„Wärmen Sie sich in einem gemeinschaftlichen Wohnzimmer in Berlins historischer Mitte auf“, heißt es auf den neuen Aufstellern im Foyer des Humboldt Forums. Seit ein paar Tagen wurde die Shop Fläche des Portal 3 im wiederaufgebauten Berliner Schloss zu einer Art Wärmestube umgerüstet.
Sylvia ist seitdem schon zum zweiten Mal da und hat es sich an einem der Tische mit einem Stück Streuselkuchen und Kaffee gemütlich gemacht, die man sich kostenlos am Tresen ordern kann. „Ich war vorher in der Bibliothek gegenüber und habe dort in den Zeitungen gelesen, so habe ich von dem Angebot erfahren“, sagt die 62-Jährige, die seit einem Jahr obdachlos ist.

Rettung an kalten Tagen

Abends hat sie einen Platz in der Frauen-Notunterkunft. Doch tagsüber seien die Orte, wo Menschen wie sie sich einfach mal hinsetzen können, sehr begrenzt. „An der Bahnhofsmission am Zoo wird zwar nach draußen Essen ausgeschenkt, aber wenn es nass und regnerisch ist, weiß man nicht, wo man sich damit niederlassen soll“, berichtet Sylvia.
Der „Ort der Wärme“ im Humboldtforum richtet sich aber nicht speziell an wohnungslose Menschen, sondern an alle. In Regalen stehen Bücher über Architektur, aber auch Gesellschaftsspiele und Kinderliteratur bereit. Ein Großteil der Besucher, die derzeit kommen, seien Menschen, die zwar ein Zuhause haben, aber teils nicht mehr wüssten, wie sie ihre laufenden Kosten bezahlen sollen“, berichtet Jörge Bellin, Koordinator Wohnungslosen- und Obdachlosenhilfe der Johanniter in Berlin, die die „Wärmestube“ gleich neben der Treppe zum Schlosskeller täglich von 14 bis 18 Uhr betreibt.
Unter den ersten zehn Gästen, die heute gleich schon kurz nach der Öffnung reinschneiten, sei unter anderem eine ältere Dame gewesen, die sich zu Hause nicht mehr traut zu heizen, berichtet der 43-Jährige. Mit dem ungewöhnlichen Angebot im Museum wolle man den Menschen nicht nur einen Ort zum Aufwärmen, sondern vor allem auch soziale Teilhabe ermöglichen.

Bibliotheken erweitern Öffnungszeiten ins Wochenende

Die Berliner Johanniter sind aber nur eine Organisation, die beim „Netzwerk der Wärme“ mithilft, das im November 2022 aufgrund der derzeitigen Krisen ins Leben gerufen wurde. Zurzeit haben sich rund 110 Institutionen wie Stadtteilzentren und Nachbarschaftstreffs, Kultureinrichtungen, Vereine und Initiativen registrieren lassen. „Wir rechnen am Ende so mit rund 200 Orten in der Stadt“, sagt Isabell Steiner, Projektkoordinatorin des „Netzwerks der Wärme“.
Besonders Bibliotheken hätten ihre Öffnungszeiten und kostenlosen Angebote erweitert. So gibt es in der Helene-Nathan-Bibliothek in Neukölln ein Sprachcafé sowie Spielenachmittage. In der Stadtteilbibliothek Adolf-Reichwein in Schmargendorf können Besucher sich kostenlos ein Energie-Messgerät ausleihen, um zu Hause den Verbrauch zu checken.
Im Bürgerhaus in Buch, das montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr geöffnet ist, werden dagegen Nähmaschinen, Werkzeuge sowie Fahrrad-Rikschas für Ausflüge verliehen. Es gibt kostenlose Workshops zu Themen wie Gesundheit und Nachhaltigkeit und eine wöchentliche Teilhabe-Beratung mit Antragshilfe. Besucher können nach Absprache auch die Feuerstelle mit Grill oder die Küche sowie den PC-Arbeitsplatz nutzen.
Vieles ist aber auch noch am Werden. „Wir wollten erst einmal damit angefangen, einmal in der Woche eine Suppe anzubieten“, berichtet Dolly Conto Obregón vom Haus der Kulturen Lateinamerikas e.V., die sonst Menschen aus der südamerikanischen Community in Berlin berät.
Im Krisen-Winter 2022 plant das „Casa Latinoamericana“ an der Kreuzberger Hasenheide auch Energie-Spar-Seminare und Musik-Tage und - Abende für Familien und Einsame. „Doch wir müssen sehen, wie wir das personell hinbekommen. Ich bin mit einer halben Stelle hier die einzige feste Arbeitskraft“, betont die studierte Erziehungswissenschaftlerin.

