Denn am Freitag ging hier ein Windenergiewärmespeicher in Betrieb. Bislang einmalig in Brandenburg. Überschüssige Windenergie, die es reichlich gibt,  wird für die Komplettversorgung des Dorfes mit Warmwasser für Heizung und Dusche genutzt. Power-to-Heat, also Strom zu Wärme, heißt die Technologie.

Eine Million Liter Wasser

Die vor Ort vorgestellte Versuchsanordnung ist denkbar einfach. Sobald die Windräder "abgeregelt" werden müssen, weil sie mehr Strom produzieren, als das Netz verträgt, wird mit diesem bislang ungenutzten Strom ein Durchlauferhitzer in Gang gesetzt, der eine Million Liter Wasser in einem gut isolierten Becken auf bis zu 93 Grad Celsius aufheizt. Dieses Wasser fließt dann je nach Bedarf über ein von der Gemeinde eigens errichtetes Wärmenetz zu den Wohnhäusern der Einwohner von Nechlin.
"Ein einziges modernes Windrad liefert so viel überschüssige Energie, dass damit drei Dörfer mit Wärme versorgt werden können", sagt Jörg Müller, Vater des Projekts und Vorstandschef der Enertrag AG. Es gehe um Strom, den derzeit niemand haben wolle. "Ganze Städte wie Prenzlau, Pasewalk oder Eberswalde könnte man so über die jeweiligen Windparks im Zehn-Kilometer-Umkreis mit preiswerter, klimaneutraler Wärme beliefern."
Das schaffe Akzeptanz für die Energiewende, ist Müller überzeugt. Jeder so versorgte Haushalt könne im Vergleich zum Heizen mit Öl oder Gas rund 1000 Euro im Jahr sparen. Es sei ein Unding, dass insbesondere im ländlichen Raum in Brandenburg die Menschen die Lasten der Energiewende auch noch durch hohe Preise zu tragen hätten, wo doch direkt vor ihrer Haustür riesige Mengen grünen Stroms produziert würden.
Allerdings, die technischen Möglichkeiten für ein Gelingen der Energiewende und die politischen Rahmenbedingungen passen nicht immer zueinander. So wohl auch beim Windenergiespeicher, was eine Vertreterin des Bundeswirtschaftsministeriums am Freitag in Nechlin etwas in Erklärungsnot brachte. Man habe es hier mit einem "tollen Projekt" zu tun, lobte Silke Stahl, das aber nur noch bis zum dieses Jahres unterstützt werde. "Experimentierklausel ist Experimentierklausel." Soll heißen: Für dieses und andere Modellvorhaben wurden Ausnahmen vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gemacht, die nun auslaufen. "Man wird sehen, was hier politisch entschieden wird."
Jörg Müller ist optimistisch, dass eine Lösung gefunden wird, alles andere würde in seinen Augen dem Sinn der Energiewende widersprechen. Müsste für die Wärme aus dem Windenergiespeicher die EEG-Umlage in Höhe von derzeit 6,8 Cent pro Kilowattstunde gezahlt werden, wäre der Ansatz wirtschaftlich zum Scheitern verurteilt. "Das versteht doch niemand mehr", sagt er. "Die beste Lösung wäre, Steuern und Umlagen nicht mehr pro Kilowattstunde zu erheben, sondern streng an den CO2-Ausstoß zu koppeln." Diese Umverteilung würde dazu führen, "dass alle Städte in Norddeutschland mit Windenergie heizen".

Wertschätzung für die Dörfer

Aus der Lokalpolitik kommt am Freitag die Mahnung an Bund und Land, die Dörfer ernst zu nehmen. Matthias Schilling ist der SPD-Bürgermeister der Gemeinde Uckerland, zu der Nechlin gehört. "Unsere Region hat für die gesamte Gesellschaft Vorbildfunktion bei CO2-Reduktion und Klimaschutz", sagt er. Man ertrage die Veränderung der Landschaft und andere Belastungen durch die Windkraft. Dafür erwarte man Wertschätzung, "die sich nicht in Worten erschöpft, sondern finanziell bemerkbar macht". Es müsse mehr Geld in der Region bleiben.
Brandenburgs Wirtschaftsstaatssekretär Hendrik Fischer stellt am Freitag klar, dass sich das Land auf Bundesebene zu Gunsten von Projekten wie dem in Nechlin für eine Ausweitung der sogenannten Experimentierklausel einsetzt. "In der nächsten Woche kommen die Ministerpräsidenten der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel zusammen, um auch über die Zukunft der EEG-Umlage zu diskutieren." Mehrere Nord-Länder würden gemeinsam daran arbeiten, ihre Forderungen in das Beschlusspapier zu bekommen. Der Erfolg hänge von politischen Mehrheiten ab.
Klar sei, dass sich alle Beteiligten ärgern, wenn zur Verfügung stehender Windstrom ungenutzt bleibt. "Der Sinn von Projekten wie dem in Nechlin liegt auf der Hand", findet Fischer.

Windenergie nutzen statt abregeln


Bei starkem Wind wird extrem viel Energie erzeugt. Denn die im Wind enthaltene Energie ist die dritte Potenz der Windgeschwindigkeit. Zu solchen Windenergiespitzen kommt es laut der Firma Enertrag etwa 25 Mal pro Jahr für jeweils rund zehn Stunden. Bisher werden diese Spitzen abgeregelt, also nicht genutzt. Im Jahr 2018 wurden demnach bundesweit 5,4 Milliarden Kilowattstunden Strom aus erneuerbaren Energien abgeregelt. Damit könnten nach Angaben von Enertrag in Deutschland eine Million Menschen mit klimaneutraler Wärmeenergie versorgt werden. Deshalb sei es sinnvoll, diese Mengen mit Hilfe eines Windenergiespeichers preisgünstig nutzbar zu machen.