Fahrraddiebstahl in Berlin: Polizei – „Die Täter handeln teilweise auf Bestellung“

Ein Mann versucht mit einem Bolzenschneider, ein Fahrradschloss aufzubrechen (gestellte Szene). Wer sein Fahrrad gut vor Dieben sichern will, sollte auch beim Schlosskauf auf die Qualität achten.
Andreas Gebert/dpaGerade erst gekauft und schon geklaut: In Berlin wurden im Jahr 2023 rund 29.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet. Polizeihauptkommissar Michael Beyer, Experte für Hehlerei, beschreibt im Interview das Vorgehen der Täter und gibt Tipps, wie man sich besser schützen kann.
Herr Beyer, Berlin gilt als Hochburg des Fahrraddiebstahls. Wo würden Sie ihr Rad nie abstellen?
Michael Beyer: Fahrraddiebstahl ist ein stadtweites Phänomen. Da kann man eigentlich keine besonders gefährdeten Stadteile und Straßen bestimmen. Da passt eher das Sprichwort: „Gelegenheit macht Diebe.“ Es ist auf jeden Fall sicherer, sein Fahrrad an einem öffentlichen Ort, an dem viel Bewegung ist, abzustellen. In menschenarmen Gegenden wiederum sind die Täter unbeobachtet und haben genug Zeit, um Schlösser aufzubrechen.
Räder werden direkt in Transporter geladen
Sind dann die Park & Ride-Fahrradstellplätze für Pendler an Bahnhöfen besonders gesichert?
Gut ist es natürlich, wenn der Ort auch noch videoüberwacht ist. Zudem kommt es immer auf die Zeit an, in der ein Pendler sein Fahrrad abstellt. Wenn das nur tagsüber ist, bevor die Dunkelheit einbricht, ist es viel sicherer.
Wenn viele Räder auf einem Platz stehen, zieht das Diebe nicht besonders an?
Wir sehen schon, dass, wenn neue Wohngebiete mit einer großen Anzahl an Fahrradstellplätzen wie zum Beispiel die Europacity am Hauptbahnhof entstehen, sich diese kurzzeitig zu Hotspots entwickeln. Die hohen Diebstahlquoten liegen in Berlin aber auch an der Verkehrswende, weil immer mehr Stadtbewohner auf das Rad umsteigen.
Das heißt, vor Wohnbauten und auch auf Innenhöfen ist mein Rad eher gefährdet?
Ja, dort können sich die Täter gerade in der Nacht in Ruhe austoben. Dasselbe gilt für Keller. 35 Prozent der Kellerdiebstähle stehen im Zusammenhang mit Fahrraddiebstahl. Wir hatten einen Fall, da wurden von einer Tätergruppe in Spandau rund 50 Keller aufgebrochen. Diese Fahrraddiebe sind gut organisiert und laden die Räder dann direkt in Transporter.
Was geschieht mit dem Diebesgut?
Viele der geklauten Räder werden in Länder in Ex-Jugoslawien gebracht. Die Täter handeln ähnlich wie beim KfZ-Diebstahl teilweise auf Bestellung. Dabei geht es meist um hochwertige Marken und E-Bikes, die ja heute teilweise zwischen 500 Euro und mehreren tausend Euro kosten. Viele Räder werden aber auch in Einzelteile zerlegt und diese dann zum Beispiel über Internetportale verkauft.
Dann kann man ihre Spur kaum mehr verfolgen?
Ja, denn oft wird die Rahmennummer weggefräst. Die Kollegen haben erst vor kurzem eine Art Werkstatt in Charlottenburg entdeckt, die hatten Fahrraddiebe in einer acht Quadratmeter großen Lagerbox eingerichtet, die sonst eher für Umzugskartons vermietet werden.
Bringt es dann überhaupt noch was, sein Rad polizeilich registrieren zu lassen?
Ja, wir raten in jedem Fall dazu. Im Internet kann man dazu kostenlos Termine buchen. Ein Aufkleber der Polizei auf dem Rad ist ein Baustein mehr, der Diebe abhalten kann. Und die Registrierungsnummer hilft, das Rad wiederzufinden. Es gibt ja auch den Gelegenheitsdieb, der einfach ein vor dem Bäcker abgestelltes, unangeschlossenes Rad nimmt, um von A nach B zu kommen, und auch Beschaffungsdiebe, die das geklaute Rad nur für 20/30 Euro weiterverkaufen wollen, um schnell an Geld für Drogen zu kommen.

Michael Beyer ist bei der Berliner Polizei Experte für Hehlerei und Fahrraddiebstähle.
