Hochkultur: Tristan und Isolde in 360 Grad

Umsonst und draußen: Zur "Staatsoper für alle" kamen im vergangenen Jahr mehr als 60 000 Besucher auf den Bebelplatz in Mitte. Auch in diesem Jahr wird für das zweitägige Klassik-Event die Straße unter den Linden gesperrt.
Maria NeuendorffWie sieht die Oper hinter den Kulissen aus? Was geschieht in den letzten Sekunden bevor sich der Vorhang hebt? Welchen Blick hat der Dirigent auf das Orchester? Mit mehr Streaming-Angeboten sowie einer verstärkten Präsenz in den sozialen Medien will die Staatsoper Unter den Linden ein jüngeres und gemischteres Publikum erreichen.
Einen Perspektivwechsel können Interessierte bereits bei der „Staatsoper für alle“ am Sonnabend erleben. Bei der Live-Übertragung auf den Bebelplatz wird das Vorspiel der Oper „Tristan und Isolde" aus einem besonderen Blickwinkel gezeigt. Mithilfe einer „GoPro Kamera“, die Daniel Barenboim auf der Schulter trägt, erhält das Publikum vor Ort und im Internet weltweit erstmals die Möglichkeit, das Spiel Musiker aus Sicht des Dirigenten zu verfolgen.
Während des Live-Streamings können Zuschauer vor den Bildschirmen zusätzlich die Vorstellung aus der Vogelperspektive über der Bühne in 360 Grad, aus der Sicht der Souffleusen oder von der Beleuchterbrücke erleben. Erstmals findet auch eine Übertragung des Bebelplatzes in den Opernsaal statt. So können auch die Menschen in dem frisch sanieren Theaterbau beobachten, wie sich der Platz mit tausenden Zuschauern füllt.
Im letzten Jahr zur 12. Auflage kamen über 60.000 Menschen zu dem zweitägigen kostenlosen Klassik-Event im Herzen Berlins. In diesem Jahr hat der Sponsor BMW Thomas Gottschalk als Moderator engagiert. Der bekannte Showmaster hat schon einmal nach einer verlorenen Wette in der Komischen Oper im Chor mitgesungen. Einen seiner beiden Söhne hat er Tristan genannt.
In der Fernsehwelt, aus der Gottschalk stammt, kommt das Genre Oper so gut wie nicht vor. „Wir wollen mit der Bespielung der digitalen Kanäle erreichen, dass die Menschen sagen: Da muss ich mal hin“, erklärt Intendant Matthias Schulz.
Zunächst ganz analog geben die Musiker der Staatskapelle Berlin nun auch kurze, intime Konzerte in Szene-Bars. „Die Hippster dort sind sehr neugierige Menschen, sie brauchen nur einen kleinen Anstoß, um sich für die Oper zu öffnen“, glaubt Jiyoon Lee. Die Geigerin ist mit erst 26 Jahren Berlins jüngste Konzertmeisterin. Als sie und ihre Kollegen im Januar erstmals in der Bar Tausend auftraten, trafen sie dort auf rund 60 eher zufällige Zuhörer. „Wir spielten Mozart, Rossini und Debussy und für die erfrischende Balance ein bisschen Jazz und Tango“, berichtet die gebürtige Koreanerin.
Inzwischen kommen rund 150 Leute, die über die sozialen Medien von den Terminen erfahren. Das letzte 30-minütige „OutOfTheOpera“-Konzert vor der Sommerpause findet am Montag um 20.30 Uhr im Klunkerkranich in Neukölln statt. Die Konzertreihe wird in der Saison 2019/20 fortgesetzt. Besucher, die ihre Eindrücke live im Netz posten, können Opern-Tickets gewinnen.
„Tristan und Isolde“ als Public Viewing wirkt dagegen für den Erstkontakt gewagt. Bei dem Fünfeinhalb-Stunden-Stück um Liebe und Tod ist am Sonnabend Durchhaltevermögen gefragt. „Die Inszenierung ist ein Psychodrama, das einwirkt und einen nicht loslässt“, verspricht Intendant Schulz. „Auf dem Bebelplatz ist ja niemand eingesperrt. Man kann kommen und gehen und sich gerne auch nur einen der Akte anhören.“
Das Programm
Die Veranstaltung "Oper für alle" startet am Sonnabend um 15 Uhr mit der Übertragung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" in der Regie von Dmitri Tcherniakov und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim, live aus dem Opernhaus auf den Bebelplatz. Die Titelrollen singen Andreas Schager und Anja Kampe, als König Marke ist René Pape zu erleben.
Am Sonntag spielt die Staatskapelle Berlin um 13 Uhr auf dem Bebelplatz dirigiert von Daniel Barenboim Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 mit Jiyoon Lee als Solistin sowie Johannes Brahms’ Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. Der Eintritt ist frei. ⇥neu
