Germania: Von der Airline in die Kita

Neues Kapitel: 500 Mitarbeiter der eingestellten Germania Airline suchen in Berlin eine neue Stelle.
Arbeitsagentur BerlinAuch Susanne hatte sich auf den Weg gemacht. Die 44-Jährige, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat elf Jahre lang in der Germania-Verwaltung gearbeitet, „ich suche jetzt einen krisenfesten Job“, sagt die Berlinerin. Ihr Weg führt in das Berufsbildungszentrum (BIZ) vorbei an Stellwänden mit Hunderten von Angeboten. Unternehmen, Zeitarbeitsfirmen und der Öffentliche-Dienst suchen in Berlin händeringend nach Fachkräften. „Wir haben uns auch um den Großteil der 3000 Air-Berlin-Mitarbeiter gekümmert, von denen sind bei uns nur noch 179 ohne Anstellung gemeldet“, sagt Christoph Möller, Leiter der Arbeitsagentur Berlin-Nord, die sich um die Bezirke Reinickendorf, Spandau und Pankow kümmert.
17 Firmen haben auf der Jobbörse um neue Mitarbeiter geworben, neben Branchen aus der Luftfahrt wie Lufthansa, Aviation Power oder das russische Unternehmen Amtes, auch die Deutsche Bahn, die Estrel Hotel Gruppe und das Land Berlin.
Ennise Aydogan ist Rekruterin bei der Lufthansa, der Konzern suche ständig gut ausgebildete Mitarbeiter“, sagt sie. Alle zwei Monate veranstalte die Personalabteilung Schulungstermine mit Bewerbungsverfahren. „Wir bilden Fachkräfte nach unseren Vorstellungen weiter aus“, sagte sie. Der Andrang beim Lufthansa-Stand hält sich am Vormittag allerdings noch in Grenzen. Umlagert hingegen werden die Stände vom Land Berlin und dem neugeschaffenen Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten.
Auch Susanne geht zielstrebig auf die Mitarbeiter von Arne Richter, von der Senatsverwaltung für Finanzen, zu. Berlin sucht Tausende von Mitarbeitern. „Der Öffentliche Dienst ist attraktiv“, sagt Sascha Langenbach, vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten. Neben Verwaltungsaufgaben werden Pädagogen, IT-Fachleute und Techniker gesucht. Auch sein Amt hat aktuell 30 unbesetzte Stellen und will in diesem Jahr 106 neue schaffen.
Susanne ist beim Land Berlin fündig geworden. „Ich möchte eine Umschulung machen und dann als Erzieherin arbeiten“, sagt sie. Nun hofft sie, dass die Arbeitsagentur die Umschulung finanziert. In die Luftfahrtbranche möchte sie auf keinen Fall zurück: „Ich suche einen Arbeitsplatz mit Perspektive“.
Ganz anders sehen das zwei junge Männer, die sich mit Conrad Kleinfeld, von der Flugzeug-Wartungsfirma Amtes, unterhalten. „Die Interessenten haben gleich ihre Bewerbungsunterlagen dagelassen“, sagt Kleinfeld und verstaut zwei Mappen in einen Aktenkoffer. Seine Firma wartet Frachtflugzeuge am Flughafen Leipzig. „Wir sind eine hochspezialisierte Firma und sind auf der Suche nach Flugzeugmechanikern und Strukturtechnikern“, sagt Kleinfeld. Die Amtes ist eine Tochterfirma der Wolga-Dnepr Airlines, einer russischen Frachtfluggesellschaft, die auf Transporte mit der Antonow-AN-124 spezialisiert ist.
Susanne hat sich auch noch die Angebote bei der Deutschen Bahn und den Berliner Verkehrsbetriebe BVG angesehen, für sie steht jedoch fest, dass sie sich beruflich neu orientieren möchte. „Ich bin da sehr zuversichtlich,“ sagt sie strahlend.
Geschichte der Fluglinie
Deutschlands viertgrößte Airline stellte am 4. Februar 2019 den Betrieb ein. Germania flog zuletzt Ziele im Mittelmeerraum, in Osteuropa und im Nahen Osten an. Gegründet 1986, hatte die Firma zuletzt 1300 Mitarbeiter, die meisten im Raum Berlin/Brandenburg.
Seit 2016 hatte die Airline Finanzierungsprobleme, ausgelöst durch den Kauf von 25 Airbus-Bestellungen. Seit März ermittelt das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg wegen Verdachts auf Insolvenzverschleppung. ⇥nj