Interview mit Generalsuperintendentin: Zu Weihnachten darf es auch Zank geben

Generalsuperintendentin Theresa Rinecker
EKBOFrau Rinecker, was bedeutet Ihnen das Weihnachtsfest?
Für mich ist Weihnachten ein Fest der Innigkeit. Wenn die Zeit da ist, finde ich das Wichtigste, zur inneren Berührung mit dem Heiligen zu kommen. Weihnachten feiern wir den Mensch gewordenen Gott. Wir feiern die Geburt Christi, also den Geburtstag des einen Menschen, in dem alles, was wir von Gott glauben dürfen, versammelt ist. Dass es ein Gott der Liebe ist, der jeden Menschen annimmt mit unseren Leistungen und dem, was uns nicht gelingt.
Wie kann man sich denn vom Heiligen berühren lassen?
Ich denke, dass es gerade in unserer säkularisierten Zeit, die so sehr vom Tempo und von schnellen Fakten bestimmt ist, eine tiefe Sehnsucht nach Dingen gibt, die unverfügbar sind. Nach Dingen, die einfach geschehen, ohne dass ich sie bei Amazon bestellt habe. Dass mir etwas widerfährt, das mich in der Tiefe berührt. Und ich glaube, davon kann man zu Weihnachten etwas entdecken. Zum Beispiel, indem man auf das Kleine schaut: auf das Kind in der Krippe, auf dessen Verletzlichkeit, auf die Würde des Menschen.
In vielen Familien wird Weihnachten ganz anders gefeiert. Da geht es vor allem um große Geschenke ...
Ich kenne Viele, die anfangen, sich zu Weihnachten weniger zu schenken. Es gibt auch Menschen, die auf Geschenke ganz verzichten. Ich persönlich bin aber eher ein Fan von dem Geschenk, das mich anspricht, wenn ich an eine bestimmte Person denke. Dann ist es vielleicht nur das eine Geschenk. Aber es kommt von Herzen.
Weihnachten ist oft auch Auslöser für familiären Ärger aller Art. Was raten Sie als Seelsorgerin Familien, die Angst vor Weihnachten haben?
Als Regionalbischöfin sage ich da gern: Lauft dem Jesuskind die Türen ein! Geht hinaus aus Euren Häusern, geht in die Kirchen, geht an die Orte, wo ihr selber gar nichts tun müsst, wo ihr euch fallen lassen dürft und nicht für die gute Stimmung zuständig seid. Dafür sind zu Heiligabend wir Pfarrerinnen und Pfarrer und viele kirchliche Mitarbeitende zuständig. Das gilt gerade dann, wenn man merkt, dass alle alles so super schön machen wollen, weil alle zu Heiligabend so große Erwartungen haben, dass die kleinste Kleinigkeit zum Streitfall wird. Da hilft dann nur, ein Stück spazieren zu gehen, vor die Tür zu gehen, Unterbrechungen zu gestalten. Und man sollte es sich zugestehen, dass man sich zu Heiligabend auch mal zanken darf.
Sie haben eingeladen, in die Kirchen zu gehen. Gibt es denn am Heiligen Abend noch überall in Brandenburg und der Schlesischen Oberlausitz Weihnachtsgottesdienste?
Die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ehrenamtliche und Gemeindekirchenräte, Kinder und Jugendliche, Musiker und viele mehr geben sich Mühe, dass überall etwas stattfinden kann. Wenigstens ein geistliches Angebot sollte es während der Feiertage oder am Heiligen Abend geben.
Und wie wird es künftig sein? Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt ja eher, als dass sie steigt ...
Dort, wo es Menschen gibt, die Interesse haben, dass wir die Kirche im Ort lassen, wird es auch Menschen geben, die sich für die geistlichen Angebote verantwortlich sehen. Wir spüren natürlich alle, dass das nicht mehr nur die Pfarrperson alleine sein kann. Und sie ist es auch längst nicht mehr — sonst könnten wir die ganzen Angebote an den Feiertagen nicht mehr organisieren.
Wird die EKBO künftig noch in der Lage sein, alle Pfarrstellen zu besetzen?
Die Zahl der Pfarrstellen ändert sich ja ständig. Wir legen sehr viel Wert auf gute Arbeitsbedingungen für junge Kollegen, weil wir uns natürlich um junge Menschen für unsere Berufe bemühen müssen.
Ist eine Gemeinde mit neun Dörfern für junge Pfarrer noch attraktiv?
Es gibt Kollegen, für die ist das attraktiv — jedenfalls attraktiver als die Großstadt. Und es gibt Kollegen, für die ist das gar nicht vorstellbar. Da müssen wir dann stärker ins Team gucken, damit sich die Gefühle des Alleinseins, des Überlastetseins gar nicht erst einstellen. Dort, wo es gute Teams gibt, freuen sich junge Leute, in die eher ländlichen Regionen unserer Landeskirche zu gehen.
Gerade in Ihrem Zuständigkeitsgebiet gab es bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen ja einen politischen Rechtsruck. Wie politisch werden die Weihnachtsgottesdienste dieses Jahr?
Wir können gar nicht anders, als Liebe und Mitmenschlichkeit zu predigen. Selbst wenn ich vordergründig gar nicht politisch predigen möchte: In Zeiten, in denen Hass geschürt wird, und in Zeiten, in denen es starke Ausgrenzungstendenzen gibt, ist es ein Politikum, über Würde zu predigen und zu sagen: Wir stehen als Kirche weiterhin für Integration, für bunte Vielfalt — und tun das nicht nur, weil wir das schön finden, sondern weil Jesus uns es aufgetragen hat.
Vor 15 Jahren wurde die EKBO gegründet. Wo steht die Kirche heute?
Die Kirche ist auf der Bibel begründet und in der Region verwurzelt. Ich erlebe, dass sich auch die Tradition der schlesischen Oberlausitz sehr in unserer Landeskirche wiederfindet. Integration ist in unserer Kirche nichts, was so geschieht, dass jemand dazu kommt und das tun muss, was alle machen. Integration ist ein wechselseitiger Prozess, wo Menschen in ihrer Eigenständigkeit gesehen werden und eine neue Atmosphäre miteinander schaffen. Das ist bei uns in der Kirche gelungen.
Wenn Sie sich zu Weihnachten etwas von Dietmar Woidke wünschen dürften: Was wäre das?
Wir erwarten natürlich, dass die Regierungskoalition verlässlich zusammenarbeitet. Ich wünsche mir, dass sie Probleme löst und den Dialog mit der Bevölkerung durchgehend führt. Unsere Gesellschaft muss anders wirtschaften, wir müssen auf die Ressourcen schauen und auf das, was wir unseren Kindern übergeben.