Vor fünf Jahren, hunderttausende Flüchtlinge kamen nach Deutschland, mussten in den Kreisen und Kommunen provisorisch untergebracht. Eine Zeit voller Ungewissheiten und großer Debatten. Für Almuth Berger war vieles davon ein Déjà vu.
Die 77-Jährige hatte so etwas zu Beginn der 1990er-Jahre in Brandenburg schon einmal erlebt. Und sie hat einen erheblichen Anteil daran, dass damals die Strukturen aufgebaut wurden, die vor fünf Jahren halfen, die Situation zu bewältigen.

Pfarrerin lernte Portugiesisch

Es war Zufall oder Fügung, dass sich Almuth Berger mit dem Thema Ausländer befasste. Als Pfarrerin in der St. Bartholomäus-Kirche in Berlin-Friedrichshain stand eines Tages in den 80ern eine Gruppe Mosambikaner vor ihrem Haus. Die sogenannten Vertragsarbeiter wollten zu einem Geistlichen aus ihrer Heimat, der sich zu einer Weiterbildung in Ostberlin aufhielt. Der verwies seine Landsleute an die Pfarrerin der ansässigen Kirche und damit an Almuth Berger. Sie organisierte Treffen mit der Gemeinde, Gottesdienste und lernte Portugiesisch.
1988 wurde das Begegnungszentrum Cabana gegründet, das bald ähnliche Stätten in Potsdam, Gotha oder Freiberg nach sich zog. Im September 1989 gehörte Almuth Berger zu den Gründern der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt. Von dieser wurde sie zum Zentralen Runden Tisch der DDR entsandt und Anfang März 1990 von einem Tag auf den anderen Staatssekretärin und Ausländerländerbeauftragte.

Einsatz für Vertragsarbeiter

Als solche musste sie mit Vietnam, Mosambik und Angola die Bedingungen für die rund 90.000 Vertragsarbeiter in der DDR neu verhandeln – die vorzeitige Rückkehr, Möglichkeiten zu bleiben und Entschädigungen bei Kündigungen vor Vertragsende regeln. Die Tätigkeit war genauso schnell wieder vorbei wie sie begonnen hatte – nach dem 3. Oktober 1990 übernahm die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung.
Almuth Berger sitzt in ihrem Garten in Schmöckwitz am südöstlichen Ende von Berlin und erinnert sich, wie ihr Wirken in Brandenburg begann. Der damalige SPD-Landeschef Steffen Reiche, ebenfalls Theologe, sprach sie Ende 1990 an. Dann verhandelte sie mit dem neuen Regierungschef Manfred Stolpe, den sie aus der Kirchenzeit kannte.

Regine Hildebrandt war Patin ihrer Tochter

Almuth Berger scheint keine Frau zu sein, die sich unüberlegt in Abenteuer stürzt, sie wusste was sie wollte und in Brandenburg strebte sie als Ausländerbeauftragte eine direkte Anbindung beim Ministerpräsidenten an. Stolpe akzeptierte. Nicht jedoch sein Chef der Staatskanzlei, Jürgen Linde. Der kam aus Nordrhein-Westfahlen, und dort gab es so etwas nicht. Almuth Berger wurde Referatsleiterin im Sozialministerium von Regine Hildebrandt und dort Ausländerbeauftragte. Die beiden Frauen kannten sich aus der Berliner Kirchenarbeit. Hildebrandt war Patin der ältesten Tochter von Almuth Berger.
Mit der deutschen Einheit wurden die Asylsuchenden nach einem festen Verteilungsschlüssel auch auf die neuen Bundesländer verteilt. Und die waren nicht vorbereitet auf teilweise bis zu 100 Flüchtlinge täglich, großenteils Sinti und Roma und Afrikaner. Die Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt musste erst aufgebaut werden, erinnert sich die ehemalige Pfarrerin. Diskussionen mit den Kommunen folgten.
Es gab Ablehnung und ausländerfeindliche Aktionen. In der Gemeinde Dolgenbrodt sammelten Einwohner Geld um jemand zu beauftragen, ein geplantes Flüchtlingsheim einen Tag vor dem Bezug abzubrennen. „Heute würden wir von offenem Rassismus reden“, schätzt Almuth Berger rückblickend ein. Damals war man mit den Formulierungen vorsichtiger, wollte die Menschen nicht vor den Kopf stoßen und sorgte sich um das Ansehen des Landes. Die Gemeinde Schöneiche, erinnert sich Berger, kam frühzeitig auf sie zu. Es wurde gefragt, wie man sich vorbereiten soll, was zu organisieren sei.
In Storkow sah sie sich in der voll besetzten Stadtkirche einer aufgebrachten Menge gegenüber, die die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft verhindern wollte. Sie kam dann doch, etwas kleiner als ursprünglich geplant. Später, als sie geschlossen werden sollte, gab es wieder Proteste, erinnert sich Berger. Es waren Kontakte entstanden und einer Kita drohte die Schließung ohne die Kinder aus dem Heim, schmunzelt Berger heute.

