Für Sven Haller ist es am Mittwoch in Eberswalde (Barnim) aus mehreren Gründen eine Art Heimspiel. Im Jahr 2000 legte er an einem Gymnasium in Eberswalde sein Abitur ab. Später ging er zum Volkswirtschaftsstudium nach Magdeburg. Und als er ein Jahr in Berlin wohnte, pendelte er zwischen Landes- und Bundeshauptstadt – natürlich mit dem RE1.
Da ist es nur folgerichtig, dass der Staatssekretär im Ministerium für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt nun zum Startschuss des Elbe-Spree-Netzes bei der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (Odeg) dabei ist.

Die neuen Züge – ein Gewinn für Pendler

3500 Menschen nutzen täglich den RE1 von Magdeburg in Richtung Berlin. „Der RE1 ist eine ganz wichtige Verbindung für uns, auch, weil mit ihm das fehlende Fernverkehrsangebot zwischen Magdeburg und Berlin kompensiert wird“, sagt Haller. Dass die Odeg ab 11. Dezember den Betrieb von der Deutschen Bahn übernimmt, freut den 42-Jährigen. Die Odeg betreibe bereits eine Verbindung nach Sachsen-Anhalt aus Richtung Rathenow. Das Unternehmen sei für das Land also nicht mehr unbekannt. Und die neuen Siemens Züge des Typs Desiro HC, die auf der RE1-Strecke eingesetzt würden, seien ein Gewinn, glaubt Sven Haller. „Für Pendler ist es wichtig, dass die Züge regelmäßig fahren und pünktlich sind. Genauso wichtig sind für sie aber auch Arbeitsmöglichkeiten im Zug. Und die gibt es jetzt.“
Die 29 neuen Desiro HC-Triebwagen sind komfortabel ausgestattet. Sie verfügen über kostenfrei zugängliches WLAN, Ladestationen und ein über Smartphone und Tablet nutzbares Fahrgastportal. Selbst die Fenster sind auf digitales Arbeiten im Zug eingerichtet und verbessern den Mobilfunkempfang. Sie lassen die Funkwellen bis zu 500 Mal besser durch als konventionelle Wärmeschutzverglasungen.
Der RE1 (Magdeburg–Brandenburg/Havel–Berlin–Frankfurt/Oder–Cottbus) ist das Herzstück der sechs neuen Linien, die ab dem 11. Dezember von der Odeg betrieben werden. Die Züge verkehren bis zu dreimal in der Stunde zwischen Brandenburg/Havel und Frankfurt (Oder) mit Kapazitäten zwischen 637 und 800 Sitzplätzen je Fahrt. In der Hauptverkehrszeit steigt dadurch die Kapazität um bis zu 70 Prozent.

Werkstatt für die Wartung der Züge

Das ist um so bedeutender, da „60 Prozent aller Fahrgäste im Regionalverkehr in Berlin und Umgebung im RE1 sitzen“, wie Thomas Dill, Bereichsleiter Center für Nahverkehrs- und Qualitätsmanagement des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, feststellt. „Wir hätten uns auf dem RE1 auch einen schönen 20-Minuten-Takt gewünscht, aber nicht alle Wünsche werden gleich erfüllt. Deshalb haben wir einen kleinen Holper drin“, sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit bei der feierlichen Betriebsaufnahme in der Werkstatthalle der Ostdeutschen Instandsetzungsgesellschaft (Odig) - eine hundertprozentige Tochter der Odeg.
Thomas Dill, Bereichsleiter Center für Nahverkehrs- und Qualitätsmanagement des VBB, wünscht sich einen 20-Minuten-Takt für den RE1.
Thomas Dill, Bereichsleiter Center für Nahverkehrs- und Qualitätsmanagement des VBB, wünscht sich einen 20-Minuten-Takt für den RE1.
© Foto: Annette Riedl/dpa
Auch die hat an diesem Mittwoch etwas zu feiern: Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit ist der Umbau der Werkstatthalle vollendet. Als sie 2005 gebaut wurde, war sie 50 Meter lang. 2012 wurde sie um 100 Meter erweitert und nun noch einmal um 70 Meter, damit die neuen Desiro HC-Fahrzeuge, die bis zu über 200 Metern lang sein können, hineinpassen.

Jeder Zug wird alle sechs Wochen durchgecheckt

In der Werkstatt arbeiten 44 Mitarbeiter. Sie übernehmen die komplette betriebsnahe Instandhaltung aller Odeg-Züge, erklärt Odig-Geschäftsführer Matthias Bayer. „Aktuell haben wir 29 Fahrzeuge in der Instandhaltung. Ab Sonntag sind es dann 60 Fahrzeuge.“ Jedes Fahrzeug bleibt 48 Stunden in der Halle. Im Durchschnitt alle sechs Wochen müssen sie instandgesetzt werden – die Züge Typ KISS nach 40.000 Kilometern, Typ Desiro HC nach 45.000 Kilometern. Gearbeitet wird im Drei-Schicht-System, sieben Tage die Woche. Zehn Stellen in der Werkstatt sind noch unbesetzt. Gesucht werden Mechatroniker, Elektroniker und Elektriker.

Richtig los mit dem Betrieb geht es am Sonntag

Roland Pauli, einer der drei Geschäftsführer der Odeg, lässt die vergangenen zweieinhalb Jahre, nachdem die Odeg den Zuschlag für das Elbe-Spree-Netz erhalten hatte, kurz Revue passieren. Er ist stolz darauf, dass es dem Unternehmen gelungen ist – „trotz Corona, Suezkanal-Blockade, zerstörte Fahrzeuge“ und andere Widrigkeiten – die Voraussetzungen für die Betriebsaufnahme am kommenden Wochenende zu schaffen. 200 zusätzliche Mitarbeiter sind eingestellt, die neuen Desiro HC-Fahrzeuge beschafft und der Altbestand an KISS-Fahrzeugen modernisiert. Dennoch: „Wir liefern noch nicht heute. Wir liefern am Sonntag“, sagt Pauli. Und in 100 Tagen werde man hoffentlich das erfolgreiche Netz Elbe-Spree feiern können.

Die sechs neuen Linien der Odeg

● RE1 (Magdeburg–Brandenburg a.d.H. –Berlin–Frankfurt (Oder)–Cottbus): Die Züge verkehren bis zu dreimal in der Stunde zwischen Brandenburg/Havel und Frankfurt (Oder)
● RE8 (Wismar–Wittenberge–Flughafen BER): Hier wird im Stundentakt zwischen Wittenberge und dem Flughafen BER gefahren und alle zwei Stunden bis nach Wismar verlängert. Ebenfalls zur RE8 gehört die Strecke von Berlin-Hbf nach Baruth – alle zwei Stunden verlängert bis nach Elsterwerda bzw. in den Hauptverkehrszeiten im Wechsel bis Finsterwalde. Hier kommen modernisierte Stadler KISS-Züge zum Einsatz.
● RB33 (Jüterbog–Beelitz-Stadt–Potsdam-Hbf)
● RB37 (Beelitz-Stadt–Potsdam- Rehbrücke–Berlin-Wannsee)
● RB51 (Rathenow–Brandenburg-Hbf)
● Ab 2024: RB17 (Wismar–Schwerin Hbf–Ludwigslust [- Wittenberge])
● Ab 2025: RE8 zusammengelegt (Wismar–Wittenberge–Berlin-Hbf–Baruth–Elsterwerda/Finsterwalde)