Chancengleichheit
: Nur der Einsatz zählt - BSR bildet seit 15 Jahren Azubis mit Lernschwierigkeiten aus

Anerkennung – das Gefühl ist für viele der Absolventen noch neu.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Vom Schulschwänzer zum festen Mitarbeiter: Steven Wagner hat trotz schlechter Noten bei der Berliner Stadtreinigung eine Chance bekommen und will nun Bereichsleiter werden.

Maria Neuendorff

„Starterkid“ steht auf den orangefarbenen T-Shirts der jungen Männer, die ihren Kollegen am Montagvormittag applaudieren. Acht von 15 Absolventen des einjährigen Ausbildungsprojektes für Schüler mit Lernschwierigkeiten bekommen ihre befristeten Arbeitsverträge mit der Aussicht auf eine feste Anstellung als Straßen- und Grünflächenreiniger überreicht. Jugendministerin Franziska Giffey (SPD) schüttelt ihnen persönlich die Hand. „Ihr seid die coolen Typen und Mädels, die dafür sorgen, dass unsere Stadt nicht im Dreck versinkt“, sagt die Politikerin.

Anerkennung – das Gefühl ist für viele der Absolventen noch neu. „Kein Abschluss, keine Arbeit, keine Perspektive“, hörten sie damals von Lehrern und Eltern. „Gemeinsam schaffen wir das“, heißt das Projekt, mit dem die BSR seit 15 Jahren Jugendliche mit Schulproblemen in den ersten Arbeitsmarkt integriert. Zum Jubiläum am Montag kamen auch rund 60 von insgesamt 83 Ex-Teilnehmern, die bis heute bei der Stadtreinigung angestellt sind.

Steven Wagner hat sein BSR-Jahr 2010 absolviert. Auch er hatte davor ein Zeugnis mit lauter Sechsen. „Meine Eltern waren selten zu Hause, weil sie viel gearbeitet haben. Mit meinem größeren Bruder habe ich viel Blödsinn gemacht“, berichtet der Charlottenburger. „Als ich dann meine erste Freundin hatte, war mir das wichtiger als Schule. Wir haben viel zusammen geschwänzt.“ 163 Fehltage standen auf seinem Abschluss-Zeugnis.

Drei Monate angelernt

Durch seinen Bruder, der selbst BSR-Praktikant war, kam der Hauptschüler zum Projekt. „Am heftigsten war das frühe Aufstehen“, gesteht er. Auch habe er sich an den körperlich anstrengenden Job erst gewöhnen müssen. „Alleine so ein Laubbläser wiegt ja rund zehn Kilo. Das merkt man schon, wenn man einen Tag damit unterwegs ist“, berichtet der 26-Jährige, dessen tätowierten Arme so aussehen als würde er dazu noch täglich auf der Hantelbank trainieren.

Drei Monate lang wurden Steve Wagner und seine  Truppe angelernt. „Dann bekamen wir schon eine eigene Tour zugeordnet. Morgens um 5.30 Uhr mussten er und sein Team die Flaschen und Zigaretten in Friedrichshain beseitigen, die das Partyvolk hinterlassen hat. „Die Einsatzleitung hat unsere Arbeit mehrmals am Tag kontrolliert. Aber es war auch gut, dass man schnell Verantwortung bekommen hat, so haben wir uns mit der Arbeit identifiziert.“

Sein Bruder hat es  damals nicht geschafft. Nach einem halben Jahr kam ein Moment, da hätte auch Steve Wagner fast hingeschmissen. „Aber ich wollte es auch unbedingt schaffen. Wo kann man sonst mit so schlechten Voraussetzungen bei einem öffentlichen Unternehmen so viel erreichen?“

Inzwischen hat Wagner bei der BSR eine Zusatzausbildung zum Lkw-Fahrer gemacht und darf auch große Kehrmaschinen steuern. Zudem koordiniert er die Straßenreinigung seines Teams am Kottbusser Tor. In einem Jahr will er sich für die Ausbildung zum  Meisterbereichsleiter bewerben.

Doch was er geschafft hat, gelingt nicht allen. „Die Erfolgsquote liegt durchschnittlich bei rund 60 bis 70 Prozent. „Abgerechnet wird nach einem Jahr “, sagt der ehrenamtliche Anleiter Thomas Nordbruch. Dabei wird auf Engagement und Leistung, aber auch auf die Höhe der Krankentage geschaut. „Wenn jemand drei Mal verschläft, ist er aber nicht gleich raus. „Dann muss man sehen, was dahinter steckt“, sagt Nordbruch. Denn die Probleme, die die Teilnehmer mitbringen, seien vielfältig. Von Lernbehinderungen bis hin zu häuslicher Gewalt sei alles dabei.

Den Nachwuchs auf dem Arm

Bei Bedarf gibt es beim Projekt auch zusätzliche Hilfe von Sozialarbeitern. Diese reden dann unter anderem mit den Eltern oder helfen mit Behördengängen. Auch Nordbruch steht immer als Ansprechpartner zur Verfügung, selbst wenn das Praktikums-Jahr vorbei ist. „Wenn die Absolventen dann in einen anderen Stadtteil zu einer Gruppe mit neuen Kollegen und neuen Chefs versetzt werden, sind das weitere Herausforderungen“, weiß der 53-Jährige, der seit über 40 Jahren im Betrieb ist. „Wenn man den Jugendlichen mit Respekt und Aufrichtigkeit begegnet und ihnen Vertrauen entgegenbringt, kann man gemeinsam viel erreichen“, beschreibt er sein Rezept. Sein Lohn sei es, zu sehen, wie aus den schulmüden Jugendlichen Erwachsene werden, die finanziell unabhängig sind und Familien gründen. „Ich wurde schon zu Hochzeiten eingeladen und hatte den Nachwuchs auf dem Arm.“