Gewissenskonflinkt zwingt zu Entscheidung

Nach zwei Jahren geriet Almuth Berger mit der Landesregierung und mit ihrem Gewissen in Konflikt. Regine Hildebrandt sprach sich, gegen den Willen eines Großteils ihrer Partei, dafür aus, Sachleistungen statt Geldzahlungen für Asylbewerber einzuführen. Als Referatsleiterin musste Berger das umsetzen, als Ausländerbeauftragte sah sie sich als Interessenvertreterin der Flüchtlinge. „Ich hätte nicht mehr in den Spiegel schauen können“, beschreibt sie das Dilemma.
Berger entschied, den Referatsleiterposten aufzugeben, auch wenn sie damit direkte Einflussmöglichkeiten in der Verwaltung verlor. Dafür behielt sie das Recht, eigene Pressearbeit zu machen und sich direkt an die Minister sowie den Regierungschef zu wenden, kurz: unbequem zu sein.

Konfrontation mit Innenminister

Davon machte sie auch unerschrocken Gebrauch, wie nach 1999 auch CDU-Innenminister Jörg Schönbohm feststellen musste, mit dem sie um die Einrichtung einer Härtefallkommission für abzuschiebende Ausländer rang. Geredet haben die beiden nicht, Berger war als Landesbeauftragte nicht ranggleich. Trotzdem hat sie sich schriftlich direkt an ihn gewandt, auch wenn der Adressat das als Verletzung des Dienstweges ansah.
Zurück in die brandenburgischen Anfangszeiten. Dort liegen auch die Wurzeln, die eine Erfolgsgeschichte begründen sollten. Ein Überfall auf eine Gruppe Namibier in Wittenberge löste Überlegungen aus, vor Ort Sozialarbeiter einzusetzen. Daraus entwickelten sich die Mobilen Beratungsteams und später die RAA, Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie.
„Da hat Brandenburg etwas sehr Positives auf die Beine gestellt, das es so in anderen Ländern nicht gab“, schätzt Almuth Berger rückblickend ein. Das habe sich auch 2015 bewährt, als wieder eine große Zahl an Flüchtlingen nach Brandenburg kam. Da gab es funktionierende Strukturen und viel engagierte Arbeit.

Von wegen Ruhestand

2006 ging Almuth Berger in den Ruhestand, eine moralische Instanz trat ab und hinterließ eine Lücke, die bis heute nicht geschlossen ist. Allein das Wort Ruhestand führt in Bezug auf Almuth Berger in die Irre. Die 77-Jährige ist Vorsitzende eines Bürgervereins in Schmöckwitz, der für die Belange des Ortes kämpft, Feste organisiert und sich im Rathaus Köpenick Gehör verschafft.
Und das Thema DDR-Vertragsarbeiter hat sie bis heute nicht losgelassen. In Mosambik kämpfen viele von ihnen heute noch dafür, einen Teil des hier erarbeiteten Lohns zu erhalten, der ohne ihr Wissen zur Tilgung von Staatsschulden des afrikanischen Landes einbehalten worden war. Eine Ungerechtigkeit, mit der sich Almuth Berger nicht abfinden kann.

Zur Person


Almuth Berger wurde 1943 in Tangermünde geboren. Sie wuchs in Jerichow, später in Berlin auf und studierte dort Theologie. Sie war danach Pastorin in Magdeburg und Berlin. Berger war Mitbegründerin des Magdeburger Kreises „Frauen für den Frieden“ und seit 1986 in der Ausländerarbeit der evangelischen Kirche aktiv. Seit 1987 gehörte sie dem Arbeitskreis „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ an, aus dem 1989 die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt hervorging. Ab März 1990 war sie Staatssekretärin und Ausländerbeauftragte der Regierungen Modrow und de Maizière. Ein Jahr später wurde sie Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg. Demokratie Jetzt ging zu Beginn der 90er in Bündnis 90 auf, das sich später mit den Grünen vereinte. Dieser Partei gehört Almuth Berger bis heute an.