Heizung in Berlin: Wohnung mit Abwärme aus Rechenzentren heizen und sparen?

Wärme für Hunderte Wohnungen in Berlin: Gasag-Vertriebsvorstand Matthias Trunk (v. l.) steht mit Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) und Karsten Mitzinger von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag vor dem Wohnkomplex „Pallasseum“ in Berlin-Schöneberg, der künftig mit Abwärme beheizt wird.
Gerd Markert/GasagEs ist mollig warm im Rechenzentrum der Deutschen Telekom in Berlin-Schöneberg. Damit die Rechner in den langen Reihen mit Computerschränken nicht überhitzen, rauschen lautstark Kühlgeräte. Noch verpufft die Abwärme, die dabei zwangsläufig entsteht, in die Atmosphäre. Aber nicht mehr lange.
„Aus der ungenutzten Abwärme produzieren wir nun klimafreundliche Wärme für mehr als 500 Wohnungen im Pallasseum“, kündigt Karsten Mitzinger, Geschäftsführer der Gewobag ED Energie- und Dienstleistungsgesellschaft mbH, am Montag an. Vom Dach des Rechenzentrums zeigt er auf den denkmalgeschützten Wohnblock aus den 1970er Jahren, der nur 140 Meter Luftlinie entfernt in den Himmel ragt. Der lange zwölfgeschossige Beton-Riegel, der die Pallasstraße überspannt, und seine sechsgeschossigen Querbauten beherbergen rund 2000 Menschen.
Heizung in Berlin: Grüne Wärme zu gleichen Kosten
Weil die Fassade unter Denkmalschutz steht, wäre das Pallasseum, früher im Volksmund auch Sozialpalast genannt, schwer energetisch zu sanieren. „Wir haben hier nun die fantastische Situation, grüne Wärme zu gleichen Kosten wie herkömmliche Wärme zu produzieren, ohne am Gebäude etwas ändern zu müssen“, freut sich Mitzinger.
Notwendig seien lediglich ein paar neue Leitungen zwischen den Gebäuden sowie zwei Wärmepumpen auf dem Dach des Rechenzentrums. Letztere müssen die 28 Grad der Abwärme mit Ökostrom auf 75 Grad erhitzen, die wiederum für die alten Heizkörper der Wohnanlage nötig sind.
„Dadurch, dass grüner Strom für den Betrieb der Wärmepumpen eingesetzt wird, werden außerdem über 800 Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart“, heißt es vom Energieunternehmen Gasag, das dafür mit der Gewobag eine Kooperation eingegangen ist. Technisch umgesetzt wird das Projekt von der Telekom-Tochter PASM Power and Air Condition Solution Management GmbH.
In dem Wohnblock mit Sozialwohnungen selbst will die Gewobag nur die über zehn Jahre alten Gaskessel gegen neuere tauschen, um die Wärme auch in Spitzenzeiten oder beim Ausfall der Pumpen zu sichern. Startschuss für die Umstellung ist der 1. Oktober 2025.
Welche Zahlen später auf den Heizkostenabrechnungen der Mieter stehen, können oder wollen die Energie-Spezialisten allerdings noch nicht sagen. „Das ist aufgrund der starken Preisschwankungen momentan schwer zu berechnen. Es wird auf jeden Fall nicht teurer, und die Mieter sind von Unsicherheiten auf dem Erdgasmarkt geschützt“, versichert Mitzinger.
Das Pilotprojekt, bei dem erstmals Abwärme für Wohnen im Bestand genutzt wird, könnte eine Vorreiterrolle spielen. „Die für das Pallasseum mit seinen bezahlbaren Wohnungen gefundene Lösung ist ein Paradebeispiel für eine mögliche Win-win-Situation“, betont Christian Gaebler (SPD), Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.

Blick auf das Dach des Rechenzentrums der Telekom in Berlin Schöneberg mit großen Kühlgeräten.
Maria Neuendorff„Denn die Wärmewende ist nötig. Aber wir müssen aufpassen, dass sie auch bezahlbar bleibt“, betont der Politiker. Dabei sei Abwärme aus Rechenzentren in Berlin ein ganz wichtiger Baustein. „Sie zu nutzen, anstatt sie lediglich an die Luft abzugeben, drängt sich geradezu auf.“
So werde die Abwärme-Nutzung bei Neubauten von Computerzentren inzwischen schon mitgedacht. Im Marienpark, auf dem ehemaligen Gasag-Gelände in Tempelhof-Schöneberg, entsteht zum Beispiel ein neues Gewerbequartier. Einer der Neubauten ist ein Rechenzentrum, das gleichzeitig zur fossilfreien Wärmeversorgung der umgebenden Bürogebäude dienen soll. Bis 2025 soll so ein grünes, dezentrales Nahwärmenetz entstehen, mit dem rund 150.000 Quadratmeter Gewerbefläche beheizt werden.
