Immobilien in Berlin und Brandenburg
: Warum Wohnungsunternehmen nun Gemeinschaftsbüros bauen

Ein Arbeitsweg von zwei Minuten, ohne das Haus zu verlassen – die Gesobau in Berlin hat in zwei Mietshäusern Büros errichtet. In Brandenburg gibt es ähnliche Projekte, die das Pendeln ersparen sollen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Im Mietshaus der Gesobau an der Mühlenstraße in Berlin-Pankow gibt es auf den einzelnen Etagen neben Wohnungen auch Arbeitsplätze, die man anmieten kann.

    Im Mietshaus der Gesobau an der Mühlenstraße in Berlin-Pankow gibt es auf den einzelnen Etagen neben Wohnungen auch Arbeitsplätze, die man anmieten kann.

    GESOBAU AG/Marcus Lenk
  • In der Langhansstraße 28 ist der erste Gesoworx-Standort enstanden. Bei dem Pilotprojekt der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gesobau wird Wohnen in den oberen Geschossen mit Coworking-Arbeitsplätzen in den unteren Etagen kombiniert.

    In der Langhansstraße 28 ist der erste Gesoworx-Standort enstanden. Bei dem Pilotprojekt der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gesobau wird Wohnen in den oberen Geschossen mit Coworking-Arbeitsplätzen in den unteren Etagen kombiniert.

    Maria Neuendorff
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Einerseits möchten die meisten Menschen einen möglichst kurzen Arbeitsweg, andererseits ist Homeoffice auch nicht jedermanns Sache. Die Gesobau in Berlin versucht nun einen Mittelweg. Unter dem Label „Gesoworx“ bietet das landeseigene Wohnungsbauunternehmen ab sofort in zwei neuen Mietshäusern in Weißensee und Pankow zeitlich flexibel mietbare Arbeitsplätze mitsamt Ausstattung an. Mieter der Gesobau erhalten bei Nutzung der Coworking Spaces einen Rabatt von 20 Prozent.

Doch die sieht man in der Langhansstraße 28 in Weißensee noch nicht in Scharen an den Rechnern sitzen. Am Montagnachmittag wirkt der Coworking Space im Erdgeschoss, den nur Büromieter mit einem Chip öffnen können, fast verwaist. Nur ein Mann sitzt mit seinem Laptop am Fenster. „Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit in Kunstgeschichte“, berichtet der Online-Kunsthändler.

Mittags schnell für die Familie einkaufen

Eigentlich arbeite er die meiste Zeit in Amsterdam, doch seine Frau, die nur wenige Ecken weiter wohnt, sei Berlinerin. „Wir haben gerade ein Kind bekommen und wegen des Babys habe ich zu Hause wenig Ruhe“, berichtet der 35-Jährige. Doch täglich mit dem Laptop in die Staatsbibliothek nach Berlin-Mitte zu fahren, findet er ebenfalls unpraktisch. „Hier bin ich in wenigen Minuten zu Hause und kann auch mal zwischendurch Einkäufe für die Familie erledigen.“

So hat er sich einen der neuen Arbeitsplätze im Community-Bereich gebucht. Die sind ab 161,08 Euro im Monat zu haben und flexibel wieder kündbar. Möbel, Drucker, Internetanschluss, Reinigung, Kaffee und Tee sind inklusive. In der ersten Etage des Neubaus mit 37 Wohnungen gibt es zusätzlich abschließbare Büros für Einzelpersonen oder Teams. Ab 71 Euro kann man aber auch einfach nur wie eine Briefkastenfirma einen Firmensitz in Berlin buchen – optional mit Postweiterleitung.

Kurz nach der Eröffnung des Pilotprojektes wirkt alles ein wenig unbelebt. Die Gegend, etwa zehn Tramhaltestellen vom Alexanderplatz entfernt, die eher von Dönerläden und Tattoo-Studios als von jungen Start-ups geprägt ist, gehört noch nicht zu den hippen Berliner Quartieren. Mehrere Ladengeschäfte in den alten Wohnhäusern in der Langhansstraße stehen leer. Im Neubau der Gesobau an der Ecke Roelkestraße, in dem ein Drittel der Wohnungen zu Kaltmieten von 6,50 Euro pro Quadratmeter vergeben wurden, soll es dagegen bald Aqua Facial Massagen gegen Hautalterung, Bubble Tea für den Blutzuckerspiegel und Eislieferungen zu Kindergeburtstagen geben, verraten teils handgeschriebene Hinweise an den nagelneuen Schaufenstern.

Arbeitsplätze in Weißensee und Pankow

Bei „North Andes Coffee“ gibt es schon Heißgetränke aus gerösteten kolumbianischen Bohnen. „Endlich hat hier ein richtiges Café aufgemacht. Da hab ich mich dann auch gleich beworben“, erzählt Bedienung Kim Fruhstuck, die schon ein paar Cappuccinos to go für Leute aus dem neuen Coworking Space nebenan aufgeschäumt hat.

