Kinder in Brandenburg: Das rät die Polizei Eltern zum Schutz vor sexueller Gewalt

„Das wollen wir vermeiden“ - Polizeihauptkommissar Jürgen Schirrmeister erklärt im Interview, wie sich Kinder gegenüber Fremden verhalten sollten. (Symbolbild)
Jörg Lange/dpaEs ist eine Urangst von Eltern: Fremde sprechen ihr Kind an, entführen es und tun ihm womöglich Gewalt an. Die Polizei Brandenburg berät Mütter und Väter dabei, Kindern das richtige Verhalten anzutrainieren.
Polizeihauptkommissar Jürgen Schirrmeister, Experte für Prävention bei der Polizeiinspektion Märkisch-Oderland, erklärt im Interview die Hintergründe.
Herr Schirrmeister, mit Blick auf die Kriminalstatistik, welche Sorgen müssen sich Eltern um das Verhalten ihrer Kinder gegenüber Fremden machen?
Es kommt sehr selten vor, dass Fremde Kinder ansprechen, mit ihnen losziehen und es dann zum Beispiel zu schwerem sexuellem Missbrauch kommt. Viel häufiger werden Kinder durch Menschen aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis zu Opfern von Straftaten. Aber die Statistik hilft uns da nicht so richtig weiter. Es gibt die natürliche Sorge der Eltern. Als Polizei wollen wir Tipps geben, wie man damit richtig umgeht. Manche Eltern neigen dazu, es zu kompliziert zu machen.
Was meinen Sie damit?
Es hängt vom Alter der Kinder ab. Aber nehmen Sie den Satz: Du darfst nicht mit Fremden mitgehen! Was soll ein kleines Kind damit anfangen? Günstiger wäre es, zu sagen, es gibt diese zwei oder drei Personen, mit denen kannst du mitgehen, und mit allen anderen nicht. Schwierig ist auch, Kindern erklären zu wollen, warum Schokolade von Fremden tabu ist und warum sie nicht mitgehen dürfen. Mit der Sorge vor sexuellem Missbrauch können kleine Kinder nichts anfangen. Es reicht, zu sagen: Wenn du mit anderen als den von uns Benannten mitgehst, kann es passieren, dass sie dich nicht mehr nach Hause lassen. Das verstehen Kinder.
Welche Altersgruppen spricht die Polizei mit ihren Präventionsangeboten an?
Wir gehen mit diesem Thema in die zweiten und dritten Klassen in der Grundschule. In die Kindergärten nicht, in dem Alter sind diese Fragen bei Eltern und Kita-Erziehern gut aufgehoben.

Experte für Prävention: Polizeihauptkommissar Jürgen Schirrmeister aus Märkisch-Oderland in Brandenburg. Das rät er Eltern und Kindern zum Umgang mit Fremden, um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen.
Polizei BrandenburgJüngst gab es einen Online-Elternabend der Polizei Brandenburg zu genau dem Thema. Warum?
Wir gehen in die Schulen, da sollten die Eltern wissen, was wir machen. Darum drehte es sich vor allem. Wie gehen wir vor, wie bauen wir Hemmnisse ab? Welche Spiele machen wir in den 90 Minuten? Manche Mütter und Väter sind skeptisch, aber die Polizei kommt gut an bei den Kindern.
Welche Spiele machen Sie denn?
Zum Beispiel Erkennungsspiele: Wir schicken ein Kind raus, verändern etwas an ihm, dann kommt es wieder rein, und die anderen sollen erkennen, was anders ist. So wollen wir die Beobachtung schulen. Damit Kinder im Ernstfall sagen können: So und so sah der Mensch aus.
Das rät die Polizei Kindern und Eltern zum Umgang mit Fremden
Wie war das Feedback auf den Online-Elternabend?
Durchaus positiv. Eine Rückmeldung von Eltern war, dass man sich sehr praktische Tipps wünscht. Zum Beispiel: Wenn mein Kind eine Fahrradpanne hat, darf es sich dann nicht von Fremden helfen lassen? Meine Antwort: Wenn die Person das vor Ort in der Öffentlichkeit repariert, ist das wunderbar. Aber wenn sie sagt, komm mit, ich repariere das bei mir zu Hause, sollte das Kind ablehnen.
Vor dem Hintergrund, dass solche Ernstfälle wie beschrieben statistisch sehr selten sind, verunsichert und belastet man Kinder nicht unnötig, wenn man warnt und ihnen strenge Verhaltensregeln auferlegt?
Gegenfrage: Sollten wir auf Brandschutzübungen verzichten, weil es selten brennt? Nichts tun und das Thema ignorieren, weil es so selten vorkommt, halte ich für falsch. Man sollte Kinder dafür sensibilisieren. Ein Junge oder ein Mädchen, mit dem man überhaupt nicht darüber spricht, wird sich im Fall der Fälle wahrscheinlich falsch verhalten, sich überreden lassen und mitgehen. Das wollen wir vermeiden. Ohne Panik zu verbreiten, das ist die Kunst.
Jetzt in der dunklen Jahreszeit machen sich Eltern in Sachen „Verhalten gegenüber Fremden“ möglicherweise besonders große Sorgen. Zu Recht?
Das Ansprechen von Kindern durch fremde Personen erfolgt unabhängig von der Jahreszeit. Mir ist kein Anstieg jener Fälle, vor denen Eltern Angst haben, in dieser Zeit bekannt.
Wie ist es eigentlich mit Teenagern – gilt es bei ihnen auch, vor Fremden zu warnen?
Teenager wissen, dass sie nicht zu Fremden ins Auto steigen sollten. Man kann sie auch schwerlich mit Schokolade oder niedlichen Hundewelpen locken. Die Gefahr ist hier eine andere: Jugendliche bahnen Kontakte zu Fremden über das Internet an, dann trifft man sich und sie steigen zu jemandem ins Auto, den sie für nett halten, in Wahrheit aber gar nicht kennen. Sie müssen sich bewusst machen, dass darin eine gewisse Gefahr liegt.


