Kita in Berlin-Spandau
: Starre Öffnungszeiten in Kitas – junge Familie am Limit

In Berlin-Spandau wird aktuell über eine 24-Stunden-Kita diskutiert. Eine Familie und eine Alleinerziehende berichten, wie bessere Öffnungszeiten ihren Alltag erleichtern würde.
Von
Jessica Neumayer
Spandau
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ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Spielzeuguhr zeigt fünf vor zwölf am 21.05.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) in einer Kindertagesstätte, in der Eltern die Kinderbetreuung wegen des Streiks der Erzieher- und Erzieherinnen übernommen haben. Foto: Daniel Naupold/dpa (zu dpa "Arbeitgeber im Kita-Tarifstreit wollen nichts drauflegen" vom 10.08.2015) +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Kita mit flexibleren Öffnungszeiten würde den Tag manch eines Elternteils erheblich erleichtern. In Spandau wird derzeit das Modellprojekt einer 24/7-Kita diskutiert.

Daniel Naupold/dpa

Es ist schwer, in Berlin einen Kitaplatz zu bekommen. Wer einen Platz hat, muss sich nach den Öffnungszeiten richten. Für viele Eltern bedeuten die unflexiblen Bring- und Abholzeiten zusätzliche Herausforderungen. In Spandau wird derzeit eine Idee zu flexibleren Betreuungsmöglichkeiten diskutiert. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fordert eine Kita, die 24 Stunden an sieben Tagen die Woche geöffnet hat.

Viele Eltern arbeiten in Schichtdiensten. Damit sind nicht nur Ärztinnen und Ärzte gemeint, sondern auch Personen, die im Verkauf, im Lager oder in Pflegediensten arbeiten. Eltern haben Jobs, die zunehmend außerhalb der regulären Kita-Öffnungszeiten ausgeübt werden müssen. Um Familien wirklich zu unterstützen, ist ein breiteres Angebot an Betreuungsmöglichkeiten notwendig.

Probleme mit der Kita-Betreuung bei Schichtarbeit

Seit knapp drei Jahren sind Lisa T., Kerim T. und ihre Tochter eine kleine Familie. Er ist Oberbrandmeister bei der Feuerwehr, sie macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ihr Familienleben ist eine logistische Herausforderung, sagt Lisa T.

„Unsere Schichten sind nicht einfach zu kombinieren“, sagt die 24-Jährige. Dass Sie und ihr Partner sich in manchen Wochen nur wenige Stunden sehen, bevor der eine schlafen geht und der andere in die Nachtschicht startet, wussten sie vorher. „Bei zwei Jobs im Schichtdienst ist das normal.“ Doch seit ihre Tochter da ist, stehen sie bezüglich ihrer Betreuung vor größeren Herausforderungen.

„Wenn ich Frühdienst habe, kann ich sie nicht in die Kita bringen“, sagt Lisa T. Ihre Kita öffnet um 6 Uhr. Dienstbeginn ist um 6.30 Uhr – fertig umgezogen auf der Station. Alleine der Fahrtweg zur Arbeitsstelle dauert eine halbe Stunde. Bei Kerim T. sieht es ähnlich aus. Auf der Wache hat er 12-Stunden-Schichten. „Der Tagesdienst dauert von 6 bis 18 Uhr.“

Ein Vater sitzt mit seinem Sohn vor einem Laptop

Der Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung gehört für viele Elternteile längst zum Alltag. Doch gerade bei Jobs im Schichtdienst wären Kita-Einrichtungen mit flexibleren Öffnungszeiten sinnvoll. (Symbolbild)

Christin Klose/dpa-mag/dpa

Bei Frühdiensten schläft ein Elternteil mit der Tochter bei den Großeltern. Diese bringen die Enkelin dann vor ihrer eigenen Arbeit in die Kita. Die junge Mutter ist dankbar für die Unterstützung. Zugleich wünschte sie, es wäre auch anders möglich. „Ich kann doch von keinem dauerhaft verlangen, meine Aufgaben zu übernehmen.“ Für die Familie wäre eine 24-Stunden-Kita die Lösung.

