Corona-Pandemie: Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthal über positive Krisen-Erfahrungen

"Die Grenzen sind nur vorübergehend zu – das ist für mich der wichtigste Gedanke", sagt Professorin Julia von Blumenthal, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
Gerrit Freitag/MOZFrau von Blumenthal, die Viadrina ist nach dem Fall der Grenzen in Europa 1990 neu gegründet worden. Jetzt sind diese Grenzen plötzlich wieder zu. Was empfinden Sie dabei?
Die Grenzen sind nur vorübergehend zu – das ist für mich der wichtigste Gedanke. Wir alle leben derzeit in einer Ausnahmesituation, in der wir auf etwas reagieren müssen, worauf wir nicht vorbereitet waren. Natürlich erfüllt mich mit Sorge, dass der erste Reflex auf diese Situation in vielen Fällen darin besteht, nur auf sich zu gucken. In Deutschland war die erste Reaktion: Wir exportieren keine Schutzausrüstung mehr in andere europäische Länder. Und das kann man in ähnlicher Weise für viele andere Länder durchdeklinieren.
Sind Sie davon überrascht?
Nicht völlig. Das Erstarken nationaler Sichtweisen hatten wir ja schon vorher über Jahre erlebt. In den vergangenen Tagen beobachte ich aber auch, dass der andere Strang – das europäische Denken – wieder stärker wird. Wenn die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, selbst sagt, sie habe die Lage am Anfang unterschätzt, und jetzt aktiver wird, dann ist das ein gutes Zeichen. Wenn Wirtschaftswissenschaftler sagen, in solchen Zeiten müssen wir etwa über Euro-Bonds ganz neu nachdenken, dann heißt das für mich, dass es einen europäischen Gedanken gibt, auf den sich manche wieder besinnen, um auf diese Krise richtig zu reagieren.
Auch die deutsch-polnischen Beziehungen erleben Erschütterungen. Von verstopften Autobahnen bis dahin, dass sich polnische Pendler zwischen dem Arbeiten in Brandenburg und der Heimkehr zu ihren Familien entscheiden müssen. Hätte man dies nicht besser regeln können?
Ich wäre bei der Beurteilung all dieser Dinge sehr vorsichtig. Ich erlebe auch bei mir, dass ich in dieser außergewöhnlichen Situation Antworten auf Fragen finden muss, von denen ich nicht wusste, dass sie mir jemals gestellt würden. Die Krise hat uns doch auch überdeutlich gezeigt, wie stark Deutsche und Polen gerade in der Grenzregion aufeinander angewiesen sind. Das heißt für mich: Wenn wir diese Krise erst einmal überwunden haben oder sie zumindest soweit eingedämmt ist, dass wir wieder klarer denken können, müssen viele Fäden wieder aufgenommen werden, an denen schon gesponnen wurde. Die aber noch nicht fest genug waren, um stärker zu sein als nationale Reflexe.
Wie sieht es mit den geistigen Fäden aus, die Sie ja speziell zur Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan haben?
Ich kann ehrlich sagen: Unsere Zusammenarbeit ist relativ widerständig gegen diese Krise, weil sie seit Jahren eingeübt und auch intensiv ist. Wir verständigen uns im Moment über Videokonferenzen. Da macht es keinen Unterschied, ob jemand in Poznan vor dem Computer sitzt, in Frankfurt (Oder), Berlin oder anderswo. Die einzige Grenze ist vielleicht die Stabilität der Internet-Verbindungen, mit der wir manchmal zu kämpfen haben.
Mit der Mickiewicz-Universität wollen wir unsere gemeinsamen Studienangebote im Sommersemester möglichst gut fortführen. Und wir sind bei der Vorbereitung unseres größten Vorhabens: Im Oktober wollen wir den ersten Master-Studiengang an der European New School of Digital Studies starten. Damit sind wir – so komisch, wie das jetzt vielleicht klingt – genau am Puls der Zeit.
Aus Ihren Worten hört man Hoffnung auf positive Krisen-Erfahrungen?
Diese Hoffnung richtet sich auf die Zeit, wenn wir aus der gegenwärtig akuten Phase heraus sind. Der Digitalisierungs-Schub wird uns auf jeden Fall bleiben. Er wird die Zusammenarbeit über Grenzen oder überhaupt über große Distanzen viel einfacher machen.
Den Modus des Immer-Reisens und Unterwegs-Seins, den wir bisher gepflegt haben, kann man ja durchaus mal grundsätzlich in Frage stellen. Und vielleicht lernen wir gerade jetzt etwas – unter Bedingungen, die sich niemand gewünscht hat – was wir hinterher sehr wertschätzen und unsere Arbeit besser macht.
Ich erlebe bereits, wie ganz viele Lehrende experimentieren und mir sagen: „Ich habe schon lange darüber nachgedacht, eine bestimmte Online-Plattform einzusetzen. Und jetzt tue ich es einfach.“
Viele Menschen teilen die Hoffnung, dass unsere Gesellschaft aus der Krise lernen und in mancher Beziehung besser werden könnte. Was halten Sie als Politikwissenschaftlerin davon?
Eine Krise bringt in den Menschen immer Extreme hervor: In manchen das besonders Gute und in manchen vielleicht auch das weniger Gute. Für mich war eine Äußerung von Bill Gates sehr interessant, den man – wenn man etwas länger zurückdenkt – ja auch nicht nur als Wohltäter im Kopf hat. Der hat auf die Frage, ob die ökonomischen Folgen der derzeitigen Einschränkungen nicht zu gravierend seien, gesagt: Die Wirtschaft können wir wieder aufbauen, Menschenleben können wir nicht wiedergewinnen. Damit hat er eine ganz gute Anleitung für viele derzeitige Abwägungen gegeben.
