DDR-Wirtschaftsgeschichte: Mit Haut und Haaren Unternehmer
Im November jährt sich der Fall der Mauer zum 30. Mal. Vieles ist seitdem über die DDR geschrieben worden. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die Teil der DDR-Wirtschaftsgeschichte sind.
Heinz Dürr hat mehr als zwei Jahrzehnte lang Geschäfte mit der DDR gemacht – als die Wiedervereinigung kam, wurde er Chef der West- und der Ostdeutschen Bahn. Auch mit 85 Jahren ist er weiter Unternehmer.
Dürr steht am Fenster seines Berliner Büros, vom siebten Stock blickt er direkt auf den Gendarmenmarkt, rechts der Dom, auf der linken Seite der Fernsehturm. Mit 85 Jahren könnte er seinen Lebensabend auch irgendwo auf Mallorca oder in der Schweiz verbringen. „Aber ohne Aufgabe ist das alles nichts“, sagt er und zieht an einem Zigarillo.
Heinz Dürr hat seine Firma 1989 an die Börse gebracht. Die Dürr-Gruppe, ein Maschinen- und Anlagenbauer, beschäftigt heute in 31 Ländern mehr als 14 000 Mitarbeiter. Er selbst war in den 1980er Jahren Chef beim Elektrokonzern AEG und nach der Vereinigung in Personalunion Präsident und Generaldirektor bei der Deutschen Bundesbahn (West) und der Reichsbahn (Ost).
Doch Dürrs Erfahrungen mit der DDR-Wirtschaft hatten viel früher begonnen. 1963 reiste er erstmals „ins andere Deutschland“, nach Eisenach. Die Firma Dürr verkaufte den Wartburgwerken eine Lackieranlage, danach folgten zahllose weitere Reisen in die DDR und viele Geschäftsabschlüsse.
Die DDR-Betriebe seien „Kunden wie aus jedem anderen Land gewesen“, so der Unternehmer. Die Generaldirektoren wollten immer „Spitzenqualität, und die konnten wir liefern“, sagt der Schwabe stolz. „Untereinander sind die sogenannten sozialistischen Bruderländer beinhart miteinander umgegangen“, weiß er, oftmals hätten die DDR-Firmen den Westdeutschen den Zuschlag gegeben.
Auf der Leipziger Messe, die er zusammen mit seinen Mitarbeitern fast jedes Jahr besucht hat, lernte er die DDR-Wirtschaft und deren Vertreter kennen. Dürrs Firma stellte dort Anlagen aus, die nach der Schau nicht wieder nach West-Deutschland gebracht werden sollten.
„Da die DDR nie genug DM-Reserven hatte, wurde dort mit allen denkbaren West-Währungen gehandelt“, erläutert Dürr. In einem Jahr tauchte eine Delegation eines VEBs auf und interessierte sich für eine Maschine. Kostenpunkt 500 000 DM. Ob er auch Niederländische Gulden annehmen wolle, wurde Dürr gefragt. Er bejahte. Wenig später tauchte am Messestand ein Mann im Ledermantel auf und überwies Niederländische Gulden im Gegenwert von 500 000 DM.
Über den Fall der Berliner Mauer im November 1989 sagt Dürr: „Ich habe das gar nicht überraschend gefunden.“ Ein Jahr davor nämlich waren Monteure seiner Firma im Trabantwerk in Zwickau zu einer Weihnachtsfeier eingeladen, und die Stimmung dort war total am Boden. „Die Leute waren verbittert, sie hatten kein Material, keine Ersatzteile“, erzählt Dürr. Einer der Monteure habe damals prophezeit: „Spätestens in einem Jahr kommen die rüber und wollen die D-Mark“. Trotz seines Hintergrundwissens ließ sich Dürr in den Monaten nach dem Mauerfall von der Aufbruch-Stimmung, die damals überall zu spüren war, mitreißen.