In ihrem Ausbildungsjahrgang gebe es viele Paare, die im Schichtdienst arbeiten. Hinzu kommen viele Alleinerziehende. Die Nachfrage nach flexibleren Kita-Öffnungszeiten sei groß. „Es gibt zu wenig Möglichkeiten, die es Eltern erleichtern würde, vor Schichtbeginn ihr Kind in eine gute Einrichtung zu geben“, bedauert Lisa T.

Aktuelle Kita-Zeiten schwierig für Alleinerziehende

Stephanie L. ist alleinerziehend. Ihre Kita öffnet um 7 Uhr. Dann, wenn sie eigentlich schon ans Arbeiten denken sollte. Sie ist Angestellte einer IT-Security-Firma einer Bank. „Es wäre für mich eine enorme Erleichterung, meinen Sohn schon um 6 Uhr in die Kita geben zu können.“

Sie könne zum Glück aus dem Homeoffice zeitlich flexibel arbeiten. „Ich arbeite schon um 5 Uhr vor, bevor es zur Kita geht“, sagt Stephanie L. Bei Abendschichten macht sie es umgekehrt – Kind abholen, ins Bett bringen und dann nochmal für drei Stunden an den PC.

Auch wenn sie ihren Stundensoll erfüllt, schlägt der Dauereinsatz zwischen Arbeit und Eltern-Arbeit auf ihre Gesundheit. „Es ist besser, am Stück zu arbeiten und sich auf eine Sache konzentrieren zu können“, weiß die 35-Jährige. „Es würde so viel erleichtern, wenn man auch mal zwei Stunden später in die Kita kommen darf und nicht mit dem Schlüssel geklappert wird.“

Flexiblere Betreuungszeiten seien existenzsichernd, betont sie. „Wenn man auf der Arbeit nicht mehr leistungsfähig ist, verliert man seinen Job“, deutet die Mutter auch darauf hin, dass beim ständigen Springen zwischen Arbeit und Care-Arbeit das Durchatmen auf der Strecke bleibt.

Flexible Kinderbetreuung als Lösung für berufstätige Eltern

Spandau hat mit über 33 Prozent eine der höchsten Alleinerziehenden-Quoten berlinweit, sagt Len Saenger von der Anlauf- und Koordinierungsstelle für Alleinerziehende bei der Fachberatungsstelle Eulalia Eigensinn.

Alleinerziehende seien eine heterogene Gruppe – mit Ärztinnen und Ärzten ebenso wie mit Reinigungsfachkräften. „Migrantisierte Menschen bekommen oft nicht die gut bezahlten Bürojobs, sondern welche mit schwierigeren Arbeitszeiten – Nachtschichten, Wochenendarbeit, Putzschichten nach den gängigen Arbeitsstunden.“

Durch starre Betreuungszeiten arbeiten viele Elternteile oft nur in Teilzeit. „Das birgt finanzielle Nachteile, neben der fehlenden Rentenvorsorge.“ Bei steigenden Lebenshaltungskosten wäre eine 24/7-Kita sinnvoll, damit Eltern ihre Stunden erhöhen könnten, erklärt die Koordinatorin.

Dabei würde solch eine Kita die qualitative Zeit zwischen Elternteil und Kind nicht schmälern, sagt Saenger. Es bedeute nicht, dass die vollen 24 Stunden in Anspruch genommen werden. „Oftmals kann der Vormittag so gemeinsam verbracht werden.“

Neben der Idee der 24-Stunden-Kita, gibt es auch andere Modelle, die vielversprechend scheinen, sagt Saenger. In Lichtenberg gebe es ein Projekt mit zusätzlichen Betreuungszeiten in einem Familienzentrum. Auch sogenannte Familienpaten oder Großelterndienste seien Möglichkeiten.

Die größte Hürde sei die Bezirkspolitik.„Man müsste Geld in die Hand nehmen“, sagt Saenger. Seit gut drei Jahren sei sie in Gesprächen mit dem Jugendhilfeausschuss, dem Frauenbeirat, dem Jugendamt. „Wenn es zur Entscheidung über den Haushalt kommt, heißt es immer, dass es dafür kein Geld gibt.“

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