Gibt es Dinge, die Sie jetzt besonders emotional berühren?
Mein Alltag in Frankfurt (Oder) besteht auch darin, ein-, zweimal in der Woche zu laufen. Da gehörte der Lauf über die Brücke und auf dem Oderdeich in Słubice bisher dazu. Diese Normalität, über die Grenze zu laufen, die mich immer auch emotional berührt hat, ist gerade weg.
Und natürlich bewegen mich die Gedanken an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Słubice, die jetzt nicht zu uns kommen können. Wir sind freilich in der Situation, dass sie alle zu 100 Prozent von zu Hause aus arbeiten können. Bei uns muss sich glücklicherweise niemand zwischen seiner Arbeit und der Familie entscheiden.
Mein ganz persönliches Team ist jetzt auch nicht im Büro. Wir haben aber eingeführt, dass wir vier uns jeden Morgen kurz zusammenschalten. Daraus ist das Ritual entstanden, dass wir jetzt immer eine halbe Stunde miteinander reden. Und das ist vom persönlichen Kontakt her sogar intensiver als früher. Sonst kam ich oft ins Büro, war von Termin zu Termin durchgetaktet und wir liefen ein bisschen nebeneinander her. Vielleicht wird auch das bleiben: Dieser Moment am Morgen, an dem man sich Zeit nimmt und miteinander spricht.
Die Viadrina ist ja sehr stolz auf ihre Internationalität und die Tatsache, dass die Studenten aus über 90 Ländern kommen. Wie kann man solch eine internationale Community zusammenhalten?
Gerade weil es derzeit so viele nationale Reaktionen gibt, braucht es eine Institution wie unsere umso mehr. Wo Menschen Jahre gemeinsam verbringen, nach denen sie gar nicht mehr in nur nationalen Kategorien denken können.
Unsere Internationalität hat auch dazu geführt, dass das Thema Corona für mich schon lange begonnen hatte, bevor hier bei uns die Einschränkungen kamen. Denn wir haben eine Partneruniversität in Chongqing. Das ist die Nachbarregion von Hubei und Wuhan. Als alle hier noch dachten, Corona sei nur eine Angelegenheit von China, waren wir schon mit der Frage beschäftigt: Was machen wir eigentlich mit den chinesischen Studenten, die jetzt im Sommersemester zu uns hätten kommen sollen?
Und wie lautet Ihre Antwort?
Wir haben gesagt: Das Wichtigste für uns ist der persönliche Kontakt zu unseren Studierenden. Das können wir uns als relativ kleine Universität zum Glück auch leisten. Also haben wir keine Internetseite mit den technischen Informationen für ausländische Studierende eingerichtet, sondern unser International Office hat gesagt: Wir kennen all die Leute, wir haben ihre Mail-Adressen, deshalb übernehmen wird den persönlichen Kontakt und kommunizieren mit ihnen direkt. So ist es auch immer möglich zu entscheiden, was für den Einzelnen jetzt der beste Weg ist.
Wie sind die Reaktionen darauf?
Unterschiedlich. Ein deutscher Student, der schon seit einem Semester in Rom ist, hat gesagt, er möchte dableiben. Weil jetzt die Reise das Komplizierteste für ihn wäre.
Eine Studentin in Spanien hat ihren Aufenthalt abgebrochen. Unser Verständnis ist, dass wir alle möglichst individuell beraten, was die beste Entscheidung ist. So bleiben wir jetzt als internationale Gemeinschaft ziemlich stark.
Ihre Universität bereitet sich also auf ein ganzes Semester nur mit Online-Vorlesungen vor?
Ich bin sogar etwas optimistischer und möchte nicht ausschließen, dass wir bestimmte Zusammenkünfte in kleineren Gruppen auch schon im Laufe des Semesters wieder möglich machen können. Oder dass zumindest mündliche Prüfungen und kleine Kolloquien möglich werden.
Es gibt ja momentan auch den Begriff „Nullsemester“, der aus der guten Intention entstanden ist, dass diese Monate den Studierenden nicht auf ihre Regelstudienzeit angerechnet werden. Für mich ist aber wichtig, dass der gesamte Notbetrieb, den wir jetzt machen, letztlich darauf gerichtet ist, den Studierenden ein möglichst gutes Angebot zu machen. Wir wissen zwar schon, dass wir das nicht zu 100 Prozent hinkriegen werden. Aber wir werden so viel wie möglich machen und deshalb finde ich die Formulierung „Nullsemester“ irreführend.
Es kann ja auch ein Semester Lebenserfahrung werden?
Das wird es garantiert für uns alle.
Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.
Zur Person
Die Politikwissenschaftlerin Julia von Blumenthal (49) steht seit anderthalb Jahren an der Spitze der Europa-Universität Viadrina. Zuvor hatte sie die Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät der Berliner Humboldt-Universität vier Jahre lang als Dekanin geleitet. Von Blumenthal, die im hessischen Marburg geboren wurde, hat sich in ihrer wissenschaftlichen Karriere, die sie unter anderem an die Universität im australischen Sydney führte, mit grundsätzlichen Fragen der bundesdeutschen und internationalen Politik beschäftigt. Bereits ihr Urahn Georg von Blumenthal, Domdekan des Bistums Lebus, war im Jahr 1513 schon Rektor der Viadrina.