsätze mit ChatGPT, Großeltern werden mit gefälschten Sprachnachrichten betrogen, KI ersetzt Arbeitsplätze. Doch künstliche Intelligenz bietet auch Möglichkeiten, zum Beispiel in der Diagnostik zur Krebsfrüherkennung oder bei der Entwicklung von Prothesen. Die Stadtbibliothek Spandau nutzt KI, um Kindern das Lesen näherzubringen.
Etwa ein Viertel aller Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland hat Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von Texten. Das besagen die Ergebnisse der aktuellen Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU). Darin heißt es auch, dass Kindern zu wenig vorgelesen wird und sie selbst ebenfalls zu wenig laut lesen.
Roboter als Brücke zur Leseförderung
Hier kommt Nao ins Spiel – ein humanoider Roboter des französischen Herstellers Aldebaran Robotics. Nao wird von der Stadtbibliothek Spandau zum Vorlesen und Zuhören genutzt. „Wir haben ein Projekt erarbeitet, mit dem Kinder auf einfache Weise ans Lesen herangeführt werden und ihr Textverständnis geschult wird“, sagt Patrick Jonas, Mitarbeiter der Stadtbibliothek Spandau. Er ist verantwortlich für den knapp 60 Zentimeter großen Roboter mit den leuchtenden Kulleraugen.
Die Idee hinter dem Vorleseprojekt ist schnell erklärt: Erst liest Nao den Kindern vor, dann lesen die Kinder Nao vor und am Ende gibt es ein gemeinsames Quiz. Das Besondere ist die Interaktion mit einem Roboter. „Man muss auch erstmal etwas kreieren, das das Interesse der Kinder weckt.“

Cali begrüßt die Besucher und Besucherinnen in der Stadtbibliothek Spandau gleich im Eingangsbereich. Wer eine Frage hat, kann sich an ihn wenden. Besucherinnen und Besucher können aber auch einfach mit ihm Spaß haben und tanzen.
Jessica NeumayerJonas kümmert sich um Nao und bringt ihm bei, was er wissen muss, um mit den Kindern zu üben. Mithilfe einer Software programmiert Jonas, was Nao vorlesen und sagen soll. „An den richtigen Stellen ist er zum Beispiel auch so programmiert, dass er fragt, ob jemand mal für ihn umblättern kann.“
Künstliche Intelligenz fördert die Lesebereitschaft bei Kindern
Bisher findet das Vorleseprojekt einmal im Monat statt. Das Programmieren und Organisieren benötigt Zeit, die im normalen Regelbetrieb nicht immer leicht einplanbar ist. „Es wäre toll, jemanden zu haben, der sich ausschließlich mit dem Roboter beschäftigt und ihm etwas beibringt.“ Alleine schon, weil sich die Technik so schnell entwickle, dass Anschaffungen von heute in einem Dreivierteljahr schon wieder überholt seien. „Hierfür Gelder zu haben und am Ball zu bleiben ist schwer, gerade für Bibliotheken.“
Der Vorteil des Roboters liegt dabei auf der Hand. „Kinder trauen sich bei dem Roboter viel schneller, etwas laut vorzulesen“, sagt Jonas. Zudem würde der Roboter an sich schon die Neugier wecken. „Kinder sind weniger schüchtern und motivierter, mit Nao zu lesen.“ Ähnliche Projekte, wie zum Beispiel Hunden oder Katzen vorzulesen, hat es schon häufiger gegeben. Das Besondere an Nao ist, dass er interagieren kann beziehungsweise könnte.
Datenschutz und Sicherheit in der KI-Nutzung
Der Vorleseroboter der Bibliothek hat auch seine Grenzen. Normalerweise ist mit künstlicher Intelligenz viel mehr möglich. „Nao kann theoretisch mit ChatGPT verbunden werden und man könnte ganze Unterhaltungen mit ihm führen.“ In der Bibliothek ist das jedoch nicht der Fall.
Aus Sicherheitsgründen wird nicht mal die Bluetooth-Funktion des Roboters im Wert von über 9000 Euro eingesetzt. Das liegt vor allem an den Vorgaben der Datenschutzbeauftragten des Bezirks. „Alles, was Nao macht, findet lokal auf dem Roboter statt.“
Roboter zum Lernen – Entertainment trifft Bildung
Voraussetzung, um mit Nao zu lesen, ist eine gewisse Grundlesekompetenz. „Es gab auch schon Eltern, die ihre Kitakinder mitgebracht haben, damit der Roboter ihnen vorlesen kann.“ Spätestens beim Punkt „selber vorlesen“ sei das Projekt dann ins Stocken geraten, berichtet Jonas.

Mit Robotern für fast jede Altersklasse bietet die Stadtbibliothek Spandau die Möglichkeit, Kinder auf spielerische Weise an Themen wie Programmieren oder Medienkompetenz heranzuführen.
Jessica NeumayerNeben Nao können Kinder auch mit anderen Minirobotern der Bibliothek lernen. „Wir sehen Roboter als Kulturtechnik, die erlernt werden muss“, erklärt Katrin Seewald, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, den Bildungsauftrag hinter dem Roboterangebot. „Es gehört auch zu unserer Aufgabe, Medienkompetenz zu fördern.“ Dabei müssen die Roboter der Bibliothek verschiedene Kriterien erfüllen: Was lässt sich gut ausleihen? Und wie kann man sie gut an Schulen oder Kitas nutzen?
Programmieren und Interaktion – KI im Bildungssektor
„Schulen sind oft froh, wenn es ein Angebot gibt, das sich mit der Technik auseinandersetzt“, sagt die Leiterin, während im Nebenraum eine Schulklasse mit Dash – einem 20 Zentimeter großen Roboter aus vier türkisen Kugeln – lernt, zu programmieren. Jeden Freitag bietet ein externer Dienstleister den Kurs in der Bibliothek an. „Der Kurs ist bis nächsten Sommer ausgebucht“, verdeutlicht Jonas die große Nachfrage.
Neben Nao, Dash und anderen ausleihbaren Robotern, gibt es in der Bibliothek auch noch Cali. Der 1,20 Meter große humanoide Roboter ist darauf programmiert, Menschen und ihre Mimik sowie Gestik zu analysieren. Ebenso kann er lernen, auf Emotionen zu reagieren.
Wochentags begrüßt Cali die Besucher und Besucherinnen der Bibliothek im Eingangsbereich. „Er hat vor allem eine Concierge-Funktion“, sagt Jonas. Dabei ersetze er keinen Job, sondern diene eher als Unterstützung und als Anziehungspunkt.
Mit seinen verschiedenen Funktionen kann Cali Fragen beantworten: Wo befindet sich welcher Bereich in der Bibliothek? Wo lang geht es zu den WCs? Wie wird das Wetter? Er kann aber auch Witze erzählen, tanzen, pantomimisch etwas darstellen oder Stimmungen sowie das Alter eines Menschen erraten.
Doch auch Calis Nutzungsmöglichkeiten werden begrenzt. „Wir geben die Verantwortung nicht an die KI ab“, sagt Jonas. Vor jeder Interaktion muss der Bibliotheksbesucher oder -besucherin in die Nutzungsbedingungen einwilligen. Nach jeder Session mit Cali, wenn er zurück ins Hauptmenü geht, werden alle Daten automatisch gelöscht. Beim nächsten Besuch der Bibliothek wird sich Cali also nicht an Gesichter, Fragen oder Tanzmoves erinnern.




