„Das Beschämendste, was ich je tun musste“, so fängt ein Tweet auf Twitter unter dem Hashtag „IchBinArmutsbetroffen“ an. Die Person schildert anschließend unter anonymen Profil, wie sie in einem Autohaus vorgab, einen Pkw kaufen zu wollen. Dort habe es kostenlose Brathähnchen für Interessenten gegeben. „Also bin ich mit den Kindern hin, habe interessiert getan und vier halbe Hähnchen bekommen. Es war mir so peinlich.“ Schon seit Monaten schildern Userinnen und User unter diesem Hashtag, was es bedeutet, wenn das Geld für den Lebensunterhalt nicht ausreicht.

Manche Familien in Brandenburg stehen zum ersten Mal an der Tafel an

Inflation, steigende Lebensmittel- und Energiepreise haben die Situation vieler Menschen verschlimmert – auch in Brandenburg. „Immer mehr Familien sind darauf angewiesen, dass sie Hilfe von außen bekommen“, sagt Franziska Löffler vom AWO Büro Kinder(ar)mut in Potsdam im MOZ-Podcast „Dit is Brandenburg.“ So stünden mittlerweile Personen an den Ausgaben der Tafel, die sich noch vor einem Jahr dort nie gesehen hätten. „In einer Schlange an der Tafel zu stehen ist für Menschen, die das noch nie gemacht haben, sehr schambehaftet.“
Vor drei Jahren galt knapp jedes fünfte Kind in Brandenburg als armutsgefährdet, laut den Zahlen des Landesfamilienministeriums. „Die Lage hat sich nicht verändert“. Franziska Löffler schätzt, dass sich die Situation vor allem durch Corona-Pandemie, als Eltern in Kurzarbeit gehen mussten oder sogar ihre Jobs verloren, verschlimmert hat. „Das Armutsrisiko wächst an.“ Es gebe zwar verschiedene Sozialleistungen sowie Unterstützung speziell für Kinder und Jugendliche, doch falle für die Eltern dadurch kontinuierlich kleinteilige Bürokratie an. „Es ist eine Stigmatisierung immer wieder Anträge für 30 oder 40 Euro stellen zu müssen und immer in einer Bittstellung zu stehen.“

Sofortzuschlag für armutsbetroffene Jugend geplant

Franziska Löffler äußert jedoch vorsichtig Hoffnung auf die im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung festgelegte Kindergrundsicherung. Wiederum befürchtet sie, dass der Satz zu gering ausfallen wird und die Familien erneut vor der Hürde stünden, ständig Anträge stellen zu müssen. Bundestag und Bundesrat haben vor Kurzem beschlossen, die Zeit bis zum Inkrafttreten der Kindergrundsicherung mit einem monatlichen Sofortzuschlag von 20 Euro für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die von Armut betroffen sind, zu überbrücken. Die Unterstützung soll ab dem 1. Juli verfügbar sein. Der Brandenburger Landtag wird dazu am 23. Juni über einen entsprechenden Gesetzentwurf entscheiden.
Armut sowie die Sorge vor sozialem Abstieg von Familien, Kindern und Jugendlichen sind in Brandenburg glücklicherweise noch nicht allgegenwärtig. Der Schulsozialarbeiter Jörn Lehmann hat bislang nicht beobachten können, dass sich Schülerinnen und Schüler vermehrt über ihren Wohlstand sorgen. Weder in den Gesprächen noch im Konsumverhalten erkenne er Veränderungen: „Die Kids essen nach wie vor ihre Schnitzelbrötchen und Burger.“ Wiederum sind Geldnöte für viele ein Scham besetztes und kein leichtes Gesprächsthema. „Kinder versuchen oft, ihre Eltern zu schützen“, erklärt der Sozialarbeiter, der für den Caritasverband Görlitz an der weiterführenden Lübbener Spreewald-Schule tätig ist.

