Diskussion an der Europa-Uni: Wenn der FDP-Chef Merkel googelt

Kritik auf offener Bühne: Christian Lindner (l.) erhält einen "Blauen Brief" von zwei "Friday-for-Future"- Aktivisten, die sein Angebot zur Diskussion aber ausschlagen.
Agnieszka LindnerSo bleibt dem FDP-Chef die Rolle, all das zu kritisieren, was vermeintlich falsch läuft in diesem Land. Dass er dabei ein begnadeter Rhetoriker ist, stellt der 40-Jährige am Donnerstag auch bei einer Diskussion an der Frankfurter Europa-Uni unter Beweis. „Schon auf der Fahrt hierher habe ich gelernt, dass das polnische Mobilfunknetz stärker ist als das deutsche.“ Diesem Eingangs-Bonmot schließen sich zahlreiche weitere an, in einem Vortrag, der sich doch mit dem ernsten Thema "Westliche Werte unter Druck?“ beschäftigt.
Als Lindner beschreibt, dass kommerzielle Datensammler eine Gefahr „für unsere Privatheit sind“, fällt ihm als Beispiel jedoch ausgerechnet ein, dass er nicht möchte, „dass alle erfahren, wenn ich nachts Angela Merkel google“. Schwingt da etwa noch die verpasste Vize-Kanzlerschaft mit?
Weil längst jedoch die Grünen der FDP den Rang abgelaufen haben, und Lindner den "Friday-for-Future“-Demonstrierenden leichtfertig empfohlen hatte, sie sollten den Klimaschutz „den Profis überlassen“, nimmt dieses Thema den breitesten Raum ein. Der Liberale führt Argumente ins Feld, die Beifall beim Publikum finden: Etwa die Überlegung, dass ein Landbus, in dem nur fünf Fahrgäste sitzen, „kaum ökologischer ist, als ein mit Hybridantrieb ausgestattetes Taxi“. Oder dass jeder, der beim Fliegen ein schlechtes Gewissen habe, „als mündiger Bürger zum Ausgleich ja CO2-Kompensationen bei einem Start-Up-Unternehmen kaufen kann“.
Lindners Ausführungen gipfeln in der Überzeugung, dass auch beim Klimaschutz die Politik nur den Rahmen setzen und alles andere dem Markt überlassen sollte. Dass der Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038 „zu teuer und falsch angepackt“ sei, hätte ihm der Vertreter eines Energiekonzerns bestätigt, „der sich darüber freute, dass die Konzerne für ohnehin veraltete Kraftwerke jetzt auch noch viel Geld vom Staat bekommen – das sind unsere Steuergelder.“
An seinem Image als Klima-Versteher muss Lindner dennoch weiter arbeiten. Das zeigt die Aktion von zwei „Friday for Future“-Aktivisten, die dem Politiker einen symbolischen blauen Brief überreichen, anschließend aber sofort den Hörsaal verlassen. Lindner reagiert betont lässig: „Schade, ich hätte gern mit den beiden diskutiert.“