DDR-Architektur in Berlin
: Leipziger Straße – faszinierende Geschichte der Plattenbauten

Wohnen zwischen Pracht und Platte: Eine neue Ausstellung im Mitte-Museum Berlin erzählt die Geschichte des DDR-Wohnkomplexes Leipziger Straße und seiner Bewohner.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Die Fotos von Monika Uelze, Mitarbeiterin im VEB Wohnungsbaukombinat Berlin, die derzeit in der Ausstellung „Wohnkomplex Leipziger Straße“ im Mitte Museum gezeigt werden, waren vorher nie öffentlich zu sehen. Dieses hier stammt aus dem Jahre 1979.

    Die Fotos von Monika Uelze, Mitarbeiterin im VEB Wohnungsbaukombinat Berlin, die derzeit in der Ausstellung „Wohnkomplex Leipziger Straße“ im Mitte Museum gezeigt werden, waren vorher nie öffentlich zu sehen. Dieses hier stammt aus dem Jahre 1979.

    Monika Uelze/Sammlung Mitte Museum
  • Blick im Oktober 2023 auf den Wohnkomplex Leipziger Straße in Berlin-Mitte

    Blick im Oktober 2023 auf den Wohnkomplex Leipziger Straße in Berlin-Mitte

    Maria Neuendorff
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Eine Wohnung an der Leipziger Straße in Berlin zu bekommen, war wie ein Sechser im Lotto, erinnert sich Karin Levinn. Bevor sie die neue Bleibe im Januar 1973 zugewiesen bekam, hatte sie mit ihrer Familie in einer Schusterwerkstatt in Weißensee gehaust. „Die Wohnung an der Leipziger Straße war für uns wie ein Schloss“, sagt die Rentnerin.

Karin Levin ist eine der Zeitzeugen, deren Bericht in der neuen Ausstellung „Wohnkomplex Leipziger Straße“ im Mitte-Museum zu hören ist. Die Ausstellung, die bis zum 26. Februar 2024 in dem Haus an der Pankstraße zu sehen ist, zeichnet die Planungs- und Baugeschichte der Plattenbauten nach, die 1969 bis 1982 an der Leipziger Straße zwischen Spittelmarkt und Charlottenstraße errichtet wurden.

Wohnquartier als Schaufenster sozialistischen Lebens

Dabei hebt die kleine Schau besonders auch Gestaltungsdetails wie Stadtmobiliar und Formsteine hervor und zeigt zudem, wie „Stadt“ in den 1970er-Jahren gedacht, geplant und gelebt wurde. Denn die Hochhäuser beiderseits der Leipziger Straße sollten nicht nur eine Antwort auf die Wohnungsnot in Ost-Berlin geben, sondern sollten zugleich ein Schaufenster des sozialistischen Lebens sein.

So sieht man auf alten Schwarzweißaufnahmen, die bisher noch nie öffentlich gezeigt wurden, Passanten vor Geschäften bummeln und Kinder am Springbrunnen Eis essen. Dazu finden sich kurze Erklärungen zur Geschichte.

Ausgearbeitet hat die Ausstellung eigentlich ein Nachwende-Geborener und Zugezogener. Edouard Compere erblickte 1990 in Frankreich das Licht der Welt und lebt seit 2011 in Berlin. „Ich habe die Leipziger Straße schon vor meiner Arbeit im Stadtmuseum kennengelernt, und sie hat mich einfach nicht mehr losgelassen“, berichtet der Ausstellungskurator, der selbst in Friedrichsfelde wohnt.

Vergleich zur Planstadt Eisenhüttenstadt

Als studierten Kunsthistoriker habe ihn anfangs vor allem die Formsprache angesprochen, die sich durch den gesamten Komplex zieht. Compere zeigt auf geschwungene Steine, die er für die Ausstellung aufgetrieben hat. „Die Formsprache zog sich auch durch die Inneneinrichtung“, sagt der 43-Jährige. Zum Beweis hat er Bilder der Restaurants „Praha“ und „Sofia“ aufgetrieben, in denen man, umgeben von Keramiken und Buntglasfenstern, einst Eisbecher „Schwarzmeerküste“, Mussaka und Salami-Platte mit Paprika-Salat ordern konnte.

Menschen schlendern 1978 in Wohnkomplex Leipziger Straße an Geschäften vorbei.

Monika Uelze, Sammlung Mitte Museum

„Leider ging von der Ersteinrichtung bei Umbauarbeiten nach der Wende viel verloren“, sagt auch Martin Maleschka. Der Architekt, Fotograf und Autor lebt selbst in Eisenhüttenstadt, wo zu DDR-Zeiten ähnliche Wohnkomplexe nach den „16 Grundsätzen des Städtebaus“ hochgezogen wurden. Der 41-Jährige selbst versteht sich als Botschafter, der für den kulturellen Wert des künstlerischen und gebauten Erbes der DDR wirbt. Er nimmt dabei eine bewusst unpolitische, ideologiefreie Position ein.

