Kaninchen kaufen und halten: Falsche Tierliebe – diese Fehler sollten Halter vermeiden

Lissi (l.) und Luka aus dem Tierheim Berlin suchen schon seit zwei Jahren ein neues Zuhause. Das Kaninchenpärchen ist geschätzte zwei bis drei Jahre alt.
Clara Rechenberg/Tierheim BerlinLissi hat langes weiß-graues Fell auf ihrem Kopf und Knopfaugen. Sie wurde zusammen mit einem anderen Kaninchen einfach in Berlin ausgesetzt. Im Tierheim Berlin lernte das Kaninchen ihren Artgenossen Luka kennen und lieben. Seit mittlerweile zwei Jahren sucht das Pärchen ein neues Zuhause. „Das ist eine verdammt lange Zeit, auch für uns“, sagt Tierheim-Sprecherin Beate Kaminski.
Ihre Kollegen kommen mit der Betreuung und Neu-Aufnahme kaum hinterher, weil seit Corona auch die Anzahl der ausgesetzten und abgegebenen Kleintiere stetig auf hohem Niveau bleibt. „So viele Langohren habe ich seit Jahren nicht gesehen“, sagt Kaminski, die seit zwölfeinhalb Jahren in Europas größtem Tierheim arbeitet.
Kaninchen-Handel über Facebook
Das liege vor allem daran, dass viele Menschen, die die Kleintiere anschaffen, sich nicht im Vorfeld gründlich genug über Haltung und Kosten informierten. „Sie denken, Kaninchen sind klein und wären gut zu verschenken. Es gibt sie schnell im Zoohandel oder sogar im Baumarkt zu kaufen“, so die Tierheimsprecherin.
Dazu würden auch unter anderem über Facebook-Gruppen oder Ebay Kleinanzeigen Kaninchen vermittelt, deren Herkunft häufig unklar ist und die teils nicht einmal kastriert seien, sodass es nach dem Kauf zu einer ungewollten Kinderschar kommen kann. Das war wohl auch in der Messi-Wohnung der Fall, aus der das Veterinär-Amt Marzahn-Hellersdorf am Mittwoch (13. März) 19 verwahrloste Kaninchen holte und nach Falkenberg brachte.
Dazu gibt es, obwohl sie eigentlich verboten sind, auch bei Kaninchen sogenannte Qualzuchten. Dazu gehören zum Beispiel Widderkaninchen mit besonders langen Schlappohren, die viele Menschen besonders niedlich finden. „Da ihre Ohren aber permanent über den Boden schleifen, schränken sie nicht nur Bewegungen und Sichtfeld ein, sondern werden auch schnell wundgerieben“, erklärt Kaminski. Das führe nicht selten zu schmerzhaften Ohrentzündungen. Durch den ebenfalls unnatürlich gezüchteten kleinen Kopf kommt es zusätzlich zu Platzmangel im Kiefer und häufig zu Zahnproblemen.

Widderkanichen gelten bei vielen Menschen als besonders süß. Doch ihre künstlich gezüchten überlangen Schlappohren führen häufig zu gesundheitliche Problemen.
Clara Rechenberg/Tierheim BerlinUnd das wiederum zu Arztkosten, mit denen viele Halter nicht gerechnet haben. Auch Lissi und Luka haben Probleme mit ihren Zähnen. „Allerdings werden diese auch nach der erfolgreichen Vermittlung lebenslang weiter kostenlos in unserer Tierarztpraxis behandelt“, erklärt Kaminski. Lissi muss zudem durch eine chronische Augenproblematik wöchentlich den Tränennasenkanal gespült bekommen. „Auch das wird lebenslang kostenlos in unserer Praxis durchgeführt.“
Dieser Deal gelte auch bei anderen Tierheim-Bewohnern, die mit chronischen Krankheiten in ein neues Zuhause vermittelt werden können. Bei Kosten von 80 bis 200 Euro pro Tierarztbesuch kein zu unterschätzender Bonus, zumal Kaninchen im Normalfall acht bis zwölf Jahre alt werden.
Kaninchen sind keine Kuscheltiere
Doch es gibt für Halter auch noch andere Vorteile, wenn sie ein Tierheim-Tier adoptieren, anstatt eines auf dem freien Markt zu kaufen. Dazu gehört die umfängliche Beratung durch Fachleute. Die Tierpfleger weisen Interessenten unter anderem darauf hin, dass sich Kaninchen nicht als Kuscheltiere eignen. „Kaninchen sind Fluchttiere und wollen nicht im Arm festgeklammert werden“, erklärt Kaminski. Durch das Hochnehmen bekämen sie Angst und würden sehr scheu.
Dazu brauchen sie viel Bewegung. „Im Handel gibt es leider oft viel zu kleine Käfige“, bedauert Kaminski. Laut Tierheim-Experten sind für ein Zwergkaninchen-Paar in Innenhaltung dagegen mindestens 2,5 Quadratmeter Grundfläche nötig. Bei großen Rassen wie den Deutschen Riesen werde noch mehr Platz benötigt. „Zusätzlich muss täglich freier Auslauf von mindestens sechs Stunden gewährleistet sein“, sagt Kaminski. Sie empfiehlt für die neuen Mitbewohner zum Beispiel ein halbes Zimmer abzutrennen, damit die Kaninchen einen Bereich für sich haben, in dem sie hoppeln und Haken schlagen können.
