Fall Rebecca: Suche unter Hochspannung
Schon während der ZDF–Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ am Mittwochabend glühten bei der 3. Mordkommission der Berliner Polizei die Telefondrähte. Die ganze Nacht über und in den Morgenstunden seien rund 150 neue Hinweise eingegangen, hieß es am Donnerstag. Einige Anrufer wollen die 15–jährige Berlinerin, die seit dem 18. Februar vermisst wird, sogar noch zu einem späteren Zeitpunkt gesehen haben.
Doch das ist kaum wahrscheinlich. Der Leiter der Mordkommission Michael Hoffmann hatte bei seinem Fernseh–Auftritt wenig Hoffnung gemacht, dass Rebecca noch lebend gefunden werden könnte. „Wir gehen inzwischen fest davon aus, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt“, sagte er und präsentierte die Fotos von Gegenständen, die dem Mädchen gehörten.
In den Tagen zuvor war der Fall immer mysteriöser geworden. Rebeccas Schwager Florian R., der am Morgen des 18. Februar allein mit der 15–Jährigen in seiner Wohnung gewesen sein soll, wurde am 28. Februar zunächst wegen des Verdachts auf Totschlag festgenommen, einen Tag später aber wieder freigelassen. Nachdem die Berliner Staatsanwaltschaft Einspruch gegen diese Entscheidung eines Haftrichters eingelegt hatte, entschied ein zweiter Richter zu Beginn dieser Woche anders. Seit Montag sitzt Florian R. in der Untersuchungshaft, schweigt aber zu dem Verdacht, Rebecca etwas angetan zu haben.
Seine Mutter und selbst der Vater von Rebecca glauben offenbar weiter daran, dass der 27–Jährige nichts mit dem Verschwinden zu tun hat. Psychologen interpretieren dies mit der Hoffnung, dass man nahen Verwandten nichts Schreckliches zutraut, bis man vom Gegenteil überzeugt ist.
Doch dass der Vater geheimnisvolle Andeutungen machte, als am Mittwoch bekannt wurde, dass Florian R. am Tag von Rebeccas Verschwinden mit dem Auto auf der A 12 in Richtung Frankfurt (Oder) gesichtet worden sein soll, obwohl er dies den Ermittlern verheimlichte, wirkt merkwürdig. „Die ganze Nummer hängt mit einer anderen Sache zusammen, die ich aber nicht sagen darf“, sagte Rebeccas Vater dem Fernsehsender RTL.
Das gibt zu noch mehr Spekulationen in den sozialen Medien Anlass. „Jeder liebende Vater würde doch alles daran setzen, so was aufzuklären und nicht für noch mehr Verwirrung zu sorgen" – solche Stimmen gibt es viele. Die Bild–Zeitung stellt am Donnerstagmorgen die Frage: „Und wenn alles ganz anders war?“ Freilich steckt auch dahinter die Hoffnung, dass Rebecca noch lebt und vielleicht nur entführt wurde.
Auch die Ermittler sorgen für Irritationen. Als erste hatte die „Süddeutsche Zeitung“ kritisiert, dass das Porträtbild, mit dem seit dem 21. Februar gesucht wird, kein realistisches Foto sei, sondern von Rebecca selbst oder Freunden digital verschönert worden ist. Große Augen, glatte Haut, volle Lippen — dieses Bild von Rebecca ist mit dem Fall von Anfang an verbunden. Das Problem: Tatsächlich sieht sie etwas anders aus.
Die Angehörigen selbst hatten Flugblätter mit realistischeren Bildern gefertigt. Ein Polizeisprecher sagt dazu: „Wir müssen uns danach richten, Bilder zu nehmen, von denen die Angehörigen sagen, dass sie dem Gesuchten sehr ähnlich sehen.“
Dann kommt es zwischen den Behörden in Berlin und Brandenburg zu Verstimmungen: Als es in der von der Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft herausgegebenen Pressemitteilung über die verdächtigen Autofahrten von Florian R. auf der A 12 heißt, dass diese Erkenntnisse von einer Verkehrsüberwachungsanlage der Brandenburger Polizei stammen, ist man im Potsdamer Polizeipräsidium sauer. Denn die Berliner haben damit den Einsatz des Kennzeichenermittlungssystems „Kesy“ publik gemacht, mit dem die Brandenburger seit 2010 Jagd auf Autodiebe und andere Straftäter machen.
