Brandenburgs kranke Seele: 2019 war ein schlimmes Jahr für den Wald

Opfer von Hitze und Trockenheit: Eine von Schädlingen befallene Kiefer mit abgefallener Borke in einem Wald am Seddiner See in Potsdam-Mittelmark
Soeren StacheNur jeder zehnte Baum gesund
Und dann kommt der Experte für Waldschäden beim Landesbetrieb Forst zur Diagnose: „Drastischer Anstieg der Schäden innerhalb eines Jahres.“ 37 Prozent aller Bäume gelten als krank, 2018 waren es nur elf Prozent. Oder andersherum: Gerade mal jeder zehnte Laubbaum ist noch völlig gesund, und nur 17 Prozent der Kiefern sind ohne Schäden. „Sie haben sich in den vergangenen Jahren sehr gut gehalten. Aber nach zwei Trockenjahren zeigen auch die Kiefern starke Vitalitätseinbußen“, konstatiert Hentschel.
Seine Erklärungen zu Vergilbung, frühzeitigem Blattabwurf und „erhöhter Fruktifikation“ führen Laien eindringlich vor Augen, dass Bäume Lebewesen sind und in Notsituationen schier verzweifelt auf Selbsterhaltung setzen. "Die Buchen haben in diesem Jahr ganz massiv Früchte ausgebildet. Das ist schlecht und ein Zeichen dafür, dass die Bäume stark geschwächt sind und voll auf Regeneration setzen, also möglichst viele Nachkommen erzeugen wollen.“
Der Juni war fünf Grad zu warm
Die Ursachen dafür, dass Brandenburgs Wald und damit die Seele der Mark leidet, sind klar: Hohe Temperaturen und fehlender Niederschlag. Der Juni 2019 zum Beispiel war im Vergleich zum langjährigen Mittel im ganzen Land fünf Grad Celsius zu warm. Da in jenem Monat die Niederschlagsverteilung regional extrem unterschiedlich war, sind in manchen Gegenden insbesondere im Süden Brandenburgs die Schäden besonders groß.
„Ich hoffe, dass der Wald ein, zwei Jahre Verschnaufpause bekommt, um sich zu erholen. Aber das können wir nicht beeinflussen“, blickt Hentschel voraus. „Grundsätzlich müssen wir in Zeiten des Klimawandels mit überdurchschnittlich warmer und trockener Witterung rechnen.“
Das war es aber noch nicht an Hiobsbotschaften für den Wald in diesem Jahr. Ein Unglück kommt selten allein. „Trockenheit und Hitze sind für viele Tiere eine Wonne“, sagt Katrin Möller, Expertin für Waldschutz beim Landesforstbetrieb. Sie spielt auf Schmetterlinge wie die Nonne an, die sich massenhaft vermehrt und den Nadelbäumen zugesetzt habe, und auf etliche Käferarten, die auch Laubbäumen immer größere Probleme bereiten würden. Hinzu kommen Pilze wie der wärmeliebende Sphaeropsis sapinea. Bislang eher aus südlichen Gefilden bekannt, hat er in diesem Jahr im großen Stil märkische Kieferntriebe angegriffen.
Photosynthese fällt aus
Die Folge der vielfältigen Attacken: „Es gibt an diesen Bäumen keine grünen Nadeln mehr, damit kein Chlorophyll, keine Photosynthese, keine CO2-Aufnahme, keine Sauerstoff- und Zuckerproduktion. Zucker ist nicht für das Wachstum wichtig, sondern auch für die Bildung von Abwehrstoffen gegen Insekten“, erklärt die Expertin die Zusammenhänge.
„Das Ganze potenziert sich“, ergänzt sie. Von Hagel, Sturm, Brand oder Fraß geschädigte Bäume seien immer noch eine gute Brutstätte für weitere Tiere. „Wir haben damit also erhöhte Folgeschäden nach Schadereignissen.“ Der Klimawandel sorge außerdem dafür, dass Schädlinge ihr Werk auf andere Art als bislang bekannt verrichten und dass geschwächte Bäume ihnen weniger entgegenzusetzen haben.
Wie kaum anders zu erwarten, bremst die Dürre auch den Waldumbau. "Die Förster haben uns für 2018 und 2019 gemeldet, dass ihnen die jungen Kulturen vertrocknet sind. So wird es schwierig für die nächste Waldgeneration“, urteilt Katrin Möller.
Erfolg hängt vom wetter ab
Die anlässlich der bitteren Bestandsaufnahme angekündigten Maßnahmen sind vielfältig, aber die Erfolgsaussichten dürften stark vom Wetter abhängen. Mit einer Beratungsoffensive der Förster sollen Waldbesitzer bei der Beräumung der Schadflächen und beim Waldumbau unterstützt werden. Außerdem werden knapp 20 Millionen Euro für die Bewältigung der Folgen der Extremwetterereignisse und für den Waldumbau ausgegeben. Und Forstminister Axel Vogel will im kommenden Jahr zu einen Waldgipfel laden. Der Grünenpolitiker stellt aber vor allem klar: „Die Bevölkerung muss begreifen, der Klimawandel ist nichts Erfundenes, er kommt auf uns zu, und er ist menschengemacht.“
Nach der Dürre kommen Käfer und Pilze
In weiten Teilen Deutschlands werden bei Buchen Vitalitätsverluste bis hin zum Absterben beobachtet. Bereits 2018 zeigten sich Schäden als Reaktion auf die Trockenheit. Für Brandenburg wurden die bislang geringen Stichproben für Buchen vergrößert, um verlässliche Daten zu haben. Ergebnis laut Waldzustandsbericht: 62 Prozent der Probebäume haben deutliche Schäden. Laut Landesforstbetrieb Resultat einer Stressreaktion auf das Jahr 2018 kombiniert mit einer starken Fruchtbildung und dem anhaltenden Wassermangel. Der von oben nach unten ablaufende Blattabwurf bis hin zum manchmal beobachteten Absterben der Oberkrone deckt sich demnach mit der Theorie über den Wassertransport innerhalb von Bäumen. Die obersten Blätter können zuerst nicht mehr versorgt werden, da die Strecke länger ist. Die geschwächten Bäume sind zunehmenden Angriffen von Buchenprachtkäfern, Buchenborkenkäfern und Nutzholzborkenkäfern ausgesetzt. Auch der Befall mit Rinden- und Holzfäulepilzen nimmt zu. ⇥mat