Schulsozialarbeiter aus Lübben beobachteten gestiegenen Bedarf nach Therapie

Dass die Preissteigerung nur einen Teil der Kinder Jugendlichen betrifft, heißt jedoch nicht, dass der große Rest unbeschwert lebt. Im MOZ-Podcast schildert Franziska Löffler, dass sich die Jugend durch die Corona-Pandemie, Klimakrise und nun dem Ukraine-Krieg in einem Dauerkrisenmodus befänden. Dadurch erhöhe sich die Gefahr, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken. Jörn Lehmann kann diese Beobachtungen teilweise bestätigen. „In Eltern- und Einzelgesprächen mit Schülern und Schülerinnen erkenne ich einen gestiegenen therapeutischen Bedarf.“ Eine generelle Untergangsstimmung nehme der Schulsozialarbeiter wiederum nicht bei den Jugendlichen in Lübben wahr. „Die Kids kommen noch mit gewöhnlichen Jugendlichen-Problemen zu mir“ – vor allem also zu Liebe, Beziehungen oder Freizeitthemen.
Dennoch habe die Corona-Pandemie tiefe Spuren hinterlassen. Lehmann beobachtet Veränderungen in der Persönlichkeit. Soziale Kompetenzen seien zum Teil nicht ausgebildet worden, es herrsche einen Rückzug auf sich selbst und die eigene Familie. „Die Frustrationstoleranz ist extrem niedrig. Aber ich kann das verstehen. Die Jugendlichen waren zwei Jahre isoliert.“

Schulschwänzen hat zugenommen

Auch hätten das Schulschwänzen sowie der Konsum von Betäubungsmitteln zugenommen. Für ihren Rausch würden die Jugendlichen neuerdings weniger auf die klassischen Drogen wie Cannabis zurückgreifen, sondern Medikamente aus der Hausapotheke wie Hustensaft oder Reisetabletten probieren. „Die jungen Menschen experimentieren im Moment viel.“ Gerade jetzt im Sommer herrsche der Wunsch vor, viel nachholen zu wollen. Schließlich habe es in den vergangenen zwei Jahren kaum Räume gegeben, in denen junge Menschen tatsächlich jung sein konnten. Gedrosselte Aktivitäten, keine Partys, kein Abschlussball – Franziska Löffler spricht von einer arm gelebten Jugendzeit.
Schulsozialarbeiter Jörn Lehmann möchte jedoch nicht schwarzmalen. „Es ist alles noch verhältnismäßig normal.“ Er sowie seine Kolleginnen und Kollegen würden viele Beratungen und Projekte anbieten, um die Jugend möglichst aufzufangen. „Wir versuchen unser Bestes zu geben, dass die jungen Menschen vielleicht gar nicht so viel von den Krisen mitbekommen, die aktuell auf uns einprasseln.“

Ihre Meinung ist gefragt

Wie familienfreundlich ist Brandenburg? Wie gut sind die Schulen, wie kindersicher die Straßen? Und wie sehen die Brandenburgerinnen und Brandenburger die Zukunftschancen für ihre Kinder in der Region? Ihre Stimme zählt! Nehmen Sie an der Umfrage zum Familienkompass teil. Zum Dank für die Teilnahme haben Sie die Möglichkeit, an einer Verlosung teilzunehmen.

Machen Sie jetzt mit beim Familienkompass 2022!

Worum geht es? Der Familienkompass ist eine landesweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit in Brandenburg. Er ist ein gemeinsames Projekt von Märkischer Oderzeitung, Lausitzer Rundschau und Märkischer Allgemeine in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.
Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrem Wohnort zu verbessern. Wir konfrontieren Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten detailliert zur Situation in den Kommunen.
Was gibt es zu gewinnen? Der Hauptpreis ist ein Ostsee-Familienurlaub für bis zu sechs Personen mit 7 Übernachtungen (inkl. Wäsche, Handtücher, Reinigung, Kurtaxe. Die Anreise und Verpflegung sind nicht dabei.) Darüber hinaus können Sie ein Familien-Fotoshooting gewinnen oder Eintrittskarten für die Show „Arise“ im Friedrichstadtpalast und vieles mehr.
Wie kann ich mitmachen? Die Umfrage findet ausschließlich im Internet statt. Jeder kann sich beteiligen. Die Befragung endet am 10. Juli 2022. Die Ergebnisse werden im Sommer präsentiert. Den Fragebogen finden Sie unter: www.moz.de/familienkompass.