Coronavirus
: Potsdamer Klinikum wird zum Problemfall

Was führte dazu, dass im Krankenhaus Ernst von Bergmann mehr Patienten am Coronavirus starben als anderswo?
Von
Ulrich Thiessen
Potsdam
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Der Corona-Ausbruch im Ernst-von-Bergmann-Klinikum forderte bisher 24 Todesopfer. Für Neuaufnahmen ist die Klinik gesperrt. Nur schwere Fälle wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte dürfen noch eingeliefert werden.

Christophe Gateau/dpa

Was noch schwerer wiegt als diese, zugegebener Maßen hypothetische Statistik ist, dass eines der größten Krankenhäuser des Landes, die Schwerpunktklinik für den ganzen Südwesten Brandenburgs, ihre Patientenaufnahme einstellen musste, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen drei leitende Ärzte und die beiden Geschäftsführer prüft und die Mitarbeiter hochgradig verunsichert sein dürften.

Verunsichert ist wohl auch die Öffentlichkeit, wenn sie hört, dass die besonders bedrohten Patienten der geriatrischen Abteilung nicht streng isoliert untergebracht waren und ihre Wege durch verschiedene Abteilungen der Klinik nicht mehr nachvollziehbar sind. Außerdem wurden nach Angaben der Klinik von rund 2300 Mitarbeitern mittlerweile 103 positiv auf das Virus getestet. Lokale Medien berichten, dass auch ihre Einsatzbereiche im Klinikum nicht exakt rekonstruiert werden können.

Zu den unklaren Fragen gehört auch, wieso das Krankenhaus in Zeiten von Corona eine so voll belegte Abteilung mit hochbetagten Risikopatienten hatte, und warum man sich bei Ernst von Bergmann nicht auf die herannahende  Krankheitswelle konzentrierte. Schließlich gibt es in Potsdam ein kleines evangelisches Krankenhaus, das sich auf die Betreuung betagter Patienten spezialisiert hat.

Vieles dreht sich in der Klinik ums Geld

Vom Zwang Geld zu verdienen, ist in diesem Zusammenhang die Rede. Und um Geld dreht sich viel im Zusammenhang mit dem Ernst von Bergmann. Das kommunale Krankenhaus der Stadt meldete sich immer wieder mit der Forderung zu Wort, dass die Zuschüsse des Landes zu den Krankenhausinvestitionen viel zu gering bemessen sind. Gleichzeitig sammelten die Mitarbeiter zum Jahreswechsel tausende Unterschriften, um nach mehr als einem Jahrzehnt Sparkurs die Rückkehr zu Tariflöhnen durchzusetzen.

Vor rund zehn Jahren sorgte das Klinikum für Ärger, als Pläne öffentlich wurden, ein drittes Herzzentrum im Land in Potsdam zu etablieren, um mit den großen Berliner Kliniken um Patienten und medizinische Spitzenkräfte konkurrieren zu können, wie es hieß. Die beiden etablierten Herzkliniken in Cottbus und Bernau fürchteten damals, dass damit ihre Standorte gefährdet seien und setzen sich bei der Landespolitik durch.

Umstritten war auch die Aufstockung des Potsdamer Klinikgebäudes um das sogenannte  Belvedere. Das ist eine Etage mit Apartments, in denen Privatpatienten in entsprechend ausgestatteten Apartments mit Blick über die Stadt genesen und für zusätzliche Einnahmen sorgen sollen.

Zurück zur aktuellen Situation. Am Wochenende rund um den 29. März spitzte sich die Lage im Klinikum zu. In dieser Lage wurden zwei Tage lang keine Zahlen von Infektionsfällen und Verstorbenen gemeldet. Laut Infektionsschutzgesetz müssen diese umgehend, aber auf jeden Fall  innerhalb von 24 Stunden gemeldet werden. Ende vergangener Woche wurde das Robert-Koch-Institut eingeschaltet. Die Experten legten inzwischen einen Bericht vor. Am Montag leitete Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen drei leitende Ärzte ein, einen Tag später auch gegen die beiden Geschäftsführer der Klinik.

Wer wusste wann was?

Längst ist ein Streit entbrannt, wer wann was wusste. Der Oberbürgermeister hatte sich früh kritisch zu den Zuständen im Klinikum geäußert. Er sollte sich auskennen. Jahrelang saß er im Aufsichtsrat und hat die Entwicklung des Krankenhauses begleitet.

Heute stellt sich die Frage, ob das städtische Gesundheitsamt nicht früher agieren konnte, weil es die wahren Ausmaße der Durchseuchung nicht kannte. So lautete am Dienstag der Vorwurf der Stadtverwaltung an die Klinikleitung. Hinter der Schuldfrage schwingt längst die Frage nach möglichen Haftungen mit. Die Stadtverordneten fordern inzwischen Aufklärung. Die Opposition wirft dem Oberbürgermeister seit Tagen Intransparenz vor. Die Angehörigen der Todesopfer haben das Recht auf eine Antwort.

Lesen Sie hier weitere Informationen: Bergmann-Klinikum erhält Auflagen nach Häufung von Corona-Infektionen

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Coronablog.

Zahlen der Verstorbenen steigen weiter

Vom Dienstagabend bis Mittwochnachmittag sind drei weitere Menschen im Bergmann-Klinikum gestorben. Nach Angaben der Stadt eine 92-Jährige, ein 80-Jähriger und eine 57Jährige, die alle an Vorerkrankungen gelitten hatten. Die Zahl der Infizierten in der Landeshauptstadt ist auf 362 gestiegen, 700 Personen befinden sich in Quarantäne, 52 gelten als genesen.⇥thi