Ein Kind steht im September 1979 an einem Schmuckbrunnen im Wohnquartier Leipziger Straße in Ost-Berlin. Die Fotos aus der Sammlung des Mitte Museums mussten zum Teil für diesen Artikel leicht beschnitten werden.

Monika Uelze/Sammlung Mitte Museum

An dem Wohnkomplex Leipziger Straße interessiert Maleschka besonders das „schöne Wechselspiel zwischen Städtebau und Kunst.“ Selbst die Arztpraxen in den Wohnscheiben an der Leipziger Straße waren mit künstlerischen Elementen wie Keramik und Reliefs ausgestattet, erklärt der Architektur-Experte, der mehrere Publikationen über das DDR-Bauwesen verfasst hat.

Wohnkomplex komplex geplant – mit Delikat- und Exquisit-Laden

Seiner Meinung nach erkennt man den Anspruch der damaligen Planer schon an der Bezeichnung Wohnkomplex. „Das Wohnquartier wurde so komplex geplant, dass alles da war, was man braucht, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen“, erklärt Maleschka.

Die Kultur-, Versorgungs- und Handelseinrichtungen befinden sich bis heute am Sockel der Hochhäuser in zweigeschossigen Flachbauten. Am Spittelmarkt gab es damals unter anderem ein großes Exquisit-Modegeschäft, in dem man die Ware ausgewählter Modedesigner kaufen konnte, die zur Leipziger Messe ausstellten. Zwischen den Hochhäusern befand sich auch ein großes Delikat-Feinkosthaus mit sonst eher schwer zu bekommenden Leckereien, die aber auch um einiges mehr kosteten.

„Es war aber für jeden Geldbeutel was dabei“, betont Karin Levin. Die ehemalige Kita-Erzieherin, die noch mit Plumsklo auf dem Hof aufgewachsen ist, erinnert sich nach dem Umzug an die Leipziger Straße unter anderem an zwei Schuhgeschäfte. Ein normales, in dem sich auch Otto Normalverbraucher einkleiden konnten. Und ein elegantes, in dem man sich etwas Besonderes, zum Beispiel für den Besuch eines Konzertes im Palast der Republik, habe kaufen können.

Eingang eines Wohnhauses im Wohnkompex Leipziger Straße in Berlin-Mitte

Maria Neuendorff

„Im Fischgeschäft sind auch die Amis einkaufen gegangen. Wo jetzt das Chinesische Restaurant ist, gab es eine Physiotherapie mit Schwimmbecken“, erinnert sich die Zeitzeugin im Ausstellungsinterview. „Es wurde viel für die Bewohner getan.“ Als Levin und ihre Familie als eine der ersten eine Vier-Raum-Wohnung im neuen Quartier zugewiesen bekamen, war sie schon dreifache Mutter. „Die Kinder haben sich gerne auf den Baustellen herumgetrieben. Anfangs gab es ja noch keine Spielplätze.“

150 Wohnungen für ausländische Diplomaten

Insbesondere östlich der Jerusalemer Straße wurde eine Reihe besonders großer Wohnungen gebaut, die kinderreichen Familien zugewiesen wurden. 150 Wohnungen auf der Nordseite der Leipziger Straße waren ursprünglich ausschließlich für ausländische Diplomaten sowie Journalisten vorgesehen. Die mit bis zu sechs Zimmern ausgestatteten Wohnungen konnten für Empfänge und andere Formen der Repräsentation genutzt werden. „Aufgrund der räumlichen Konzentration war zugleich die Überwachung der diplomatischen Vertreter/innen einfacher“, erklärt Compere in einem Abschnitt der Ausstellung.

Besonders die Nähe zur Mauer sei ein Grund gewesen, dass man besonders darauf Acht gegeben habe, wer in das Viertel unweit des Potsdamer Platzes zieht. Allerdings verfügte das Zentralkomitee der SED im Mai 1975, dass im Wohnhaus am östlichen Ende auch DDR-Bürger einziehen sollten. „Wahrscheinlich war der Mangel an modernen Wohnungen ein Grund für diese Entscheidung“, vermutet der Ausstellungskurator.

In den insgesamt acht Hochhäusern des Wohnkompexes Leipziger Straße gibt es 1400 Wohnungen. Etwa 1000 davon sind heute Eigentumswohnungen. Die restlichen 400 gehören der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft WBM.