Das Tierheim Berlin arbeitet in der Kaninchen-Pflege eng mit der „Burg Nagezahn“ zusammen, einem gemeinnützigen Verein, der sich seit 2015 für Nagetiere und Kaninchen einsetzt. In Hirschfelde in Brandenburg bieten die Mitglieder auf einer Fläche von rund 1.000 Quadratmetern inzwischen bis zu 70 Tieren mit chronischen Erkrankungen und oftmals schlimmer Vergangenheit ein artgerechtes Heim.
Doch nicht nur in Berlin und Brandenburg, sondern deutschlandweit ist die Lage in den Tierheimen derzeit dramatisch. „Die Aufnahmekapazitäten sind ausgereizt. Oftmals sind die Tierschützenden am Ende ihrer Kräfte, und das Geld ist knapp“, sagte Eva Rönspieß, Vorsitzende des Tierschutzvereins für Berlin bei der Auftaktveranstaltung „Berliner Heimtierrunden“ in Berlin.
Sachkunde statt Kuscheltierdrama
Der Grund dafür sei die Masse an Heimtieren, die während der Pandemie unbedacht angeschafft worden sei und nun die Boxen und Gehege flute. Dabei stamme ein Großteil dieser Tiere nicht aus Deutschland, sondern aus dem illegalen Welpenhandel, von Onlinebörsen oder aus nicht seriösem Auslandstierschutz, so Rönspieß.
Unter der Überschrift „Sachkunde statt Kuscheltierdrama“ wollen die Berliner Landestierschutzbeauftragte und der Tierschutzverein Berlin mit der neuen öffentlichen Reihe über den richtigen Umgang mit Heimtieren aufklären. „Wir wollen aufzeigen, wie falsche Tierliebe mit typischen Haltungsfehlern zu großen Tierschutzproblemen führt“, sagt die Berliner Landestierschutzbeauftragte Kathrin Herrmann. Dabei werden nach und nach die verschiedenen Tierarten wie kleine Heimtiere, Hunde, Katzen, Ziervögel und Reptilien im Rahmen von Expertenvorträgen beleuchtet. Unter anderem wird Professor Achim Gruber, Leiter des Instituts für Tierpathologie der FU Berlin und Buchautor, im Juli das Thema „Krank durch Zucht“ beleuchten.
Die Kleintier-Retter aus der Burg Nagezahn im Barnim weisen über ihren Instagram Account die Öffentlichkeit auch immer wieder auf Futterfehler hin. So seien zum Beispiel Möhren gar nicht so gut für die Schlappohren. „Zu viel Karotte kann zu Verdauungs- und Zahnproblemen führen“, wird erklärt. Mehr als ein Möhren-Scheibchen als besonderes Leckerli sollte man nicht in der Woche geben, erklären die Kaninchen-Experten.
„Auch Knabberstangen aus der Industrie sind nicht besonders gesund“, fügt Tierheim-Sprecherin Kaminski hinzu. Das artgerechteste Futter wäre blättriges Grünzeug von einer ungedüngten Wiese. Wer darauf keinen Zugriff hat, werde aber auch im Salat-, Kohl- und Kräuterregal im Supermarkt fündig. Dazu seien Wasserschalen für Kaninchen besser als Saug-Vorrichten. Für die Ernährung sollten Halter etwa einen Euro je Tier und Tag rechnen, wenn man saisonal und günstig einkauft.
Kaninchen nie alleine halten
Wirklich gute und fundierte Tipps finden Kaninchenhalter auch auf der Webseite Kaninchenwiese.de. Die Betreiberin von Deutschlands größtem Ratgeberportal für Schlappohren, Viola Schillinger, ist angehende Tierärztin und hält seit ihrer Kindheit Kaninchen. Unter der Rubrik „Was du als Neuling unbedingt wissen musst“ schreibt sie, dass Kaninchen niemals alleine gehalten werden dürften. „Denn das wäre absolut nicht artgerecht und ist deshalb in der Schweiz und in Österreich bereits gesetzlich verboten.“
So werden auch Lissi und Luka nur gemeinsam abgegeben und auch nur an Menschen, „denen das Wohl der Tiere genauso am Herzen liegt, wie ihr eigener Spaß.“
Berliner Heimtierunden
Der Tierschutzverein für Berlin und Umgebung Corp. E. V. betreibt im Berliner Stadtteil Falkenberg das größte und modernste Tierheim Europas. Auf einer Fläche von mehr als 16 Hektar betreuen die Helfer derzeit rund 1.300 Tiere.
Die nächste Veranstaltung der neuen Reihe „Berliner Heimtierunden“ widmet sich am 22. April 2024 von 19 bis 20.30 Uhr dem Thema „Reptilien“. Tierarzt Danilo Saß berichtet über Haltungsfehler und Qualzuchten. Die Veranstaltung findet online statt. Kostenlose Anmeldung unter www.eventbrite.
Die Veranstaltungen werden auch rechtzeitig auf der Webseite des Tierheim Berlins angekündigt.



