Havarie in Berlin: Stau und Straßen-Sperrung durch Rohrbruch – ist das Kanalsystem zu alt?
Der große Krater mitten auf der Stralauer Allee wirkt, als hätte es ein Erdbeben gegeben. Seit dem 10. Juli ist die wichtige Verbindung in Berlin-Friedrichshain voll gesperrt. Wegen eines Bruchs an dem 119 Jahre alten Gussrohr unter der Straße waren um halb 6 Uhr morgens unterirdisch – erst unbemerkt – viele tausend Kubikmeter Wasser ausgelaufen, so lange, bis sich der Asphalt erst nach oben wölbte, zerbarst und danach fast einen Meter in die Tiefe sackte.
Wegen der Reparaturarbeiten muss die Stralauer Allee nun monatelang voll gesperrt bleiben. Der Verkehr muss großspurig umgeleitet werden, mit der Folge, dass er sich nun unter anderem in der Köpenicker Straße in Kreuzberg regelmäßig staut.
150 Wohnungen ohne Trinkwasser
Zwar ist das Ausmaß der Havarie eher eine Ausnahme. Doch Rohrbrüche sind für die Berliner Wasserbetriebe mehr oder weniger Alltagsgeschäft. Erst wenige Tage zuvor war nach einem Rohrbruch die Dietlindestraße in Lichtenberg überflutet worden. Weil 150 Wohnungen dadurch vorübergehend kein Trinkwasser hatten, wurden Zapfständer aufgestellt. Auch die Kreuzung Gradestraße/Tempelhofer Weg ist seit Anfang des Jahres wegen einer Havarie gesperrt.
Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) haben jährlich mit rund 500 Rohrbrüchen zu kämpfen. „Viele werden, wenn sie nicht gerade an den neuralgischen Verkehrsknotenpunkten der Stadt passieren, von der breiten Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen, auch weil sie durch uns schnell behoben werden können“, erklärt BWB-Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump.
Die genaue Ursache ist in den meisten Fällen schwer zu ermitteln – wenn nicht, wie Ende 2021 in Steglitz – ein Bagger ein Rohr zerstört habe. „Oft ist es eine Summe von Ursachen: Hohe Verkehrsbelastung, Bewegungen im Erdreich durch angrenzende Bauarbeiten und mitunter auch das Alter der Leitung“, erklärt Hackenesch-Rump.
Das Durchschnittsalter der Berliner Leitungen liegt bei 58 Jahren. Die Rohre wurden aber früher wie heute so gebaut, dass sie rund 100 Jahren halten. Die älteste Graugusleitung verläuft unter der Mühlenstraße in Friedrichshain und wurde sogar schon im Jahr 1860 verlegt.
Rohre im Osten kaum instandgehalten
Laut Wasserbetriebe kommt es im Ostteil der Stadt häufiger zu Schäden als im Westteil. Das liege daran, dass das Rohrsystem im Osten jahrzehntelang kaum instandgehalten worden sei. Die vorhandenen Mittel seien dagegen in den Neubau in Marzahn-Hellersdorf geflossen.
Die Leitung unter der Stralauer Allee stammt aus dem Jahre 1904 und ist aus drei Zentimeter dickem Grauguss. „Das Material wurde bis in die 1960er-Jahre hinein verwendet und ist zwar sehr fest, kann jedoch Erschütterungen und Bewegungen im Erdreich nicht gut abfangen“, erklärt Hackenesch-Rump.
Neue Schäden am Kaiserdamm entdeckt
Bauarbeiter haben die wichtige Verbindung in die Berliner Innenstadt nun über der alten Leitung auf einer Fläche von 800 Quadratmetern aufgemacht, um das Ausmaß der Unterspülungen herauszufinden. Dabei wurde festgestellt, dass es zwei weitere Schäden an zwei unter der anderen Straßenseite verlaufenden Mischwasserkanälen gibt.
„Außerdem sind fünf Schächte und drei Abläufe defekt“, berichtet Hackenesch-Rump. Das sei besonders kompliziert, weil mangels Platz nicht an beiden Leitungen parallel gebaut werden könne. Wie lange die Sperrung an der Stralauer Allee zwischen Nagler- bis Modersohnstraße noch weiter anhält, ist ungewiss.
Weil die Wasserbetriebe bei Reparaturarbeiten immer wieder auf Überraschungen stoßen, können sie selten eine Zeitangabe machen, wann die betroffenen Straßen wieder für den Verkehr freigegeben werden können. Das gilt auch für den voll gesperrten Kaiserdamm in Charlottenburg, wo sich Ende April eine Havarie ereignete, nachdem an einer Abwasser-Druckleitung auf, die auch schon vor über 100 Jahren unter der heute viel befahrenden Kreuzung an der Suarezstraße verlegt wurde.
„Unter der Erde ist dort genauso viel Verkehr wie oben“, sagt Astrid Hackenesch-Rump. Gemeint sind neben der U-Bahn über 13 verschiedene Leitungen, vom Trinkwasser bis zur Telekom. Dazu musste die Sperrung deutlich ausgeweitet werden. „Denn beim Öffnen der Fahrbahndecke haben wir eine Gashochdruckleitung entdeckt, die nicht dokumentiert war und umverlegt werden muss.“
Zunehmender Verkehr machen Leitungen instabiler
Dazu wollen die Wasserbetriebe die Großbaustelle nutzen, um mithilfe eines Kamera-Riss-Monitorings den Zustand der Leitungen zu erfassen. „Es geht darum, ob wir so sanieren können, dass alles noch lange weiter hält oder ein Neubau nötig ist.“ Aber auch äußere Einflüsse auf das Rohrsystem sollen so überprüft werden. Denn Bewegungen wie zunehmender Straßenverkehr oder Neubauten machten die Leitungen instabiler, und das Gusseisen droht zu brechen.
Um dem vorzubeugen, wechseln die Berliner Wasserbetriebe jährlich ein Prozent der Rohre aus, das sind in etwa 40 Kilometer Netz. Das Rohr- und Kanalsystem in Berlin ist insgesamt 18.770 Kilometer lang.
Kontinuierliche Überprüfungen, Sanierungen und Millionen-Investitionen in den vergangenen Jahren hätten laut Wasserbetriebe aber auch dazu geführt, dass die Rohrbruchquote wieder rückläufig ist und derzeit 0,075 Prozent beträgt. „Die Wasserverluste liegen unter drei Prozent und damit deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt“, betont die BWB-Sprecherin. „Die Leute, die im Stau stehen, vergessen oft, dass es keinen Unterschied macht, ob es sich um plan- oder unplanmäßige Arbeiten handelt, wenn mal wieder ein größerer Schaden aufploppt.“ Die Auswirkungen auf den Verkehr seien letztendlich die gleichen.





