Jens Spahn: „Wer andere gefährdet, muss zahlen“

Ob die Impfung stattgefunden hat, wird im Impfbuch eingetragen.
dpa/Achim ScheidemannWarum wird überhaupt die Masern–Impfpflicht erwogen? Weil Masern gefährlich sind. Die Viruserkrankung kann tödlich verlaufen oder bleibende Schäden hinterlassen. Bevor bei Erkrankten erste Symptome auftreten, können sie die Krankheit per Tröpfcheninfektion weiter verbreiten. Eigentlich sollten die Masern nach dem Willen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) längst ausgerottet sein. Doch davon ist man weit entfernt. Die WHO beklagt, dass in Europa im Jahr 2018 fast 82 600 Fälle von Masern gemeldet worden seien — ein Höchststand in den vergangenen zehn Jahren und dreimal so viel wie 2017. Zudem töteten im Vorjahr in Europa die Masern 72 Menschen — nach 42 Toten 2017.
In Deutschland gab es 2018 bundesweit 543 Erkrankungen. Zwar waren es 2017 noch 929 gewesen, doch in den ersten 15 Wochen dieses Jahres wurden im Robert–Koch–Institut (RKI) in Berlin bereits 341 Infektionen registriert, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Wenn Deutschland endlich als masernfrei gelten will, dürfte es bundesweit nur 80 Masernkranke gebe — pro Jahr. Für Deutschland gilt zudem: Auf 1000 Erkrankte kommt ein Todesfall. Mangelnde Impfbereitschaft hat es deshalb bei der WHO auf die Liste der zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit geschafft.
Gibt es regionale Unterschiede? Absolut. Während laut RKI bundesweit gesehen 97,1 Prozent der Schulanfänger 2017 noch die erste Masernimpfung erhalten hatte, waren nur noch 92,8 Prozent zweimal gegen Masern geimpft. Schusslicht war Baden–Württemberg (95,2/89,1), Spitzenreiter Brandenburg (98,6/95,5). Brandenburg und Mecklenburg–Vorpommern sind die einzigen Bundesländer, in denen die für die Ausrottung der Masern erforderliche Quote von 95 Prozent bei der zweiten Masern–Impfung erreicht wird. Diese 95 Prozent gelten als wichtig für die sogenannte Herdenimmunität. Wer sich nicht anstecken kann, verhindert, dass sich ein Erreger ausbreitet und die trifft, die ungeimpft geblieben sind — weil sie als Babys noch zu klein oder etwa als Senior zu geschwächt sind.
Wie viele Kinder müssen nachgeimpft werden? Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es in Kitas und Schulen rund 361 000 nichtgeimpfte Kinder. Zudem sollen etwa 220 000 Beschäftigte in Kitas, Schulen, Kliniken und Arztpraxen — vom Lehrer bis zum Hausmeister – Impfungen nachholen.
Warum werden hohe Bußgelder angedroht? Jens Spahn vergleicht das mit dem Straßenverkehr. Auch dort gelte: „Wenn Sie andere gefährden und Sie werden erwischt, dann müssen Sie ein Bußgeld bezahlen.“ Allerdings wolle er gar nicht, dass Bußgelder verhängt werden müssten. „Das Ziel ist, dass möglichst alle geimpft sind.“ Zudem gelte, dass die Geldbußen, die bis zu 2500 Euro betragen könnten, der jeweiligen Schwere entsprechen sollten. „Wer hartnäckig und dauerhaft trotz mehrfacher Aufforderung einer Pflicht nicht nachkommt, der wird anders behandelt als jemand, der es einfach nur vergessen hat.“
Soll es bei einer Impfpflicht nur für Masern bleiben? Eigentlich ja. Allerdings könnte es zu einem weitergehenden Schutz durch die Hintertür kommen. Denn Einzelimpfungen gegen Masern sind in Deutschland heutzutage unüblich, stattdessen wird eine Dreifach–Impfung, neben Masern mit einem Schutz vor Mumps und Röteln, gegeben. Zum Teil wird auch eine Vierfach–Impfung verwendet, die zusätzlich noch vor Windpocken schützt. Laut Ministerium werde man keinen Hersteller zwingen, Impfstoffe ausschließlich gegen Masern zu produzieren. Sei kein Einzelimpfstoff vorhanden, „muss man eben das Dreifachpräparat nehmen“, so ein Sprecher.
Wie sieht das in anderen Ländern aus? Gerade die Masern haben dazu geführt, dass in Frankreich seit 2018 eine Impfpflicht für Masern und zehn weitere Krankheiten besteht. Aber auch in Polen, Italien, Slowenien, Bulgarien, Lettland, Tschechien, Ungarn, Kroatien und in der Slowakei ist die Impfung gegen Masern vom Gesetzgeber vorgeschrieben. So wie das auch in der ehemaligen DDR der Fall war — wo es insgesamt 17 Pflichtimpfungen gab. Weshalb die ostdeutschen Impfquoten noch immer höher als die im Westen sind.