„Wir haben nicht verschwiegen, dass es dieses System gibt, aber wir haben es auch nicht öffentlich präsentiert“, so der Brandenburger Polizeisprecher Torsten Herbst. Der Einsatz erfolge auf Grundlage des Brandenburger Polizeigesetzes und sei vom Bundesverfassungsgericht im Gegensatz zur Vorgehensweise in einigen anderen Bundesländern auch nicht kritisiert worden. „Doch seit Mittwoch erhalten wir Anfragen, wo genau unseren neun stationären Anlagen im Einsatz sind. Fotografen bieten Bilder an, die auch von Straftätern ausgewertet werden. Das wird wohl dazu führen, dass unsere Erfolgswahrscheinlichkeit gegen Autodiebe nicht gerade steigt“, so Herbst sauer.
Dass Fotos des Tatverdächtigen Florian R. nach seiner Verhaftung von der Polizei herausgegeben werden, kritisiert die Vereinigung der Berliner Strafverteidiger. Man fordere auch von der Presse, die Vorverurteilung einzustellen, heißt es in einer Erklärung vom Donnerstag. Zudem sei es an der Staatsanwaltschaft, „dem rechtswidrigen Treiben von mindestens Teilen der Ermittler entgegenzutreten“. Diese korrumpierten mit der Weitergabe von Informationen an Medien „die Verfahrensfairness möglicherweise irreparabel“.
„Es wird alles dafür getan, was dem Ziel dient, Rebecca zu finden.“ Diese Prämisse hatte die Sprecherin der Berliner Generalstaatsanwaltschaft jedoch schon Tage zuvor herausgegeben. Die ungewöhnliche Öffentlichkeitsoffensive vom Mittwoch gehört offenbar dazu.
Nur 24 Stunden später kommt es zu einer großen Suchaktion Berliner Ermittler in Brandenburg. 90 Beamte durchsuchten seit dem späten Vormittag ein Waldstück zwischen dem Storkower Ortsteil Kummerow (Oder–Spree) und Wolzig (Dahme–Spreewald). Neben Mitarbeitern der 3. Mordkommission, Kriminaltechnikern und Angehörigen einer Hundertschaft sind ein Hubschrauber, sowie drei Leichen– und ein Personenspürhund über Stunden im Einsatz.
Nähere Einzelheiten will die Polizei nicht verraten. Polizeisprecherin Konstanze Dassler, die mit vor Ort ist, sagt nur: „Wir gehen einem Hinweis nach. Es ist ein sehr großes Waldgebiet, das wir durchsuchen, es stehen ein paar Gartenlauben darin.“
Vor dem Absperrband, dass über dem Waldweg neben der Hauptstraße flattert, tummeln sich Dutzende Journalisten mit Kameras und Fotoapparaten. Auf der Straße stehen Autos, Polizeibusse und Presse. Stundenlang dringt keine weitere Information nach draußen. Am Nachmittag fahren die von der Arbeit kommenden Kummersdorfer langsam vorbei. „Wir hoffen, sie finden Rebecca unversehrt“, sagt Krankenschwester Doreen Dittmar, die in der Nähe wohnt. Eine Frau kommt, um mit einem Hinweis zu helfen: „Da gibt es ein altes Kinderferienlager, das könnte ein Hinweis sein, da könnte man etwas verstecken“, sagt Nicole Tschellenberg.
Doch mit dem Einbruch der Dunkelheit gegen 18 Uhr wird die Suche zunächst erfolglos beendet. „Es ist nicht sicher, wo und ob überhaupt weitergesucht wird“, sagt die Polizeisprecherin. Inzwischen sei die Zahl der Hinweise aus der Bevölkerung schon auf 700 gestiegen.