Dennoch bewahrte er sich einen realistischeren Blick auf die Dinge als viele der 80 Millionen Bürger beider deutscher Staaten. Während allgemein noch geglaubt wurde, die DDR sei die zehntgrößte Industrienation der Welt, so wie es auch von vielen Experten immer gesagt wurde, war Heinz Dürr und befreundeten Managern wie dem damaligen Daimler Benz-Chef Edzard Reuter schnell klar geworden, „dass es in der DDR keinen einzigen Betrieb gab, der mit den Spitzenunternehmen der BRD konkurrenzfähig gewesen wäre“.
Doch Dürr wollte den Umbau mitgestalten, dafür war er sogar bereit, DDR-Wirtschaftsminister zu werden. Wenige Tage vor den Wahlen am 18. März 1990 fragten ihn die SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel und Ibrahim Böhme, ob er das Amt übernehmen wolle, sollte die SPD in eine Koalitionsregierung eintreten. Dürr erinnert sich heute mit leichtem Grausen an die Zusammenkunft.
Vogel hatte damals in Berlin-Neukölln ein Bürgerbüro in einem Hinterhaus. Kettenraucher Böhme, der wenig später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, saß auf einem „spießig geblümten Sofa und erklärte, er sei Hegelianer“, so Dürr.
Nur wenige Stunden nach dem Treffen wurden die Wahlergebnisse bekanntgegeben: Als Sieger stand die CDU fest, und Dürr wurde wenige Monate später Bahn-Chef für Ost und West.
Mit den Erfahrungen, die Dürr in den Jahrzehnten in Eisenach, Leipzig und Berlin gemacht hatte, ging er bei der Reichsbahn an die Arbeit. Doch nicht nur die Angestellten der Ex-DDR waren skeptisch, auch die westdeutschen Bahn-Mitarbeiter hätten lieber auf die Fusion verzichtet.
Da es in der DDR ein Gesetz gab, das vorsah, alle Güter, die weiter als 50 Kilometer transportiert werden, automatisch mit der Bahn zu fahren, brach das Geschäft nach dem Fall der Mauer weg. Lkw-Spediteure aus dem Westen übernahmen die Geschäfte. Bei der Reichsbahn blieben unzählige Loks ungenutzt stehen, während die Deutsche Bahn zu wenige Loks hatte, auch aufgrund des extrem gestiegenen Personenverkehrs zwischen Ost und West. Doch die Lokführer der Deutschen Bundesbahn wollten keine Ost-Loks.
Da kam Dürr auf einen Trick. „Ich sprach auf einer Lokführerversammlung und sagte, die Loks seien besser ausgestattet als die im Westen. In den Ost-Loks gab es sogar Handwaschbecken im Führerstand“, sagt Dürr. Das Argument zog, und fortan wurden die Ost-Loks auch im Westen eingesetzt.
Dass der schwäbische Unternehmer mit Haut und Haaren bei den Bahn-Mitarbeitern beliebt war, war jüngst im Magazin „Stern“ zu lesen. Dort sagte ein Zugführer, der seit über 30 Jahren im Dienst ist: „Der alte Bahnchef Heinz Dürr hat was für uns getan, das war ´ne schöne Zeit. Wir haben gesehen: Es wird besser.“
So etwas hört Heinz Dürr gerne, aber für ihn ist die Gegenwart genauso wichtig wie die Vergangenheit. Die Geschäfte der Dürr AG werden zwar von externen Managern geleitet, aber mit seiner Dürr Invest GmbH ist er heute an mehreren Start-ups beteiligt, die sich vor allem mit Elektromobilität befassen. Was ihm aktuell in der politischen Landschaft fehlt, ist eine klare Zielvorgabe für die Industrie. „Vor allem braucht es massive Investitionen in Bereiche wie Künstliche Intelligenz (KI) und Elektromobilität“, gibt der Geschäftsmann die Zukunfts-Agenda vor.