Maria Neuendorff

Die acht paarweise errichteten 23- und 25-geschossigen Wohnhochhäuser auf der Südseite der Straße wurden in einer Stahlbeton-Skelettmontagebauweise um ihre inneren Gleitbaukerne errichtet. Bis heute wird überliefert, dass es bei den besonders hohen Plattenbauten auch darum ging, dem direkt hinter der Mauer befindlichen Axel-Springer-Hochhaus etwas entgegenzusetzen und auch die Sicht auf die westlichen Werbetafeln und Nachrichten-Leuchtschrift auf dem gegenüberliegenden GSW-Hochhaus zu nehmen.

Doch auch die ostdeutsche Platte an der Leipziger Straße war nicht grau. „Ihre bunte Farbgestaltung folgte einem Schema, das sich durch den ganzen Komplex zog“, sagt Architektur-Experte Maleschka. Leider hätten nach der Wende die Neu-Eigentümer der einzelnen Bauten machen können, was sie wollten. „Nur bei den Häusern, die heute der städtischen Wohnungsbaugesellschaft WBM gehören, hat man die Farben fast wieder originalgetreu hergestellt.“

Medienkunst im ehemaligen tschechischen Kulturzentrum

Im Kontrast zu den Wolkenkratzern stehen die langgezogenen 14-geschossigen Wohnscheiben in Plattenbauweise auf der Nordseite, in deren glänzenden Fassaden sich das Ensemble spiegelt. Statt Espresso-Bar und Nationalitäten-Restaurants gibt es heute Lidl und eine verrauchte Spielothek. Doch im Musikkindergarten finden sich noch besonders gestaltete Holztreppen und Wandbilder.

Auch eine Friedenstaube hat die Zeiten überdauert, genauso wie weiße gewellte Beton-Ornamente an Teilen der Ladenpassagen. In ein länger leerstehendes Ladengeschäft ist inzwischen ein Musik-Salon gezogen, in dem private Cello-Konzerte veranstaltet werden. Im Gebäudekomplex des ehemaligen tschechischen Kulturzentrums zeigt die Julia Stoschek Foundation heute internationale Medienkunst.

In den Ladenpassagen im Wohnkomplex Leipziger Straße in Berlin finden sich unter anderem weiße gewellte Beton-Ornamente als Schmuckelemente.

Maria Neuendorff

Zwar steht der Wohnkomplex Leipziger Straße nicht wie die Karl-Marx-Allee unter Denkmalschutz. „Doch zum Glück hat das Stadtplanungsamt schon vor 15 Jahren die Bedeutung der Straße erkannt“, sagt Ephraim Gothe (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung. So werde man im Viertel hinsichtlich der Bebauung nichts mehr ändern. „Wir geben große Acht darauf, dass das Ensemble weiterhin so erlebbar bleibt.“

Maleschka findet, dass man den Komplex nicht nur erhalten, sondern vielleicht auch heute noch als gutes Beispiel für zügigen Wohnungsbau heranziehen könnte. „In Zeiten, in denen serielles Bauen angesagt ist wie nie, könnte man sich in Art und Gestaltung der Leipziger Straße durchaus eine Scheibe abschneiden“, meint der Architektur-Fotograf. Generell würde er sich wünschen, dass zumindest die Leistungen mancher Planer im Osten mehr sichtbar gemacht würden. „Und man ihnen wie zum Beispiel mit der Ausstellung etwas Wertschätzung entgegenbringt.“

Karin Levin lebt übrigens noch heute im Wohnkomplex Leipziger Straße in einer kleineren Wohnung als damals. „Es ist zwar nicht mehr so schön hier“, findet sie. Es gebe inzwischen viel zu viel Autoverkehr. „Aber ich würde meine Wohnung hier niemals aufgeben.“

Museum und Führungen

Das Mitte-Museum befindet sich nicht in der historischen Mitte Berlins, sondern an der Pankstraße 47 in Gesundbrunnen, da der Stadtteil seit der Bezirksreform ebenfalls zu Berlin-Mitte gehört. In dem ehemaligen Schulbau aus dem 19. Jahrhundert können gleich mehrere Ausstellungen zum Thema Berlin kostenlos besucht werden.

Die Schau „Wohnkomplex Leipziger Straße - Planen, Bauen und Leben in der Hauptstadt der DDR“ ist bis zum 26. Februar 2024 zu sehen. Am 26. Oktober 2023 um 18 Uhr diskutiert Kurator Edouard Compere unter der Überschrift „Akut gefährdet! Baukulturelles Erbe der DDR.“ mit dem Architekten Martin Maleschka über die Herausforderungen und Chancen im Umgang mit der Ostmoderne.

Die nächsten Vor-Ort-Führungen durch den Wohnkomplex Leipziger Straße finden am 20. Oktober und 3. November 2024 jeweils von 12 bis 14 Uhr statt. Treffpunkt ist Leipziger Straße 58. Alle Infos unter mittemuseum.de.