Auch das künftige 7,4 Hektar große Gewerbe-Areal „GoWest“ mit Geschäften, Werkstätten, Gastronomie, Hotel, Kino und Theater, das bis 2028 in Schmargendorf entstehen wird, soll mit Abwärme aus dem neuen Rechenzentrum BER01 auf dem angrenzenden Campus geheizt werden. „Abwärme hat ein genauso großes Potenzial wie Geothermie“, sagt Matthias Trunk, Gasag-Vertriebsvorstand. In Berlin gebe es alleine 19 große Rechenzentren.
Heizen mit Abwärme aus Rechenzentren: Informationspflicht
Diese dürfen laut EU-Richtlinien für Computerzentren künftig ihre Abwärme nicht mehr so einfach in die Umwelt blasen. „Die Rechenzentren sind deswegen selbst schon auf der Suche nach Partnern, die ihnen die Abwärme abnehmen“, erklärt Trunk.
Auch das Energieeffizienzgesetz, das seit Ende 2023 bundesweit in Kraft ist, lege unter anderem fest, dass Abwärme in Unternehmen und Rechenzentren zukünftig vermieden beziehungsweise reduziert und genutzt werden müsse, erklärt Johanna Rupp von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Zudem ermögliche das Gesetz potentiellen wärmeabnehmenden Unternehmen, bei einem anderen Unternehmen mit einem bestimmten durchschnittlichen Gesamtendenergieverbrauch (über 2,5 GWh innerhalb der letzten drei Kalenderjahre) bestimmte Informationen über die dort anfallende Abwärme zu erfragen.
„Je größer zum Beispiel ein Rechenzentrum, desto weiter können auch die Wege der Leitungen sein“, erklärt Trunk. Doch um bis 2045 die Klimaneutralität zu erreichen, könne die Nutzung der lokalen erneuerbaren Wärme- und Abwärmepotenziale nur einer von mehreren Bausteinen sein, heißt es aus der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Energie. Die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt hat schon 2022 mit der Erstellung einer gesamtstädtischen Wärmeplanung begonnen.
Diese soll aufzeigen, welchen Wärmeversorgungsoptionen man in den verschiedenen Stadtgebieten den Vorzug geben müsste. „Die Wärmeplanung soll eine Grundlage bilden, an der Versorgungsunternehmen, Wohnungsunternehmen sowie private Immobilieneigentümer Entscheidungen über die künftige Wärmeversorgung ausrichten können“, heißt es.
Heizung in Berlin: Hausbesitzer und die Wärmewende
Laut einer aktuellen Civey-Umfrage im Auftrag des Berliner Energieversorgers Gasag sind aber 27 Prozent der privaten Hausbesitzer in Berlin und Brandenburg derzeit nicht bereit oder in der Lage, in energetische Maßnahmen zu investieren. Weitere 27 Prozent wären lediglich bereit, maximal 10.000 Euro eigenes Kapital einzusetzen.
In Berlin-Schöneberg investiert die Telekom-Tochter PASM rund fünf Millionen Euro in das Projekt. Die Gewobag als Abnehmer muss dagegen nur die Wärme selbst bezahlen. „Theoretisch wäre es schon möglich, dass sich auch Eigenheimbesitzer einer Wohnsiedlung mit Ein- und Zwei-Familienhäusern zusammenschließen und Fernwärme aus der Abwärme eines Rechenzentrums beziehen“, erklärt Matthias Prennig von der Gasag Solution Plus. Praktisch seien aber gerade neu geplante Rechenzentren auf der grünen Wiese schon wieder zu groß, um nur ein Dorf zu versorgen.
Die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag will auf jeden Fall noch weitere Möglichkeiten ausloten. „In der Stadt wird auch beim Thema Abwasser viel Abwärme produziert“, nennt Mitzinger ein weiteres Beispiel.
Pallasseum
Wegen seiner vielen mit Wäsche behangenen Balkone und Satelliten-Schüsseln wurde der Wohnkomplex an der Pallasstraße in Berlin-Schöneberg im Volksmund als „Sozialpalast“ bezeichnet. Tatsächlich ist er von 1974 bis 1977 auf dem Gelände des ehemaligen Sportpalastes unter der Leitung des Architekten Jürgen Sawade errichtet worden, um mehrheitlich Obdachlosen eine Wohnung anbieten zu können.
Inzwischen ist die Mieterschaft aber gut durchmischt, und das Quartier der landeseigenen Gewobag hat einen Imagewandel geschafft. Seit 2001 tragen die Häuser mit den 514 Wohnungen offiziell den Namen „Pallasseum“ – ein Wortspiel aus Pallasstraße und Kolosseum. Der Titel stammt von einem zwölfjährigen türkischen Mädchen, das mit seinem Vorschlag einen Namenswettbewerb gewann. (neu)