10,8 Millionen Euro für Wärme-Projekte

Geld für zusätzliche Helfer können die Einrichtungen beim Senat beantragen, der insgesamt 10,8 Millionen Euro für das Netzwerk der Wärme zur Verfügung stellt. „Unser Ziel ist, die Einrichtungen und Vereine so zu unterstützen, dass sie Gelder aus dem Wärme-Fördertopf auch schnell und unbürokratisch abrufen können“, erklärt Steiner.
Zudem habe die „Karuna Sozialgenossenschaft eG“ als Haupt-Träger des Netzwerkes schon ordentlich Sachspenden unter anderem bei Firmen gesammelt. „Unser Lager in Neukölln ist schon gut voll“, freut sich Steiner. Dort könnten zum Beispiel Kaffee oder Kekse geordert werde, aber auch warme Decken und Schlafanzüge.
„Die Einrichtungen tragen an uns heran, was die Leute vor Ort brauchen, und wir versuchen es zu organisieren“. Das können bei Bedarf auch Weihnachtsgeschenke für eine bedürftige Familie sein, die es sich selbst nicht mehr leisten. „Das Angebot des Wärme-Netzwerks richtet sich vor allem auch an die Menschen, die sonst immer noch knapp über die Runden gekommen sind, nun aber ins Straucheln geraten und vielleicht selbst noch keine Erfahrungen mit Hilfsangeboten haben.“
Dazu wolle man mit den Offerten „für alle“ auch eventuellen Neiddebatten entgegenwirken, die durch die Flüchtlings- und Kriegssituation wieder angefacht werden könnten. „Die Angebote sollen auch die Herzen wärmen und gegen soziale Kälte helfen“, erklärt Steiner.
Die 31-Jährige hat selbst Medienwissenschaften studiert und danach im Modebereich gearbeitet. „Da ist mir aber klargeworden, dass ich lieber eine helfende, sinnstiftende Arbeit machen möchte.“

Kostenlose Beratungen zu Energie-Kosten

In den neuen „Wärmestuben“ geht es aber vor allem auch viel um Informationsvermittlung - von der Mietersozialberatung bis zur Rentenberatung. Die Menschen können unter anderem ihre persönlichen Fragen zu Energie-Kosten stellen. Dazu erstellten sie und ihr Team derzeit auch ein ChatBot, das mit Hilfe von künstlicher Intelligenz automatisiert die häufigsten Fragen beantwortet. Auch die Internetseite zum Netzwerk der Wärme mit der Liste der Orte soll noch vereinfacht werden. Die Internet-Suche ist derzeit noch ein wenig umständlich.
Karin und Thomas haben trotzdem den Weg in die Schloss-Wärmestube gefunden. „Wir haben zwar keine kalten Wohnungen, aber wir haben davon gehört und wollten uns das hier trotzdem mal anschauen“, erklärt die 68-jährige Charlottenburgerin. Ihr Freund, der gerade aus Halberstadt in der Metropole zu Besuch ist, findet es besonders gut, dass ein Teil des Museumsshops, der ja sonst eigentlich kommerziellen Zwecken dient, der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird.
Im Foyer des Berliner Schlosses/Humbold Forum weisen Aussteller den Weg zum neuen "Ort der Wärme", der Teil des "Netwerks der Wärme" mit derzeit rund 110 Anlaufstellen in der Hauptstadt ist.
Im Foyer des Berliner Schlosses/Humbold Forum weisen Aussteller den Weg zum neuen „Ort der Wärme", der Teil des „Netwerks der Wärme" mit derzeit rund 110 Anlaufstellen in der Hauptstadt ist.
© Foto: Maria Neuendorff
„Überall soll den Leuten was verkauft werden, hier nicht“, sagt auch Manini C. Neima, die seit der Eröffnung des Humboldt Forums im Besucher-Service angestellt ist. Obwohl sie heute schon Frühschicht in der Skulpturen-Ausstellung hatte, hilft die 56-Jährige am Nachmittag ehrenamtlich in der „Wärmestube“ aus und serviert unter anderem Kaffee.
Die "Wärmestube" im Humboldt Forum in Berlin bietet für bis zu 60 Personen die Möglichkeit für einen kostenfreien Aufenthalt in geheizten Räumen.
Die „Wärmestube" im Humboldt Forum in Berlin bietet für bis zu 60 Personen die Möglichkeit für einen kostenfreien Aufenthalt in geheizten Räumen.
© Foto: Maria Neuendorff
Wer möchte, erfährt von ihr auch etwas zur Schlossgeschichte oder, dass fast alle der Ausstellungen im Humboldt Forum ebenfalls kostenlos zu besuchen sind. „Nicht jeder kann sich Kultur leisten“, sagt die Service-Kraft. Dass sie durch das zusätzliche Ehrenamt nun im Dezember kaum mehr einen freien Tag hat, störe sie nicht, betont Manini C. Neima. „Es ist trotz der schwierigen Zeiten doch so einfach, den Menschen eine kleine Freude zu machen und ein Lachen ins Gesicht zu zaubern“, sagt die Museums-Angestellte. „Und ganz nebenbei merkt man selbst, wie gut man es doch eigentlich hat.“