Michael BeyerWie kann ich sichergehen, wenn ich ein gebrauchtes Rad kaufe, dass es nicht geklaut ist?
Wenn das Rad extrem unter Wert angeboten wird, hat das ja schon einen ersten Beigeschmack. Man sollte sich einen Kaufnachweis zeigen lassen. Und darauf achten, ob die Rahmennummer nicht rausgeflext wurde, die ist meist unterhalb des Tretlagers eingestanzt.
Ist es wichtig, welches Fahrradschloss man benutzt?
Ja, am besten sind Bügel- oder Faltschlösser. Letztere sind zwar eher unpraktisch, garantieren aber wegen ihrer Stabilität die größte Sicherheit. Die billigen Gliederschlösser kann man schnell mit dem Bolzenschneider zertrennen. Wer ein teures Rad kauft, sollte nicht unbedingt am Schloss sparen, wenn er es lange behalten will.
Zur Person
Michael Beyer (57) ist als Polizeihauptkommissar der Direktion 2 in Berlin vor allem für Hehlerei zuständig, die sich aus dem Fahrraddiebstahl ergibt. Aber auch als Zivilfahnder hatte der gebürtige Spandauer rund zehn Jahre lang mit Fahrraddieben zu tun. Sein eigenes Rad schließt er eher selten auf der Straße an. Wenn doch, sichert er es mit einem robusten Faltschloss. Bisher wurde ihm noch nie ein Rad geklaut.
Gibt es auch Unterschiede bei den Fahrradstellplätzen?
Wichtig ist einfach, dass man das Rad an einer Stange oder an einem Laternenpfahl festmacht, damit es nicht weggetragen werden kann. Bei Fahrradbügeln sollte man überprüfen, ob diese nicht schon im Vorfeld manipuliert wurden. Denn es gibt auch Fälle, da haben Täter die Bügelstangen durchgesägt und danach überklebt, sodass das kaum erkennbar ist. Weil man die meisten Räder heute auch unkompliziert mit dem Schnellspanner auseinandernehmen kann, ist eine Sicherung mit gleich zwei Schlössern sinnvoll. Je mehr Arbeit für die Täter entsteht, umso besser.
Taugen GPS-Tracker als Diebstahlschutz?
Ja, es gibt allerdings mittlerweile auch schon GPS-Detektoren, mit denen die Diebe prüfen können, ob ein Rad GPS-gesichert ist. Wir hatten erst neulich wieder einen Fall, da hat ein Fahrradbesitzer über GPS die Polizei direkt zu seinem gestohlenen Rad geführt. Es befand sich in einem geparkten Sprinter mit anderen geklauten Rädern. Der Wagen wurde beschlagnahmt. Die Täter konnten aber bisher nicht ermittelt werden, weil das Auto unter der Hand immer wieder weitergegeben wurde.
Die Aufklärungsquote liegt in Berlin bei 4,5 Prozent. Warum ist es so schwer, die Täter zu kriegen?
Es gibt beim Fahrraddiebstahl meistens so gut wie keine Spuren, die man sichern kann. Dazu kommt, dass viele Leute heute eher wegschauen, wenn sie etwas Verdächtiges sehen. Wir bitten darum, uns auch im Zweifelsfall zu alarmieren. Wir kommen lieber einmal zu viel als zu wenig. Leider zeigen selbst viele Diebstahlopfer die Taten nicht an, wenn sie keine Versicherung haben. Wir brauchen aber die Hinweise, damit wir entsprechend handeln können, wenn sich dann doch irgendwo ein Hotspot entwickelt.
Statistik zu Fahrraddiebstählen
Insgesamt wurden in Berlin laut Polizei im vergangenen Jahr 28.754 Fahrräder geklaut, nur geringfügig weniger als 2022 (28.801). Da nicht jeder Fahrrad-Diebstahl angezeigt wird, ist die Dunkelziffer weitaus höher. Die meisten Taten wurden 2023 in Mitte (3884), Kreuzberg-Friedrichshain (3802), Pankow (3297) gezählt.
Wirkliche Radklau-Hochburgen könne man laut Polizei allerdings seriös betrachtet nicht ausmachen. Wer sich dennoch über die Statistik und Lage in den einzelnen Bezirken ein Bild machen will, dem sei der polizeiliche Kriminalitätsatlas empfohlen.
Der Schaden durch Fahrraddiebstahl betrug alleine im Jahr 2023 rund 31,9 Millionen Euro, pro Fall sind das durchschnittlich 1146 Euro. Im Jahr 2024 wurden bis zum 20. Mai in Berlin schon fast 7.000 Räder als gestohlen gemeldet.