Kim Fruhstuck (23) hat im neuen Coffee im Gesoworx-Gebäude in Weißensee eine Anstellung gefunden und verkauft nun Kaffee an die Nutzer des neuen Gemeinschaftsbüros nebenan.

Maria Neuendorff

Neben den 30 Arbeitsplätzen in Weißensee sind in einem zweiten Gesobau-Mietshaus an der Mühlenstraße 24 a/b in Pankow neben 106 neuen Wohnungen weitere Büroräume mit 17 Arbeitsplätzen entstanden. Auch dort wurde im Erdgeschoss ein offener Arbeitsbereich mit neun Plätzen geschaffen. Dazu sind vier einzeln mietbare Büros für ein oder zwei Personen auf die vier Etagen des Mehrgenerationen-Mietshauses verteilt, in dem es unter anderem auch einen Gemeinschaftsgarten gibt. „Die Nachfrage ist gut, sowohl Gesobau-Mieter*innen als auch Externe aus der Umgebung nutzen das Angebot“, sagt Birte Jessen, Sprecherin des kommunalen Unternehmens.

Kooperation des Berliner Senats mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften

Beide Coworking Spaces sind Teil des Projekts „Urban Living – Neues Wohnen in Berlin“, einer Kooperation des Berliner Senats mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften, die neue Wohnformen ermöglichen soll.

Das Projekt „Gesoworx“ wurde bereits vor Eröffnung Anfang Juli als eine „Symbiose aus Wohnen und Arbeiten“ mit dem DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2022 ausgezeichnet. Auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) begrüßt das Projekt: „Für immer mehr Menschen ist es möglich, flexibler zu arbeiten und damit lange Arbeitswege zu sparen“, so die Politikerin. „Der Coworking Space im eigenen Wohnhaus spart nicht nur Pendelzeiten und damit den CO2-Fußabdruck, sondern ermöglicht auch, den Spagat zwischen Familien- und Arbeitswelt ein bisschen besser zu schaffen.“

Während in Berlin aber weiterhin der größere Fokus auf dem Bau von dringend benötigten Wohnungen liegt, gibt es laut BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen im Nachbarland schon einige Projekte, bei denen kommunale Wohnungsunternehmen Coworking-Angebote geschaffen haben. Sie reichen von Wittenberge, Eberswalde bis nach Guben.

Fördergelder von 25 Millionen Euro gibt es auch bald in Lübbenau, wo direkt am Bahnhof 150 Arbeitsplätze auf vier Etagen entstehen sollen. „Derzeit sind wir noch in der Antragsphase. Baustart ist voraussichtlich 2024 und Eröffnung Ende 2026“, sagt Michael Jakobs, Geschäftsführer der WIS Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald mbH.

Nach Feierabend eine Runde Paddeln

Die neuen Arbeitsmöglichkeiten seien vor allem für Mitarbeiter des Technologieparks Berlin-Adlershof gedacht, die im Spreewald leben. Diese müssten dann nicht mehr täglich nach Berlin pendeln, um Kollegen zu begegnen, sondern könnten direkt nach Feierabend eine Runde Paddeln gehen, so Jakobs.

Die Überlegungen, wie man über Co-Working-Spaces entlang der Innovationsachse Berlin-Lausitz Wohnen und Arbeiten besser verzahnen könne, stammten schon aus der Vor-Corona-Zeit, betont Cindy Böhme, Sprecherin der WISTA Management GmbH, die für die Entwicklung des Technologieparks Adlershof zuständig ist.

„In Zeiten zunehmender Erkrankungen aufgrund von psychischer Belastung und Beanspruchung wird das Schaffen von gesunden Arbeitsbedingungen zur Schlüsselkompetenz der Unternehmensführung“, glaubt auch Wista-Chef Roland Sillmann. Im Homeoffice könnte man zwar stressige Pendel-Zeiten sparen, doch fehlten zu Hause wiederum häufig die ergonomischen Arbeitsplätze. Auch die Trennung von Arbeit und Freizeit sei ein Problem, so Sillmann.

Entlang der Bahnstrecke zwischen dem Berliner Zentrum, Adlershof und Brandenburg sollen deshalb mehrere dezentrale Arbeitsorte geschaffen werden, die den Weg der Adlershofer Angestellten in den Hauptfirmensitz auf einige Tage im Monat beschränken.

Mit den neuen Angeboten wolle man trotz aller digitaler Arbeitsmöglichkeiten an realen Orten, Zentren und Gebäuden festhalten, in denen Wissenschaft und Wirtschaft physisch zusammenkommen, forschen, entwickeln und real netzwerken können, betonte Sillmann schon in einer Projekt-Beschreibung der Wista 2020. „Wir sind der Meinung, dass die Mischung aus physischem und virtuellem Kontakt die höchste Effizienz an Innovation, Wissenschafts- und Wirtschaftserfolgen hervorbringen wird.“

Was bedeutet eigentlich Coworking?

Coworking bezeichnet eine Arbeitsform, bei der die Bürofläche von verschiedenen Unternehmen, Start-Ups sowie Freiberuflichen angemietet werden kann und die den Austausch untereinander fördert.

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