Es ist surreal. Mehr als eine Woche ist jetzt vergangen und immer noch habe ich das Gefühl, das Geschehene nicht greifen zu können, trotz der vielen Bilder und Nachrichten. Es ist unfassbar, was in meiner alten Heimat Euskirchen und Swisttal in Nordrhein-Westfalen am 14. Juli geschehen ist. Ich bekomme Fotos und Videos von Freunden, Nachbarn und ehemaligen Kollegen aufs Handy, die mich schockiert und hilflos zurücklassen.
Mein Mann und ich leben schon eine Weile im schönen Burg im Spreewald, haben aber noch ein Häuschen, Verwandte und Freunde in der Region. Unsere Nachbarn sind alle sehr lieb und überaus aufmerksam, stellen mal eine Mülltonne für uns raus, holen die Post oder lassen auch mal die gemeinsame Hecke schneiden.

Kurz nach 22 Uhr rief der Nachbar ganz aufgeregt an

Am Abend des 14. Juli sprachen wir noch über eine Starkregen-Warnung in der Wetter-App und ob dadurch wohl eine Regenrinne, die schon länger Probleme macht, wieder mal überlaufen würde. Dann rief unser Nachbar kurz nach 22 Uhr ganz aufgeregt an: „Wir sind überflutet worden, unser Keller ist vollgelaufen.“ Schlagartig waren wir hellwach und voller Adrenalin. Ob er uns mal ein Foto schicken könne? Er sagte, er versucht es, der Strom sei ausgefallen, mit Handylicht würde man wahrscheinlich nicht viel erkennen. Da stand die schlammige Brühe schon einen halben Meter im Keller.
Gedanken schossen uns durch den Kopf: „Wie kommen wir jetzt schnell hin? In sechs Stunden sind wir dort.“ Und: „Greift die Versicherung?“ Die hatten wir erst vor zwei Wochen gewechselt. Wir waren die Woche zuvor noch vor Ort, müssten jetzt schon wieder los, 700 Kilometer quer durch die Republik.

Auf einmal hieß es, dass der Ort evakuiert wird

Ein erschreckender Ton wie von einer alten Autohupe unterbrach uns jäh: Die Warn-App Katwarn schlug Alarm! Da rief unser Nachbar wieder an: „Alle Keller in der Straße sind vollgelaufen, der ganze Ort wird evakuiert“. Helle Aufruhr, wir überlegten sofort, was wir von hier am besten ausrichten könnten.

Spendenaktion

Für die Spenden aus Brandenburg wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021
Vor Kurzem hatte sich mein Schwiegervater – offensichtlich in weiser Voraussicht – ein neues Notstromaggregat zugelegt, nachdem das alte nicht mehr richtig lief und meine Schwiegereltern auch hier in Burg immer mal durch extremen Regen und Hochwasser Wasser im Keller haben.

Die Steinbachtalsperre, Naherholungsgebiet meiner Kindheit, drohte zu brechen

Mein Mann packte alles ein und fuhr mit meinem Schwiegervater sofort ins „Schadensgebiet“, in der Hoffnung, zeitnah etwas auszurichten und schnell abpumpen zu können. Diese Hoffnung wurde enttäuscht, der komplette Ortsteil war bereits von der Polizei abgeriegelt, es bestand die Gefahr, dass die Steinbachtalsperre bricht und eine Flutwelle innerhalb von fünf Minuten unseren Ort wegspült.
Die Steinbachtalsperre, das Naherholungsgebiet mit Schwimmbad und Gastronomie, das wir schon als Kinder so oft besucht haben? Ein Horrorszenario, an Schlaf war nun nicht mehr zu denken.

So viele schöne Orte vom Schlamm verschluckt

Am nächsten Tag zeichnete sich das Ausmaß der Katastrophe bei uns daheim Gebliebenen langsam deutlicher ab. Ich bekam Videos aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo ich früher mal gearbeitet habe. Sofort kamen Erinnerungen hoch an das miterlebte Ahr-Hochwasser 2016, aber auch an Eisessen im Sommer an der Ahr oder eine Nachtwächtertour durch die historischen Gassen von Ahrweiler. Das wird es wohl so nie mehr zu sehen geben.
Mir fallen die Weingenossenschaften in Dernau und Mayschoss ein, die eine jahrhundertealte Tradition haben. Alles überflutet oder weggespült, vom Schlamm verschluckt. So bald wird es wohl keinen Blanc de Noir von der Ahr geben. So viele schöne Orte, von denen ich auch nach Tagen gar nicht glauben kann, wie sie durch die Wucht der Wassermassen innerhalb kürzester Zeit zerstört wurden.

Dann erreichten mich die Horrormeldungen von den Todesopfern

Viel schlimmer aber sind die ersten Horrormeldungen zu Menschen, die die Wassermassen mitgerissen haben und denen nicht mehr geholfen werden konnte oder die vermisst werden. Meine Cousine und ihr Sohn mussten mitten in der Euskirchener Innenstadt von ihrem Balkon in der 4. Etage aus mitansehen, wie eine Nachbarin vor ihren Augen ertrank, weil sie an einem Fahrradständer hängenblieb, der nicht mehr zu sehen war. Die Fluten haben sie einfach umgerissen. Es ging alles sehr schnell, sie sind runtergelaufen, um sie zu greifen und zu retten, kamen aber nicht mehr rechtzeitig an sie ran, weil sich die Eingangstür wegen der Wassermassen nicht mehr öffnen ließ.
Die Frau lag am nächsten Morgen immer noch im Wasser vor der Haustür. Zwei weitere Leichen wurden angespült. „Diese Bilder werde ich bis zum Ende meines Lebens nicht mehr aus dem Kopf bekommen“, sagt meine Cousine. Mir schießen dabei die Tränen in die Augen. Wieviel Leid die Menschen nun ertragen müssen, es ist eine Tragödie.

Die große Anteilnahme ist ein Trost

Gleichzeitig gibt es eine schier überwältigende Anteilnahme und einen nie dagewesenen Zusammenhalt beim ersten Aufräumen, Schlamm wegschieben, teilweise von fremden Leuten die zur Unterstützung angereist sind oder Menschen, mit denen man sehr lange schon nicht mehr gesprochen hat. Das tröstet und hilft. Es wird gespendet, alles was man sich vorstellen kann für diejenigen, die alles in der Jahrhundertflut verloren haben. „Mir stonn zosamme, ejal wat auch passiert, in unsrem Veedel“ heißt es in einem kölschen Lied der Bläck Föös. „Wir stehen zusammen, egal was auch passiert, in unserem Viertel.“ Das gilt.
Wie Brandenburg den Unwetter-Opfern hilft, lesen Sie auf einer Themenseite.

Ileana Lehmann – von Euskirchen nach Burg im Spreewald

Ileana Lehmann wurde als Kind griechischer Einwanderer in Euskirchen in Nordrhein-Westfalen geboren und hat dort ihre Kindheit und Jugend verbracht. Nach dem Jura-Studium ist sie nach Bonn gezogen. Seit nunmehr drei Jahren lebt sie mit ihrem aus dem Spreewald stammenden Mann in Burg. Ileana Lehmann ist Anzeigen-Verkaufsleiterin der Lausitzer Rundschau im Spreewald.