Leben in Berlin: Warum eine dreifache Mutter fast 2000 Kilometer wandert

Sophie Lüttich aus Berlin wandert bei jedem Wetter, denn sie hat ein großes Ziel.
Sophie Lüttich- Sophie Lüttich wandert jedes Wochenende 1834 km durch Berlin und Brandenburg.
- Nach einem Unfall begann sie 2020 mit dem Wandern für Kinderhilfsprojekte.
- Ziel: 10 Euro pro Kilometer sammeln, insgesamt 16.000 Euro.
- Sie kombiniert Tagesetappen mit Beruf und Familie.
- Spenden über betterplace.org, Haarspende an Verein Haarfee.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ihre Kinder und ihr Ehemann schlafen meistens noch tief und fest, wenn Sophie Lüttich in der Früh ihren Wanderrucksack packt. Die dreifache Mutter aus Berlin hat keine Zeit zu verlieren. Fast jedes Wochenende macht sie sich morgens auf den Weg, um in Etappen einmal Berlin (234 Kilometer) und einmal Brandenburg (1600 Kilometer) zu umrunden.
Dabei ist die 47-Jährige weder Extremsportlerin noch eine Wanderratte. „Eigentlich spaziere ich lieber“, gesteht sie. Sie will zeigen, dass auch kleine Schritte im Alltag eine große Wirkung entfalten können. Ihr Ziel: für jeden Kilometer will sie zehn Euro für Kinderhilfsprojekte sammeln.
Frau wandert durch Berlin und Brandenburg – Idee kam durch Unfall
Auf die Idee kam sie, als sie selbst gar keine Schritte mehr machen konnte. Nach einem unglücklichen Sturz auf eine Berliner Bordsteinplatte waren ihre Kniescheibe gebrochen und dazu Bänder angerissen. „Ich musste wochenlang mit Orthese im Bett liegen, bekam strenge Ruhe verschrieben und habe mich höchstens mal mithilfe von Unterarmstützen zum Klo bewegt“, erinnert sich die Berlinerin. „Da ist mir klargeworden, was es eigentlich für ein Privileg ist, laufen zu können.“
Ihre erste Tour für den guten Zweck startete Sophie Lüttich 2020 nach Wien: 750 Kilometer. In den 30 Tagen, die sie am Stück wanderte, nahm sie 16.000 Euro für Kinderhilfsprojekte ein. In der österreichischen Hauptstadt angekommen, ließ sie sich die langen Haare für den Verein „Haarfee“ abschneiden. „Das war meine erste Grenzerfahrung“, sagt sie heute.
Für die damalige Aktion nahm sich Sophie Lüttich eine achtwöchige Auszeit. Doch was ist mit den vielen Menschen, die vielleicht nicht so einfach ein Sabbatical nehmen können, fragt sie sich inzwischen. „Ich will beweisen, dass man nicht alles stehen und liegen lassen muss, um Großes zu bewirken“, betont die Wander-Mutter. So plant sie nur einzelne Tages-Etappen und steckt sie wie ein Puzzle zu der großen Wanderroute zusammen, die sie 2025 bewältigen will.
Unter der Woche hat sie einen 35-Stunden-Job in der Unternehmenskommunikation. Um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen, arbeitet Lüttich zum Teil im Homeoffice. Für das Gespräch über ihre private Wandertour schaltet die dunkelhaarige Frau ihre Stempeluhr-App auf dem Handy ein. „Das tue ich auch, wenn ich zwischendurch die Waschmaschine belade“. Die dreifache Mutter ist froh, dass ihr Arbeitgeber ihr die Möglichkeit gibt, sich die Zeit selbstverantwortlich einzuteilen.
Vom einsamen Wandern zum Familien-Ausflug
Doch damit sie als berufstätige Mutter dreier Kinder (11, 14, 17) auch ihren Wandertraum leben kann, hat sie sich als Ziel Brandenburg auserkoren. „Ich lebe ja in Berlin - und egal in welche Himmelsrichtung ich gehe, erreiche ich immer Brandenburg“, sagt sie lachend. Manchmal verbindet sie den Spenden-Marathon auch mit einem anschließenden Familien-Ausflug.
So hat sie sich schon einmal am Ende einer Etappe auf einem Parkplatz an der Grenze zu Polen einsammeln lassen und ist dann weiter mit Mann und Kids im Auto nach Stettin gefahren, wo ein schönes Hotel mit Pool lockte und am nächsten Tag noch eine Stadtbesichtigung anstand.

Auf ihrer Brandenburg-Umrundung wandert Sophie Lüttich auch am Grenzstreifen zu Polen entlang.
Spohie LüttichAber meisten ist sie alleine unterwegs und bewundert dann die unterschiedlichen Vorgärten. „Besonders faszinieren mich Zaunkunstwerke. Das gibt schöne Einblicke in die menschliche Kulturlandschaft.“ Wenn die Siedlungen aufhören und sich die Aussicht kilometerweit nicht ändert, hört sie auch mal Podcasts, zum Beispiel von Wigald Boning „Der Fußgänger“ über die Philosophie des Wanderns.
Doch gerade auf dem Mauerradweg rund um das ehemalige West-Berlin ist es sicherer, lieber die Ohren aufzuhalten. „Der E-Bike-Anteil hat sehr zugenommen und die Leute haben manchmal einen unglaublichen Speed drauf. Ich glaube, Oma und Opa waren noch nie so schnell wie jetzt“, erzählt die gebürtige Hallenserin, die in Berlin-Hellersdorf aufwuchs. Besonders freut sie sich, wenn sie in einem Hofcafé rasten kann oder einen Softeis-Stand entdeckt.
16.000 Euro für Kinderhilfsprojekte
Von Besonderheiten auf dem Weg macht sie Fotos. Auf Instagram hat sie inzwischen rund 4500 Follower. Das hilft beim Geld einsammeln. „Vielleicht kann ich ja auch Menschen anregen, statt in die Alpen zu fahren und sich eine teure Wander-Ausrüstung zu kaufen, lieber das schöne Umland zu erkunden und das eingesparte Geld zu spenden“, hofft die Berlinerin.
Als Zielsumme hat sie sich erneut 16.000 Euro gesetzt. Die Spenden sammelt sie über die Plattform betterplace.org und leitet sie an die Kinderhilfsprojekte (siehe Kasten unten) weiter.
Die Auswahl der Projekte ist dabei auch von einem kleinen Kämpfer aus ihrem eigenen Leben inspiriert. So geht der erste Teil des Geldes an die „Minilöwen“, einem Förderverein für Frühgeborene und kranke Neugeborene in Leipzig.
„Mein Neffe hat einen schweren Herzfehler und konnte nur durch einen Notkaiserschnitt gerettet werden“, berichtet die Wander-Mutter. Durch die Notsituation in ihrer Familie habe sie hautnah erfahren, wie wertvoll die Hilfe des Vereins für die betroffenen Eltern in den schweren Wochen nach der Geburt im Krankenhaus sei.

Nach ihrer ersten Wanderung spendete Sophie Lüttich auch ihre langen Haare an den Verein Haarfee, der Kindern, die ihr eigenes Haar verloren haben, Echthaarperücken schenkt.
Sophie LüttichDen Spendern, die ihre E-Mail hinterlassen, dankt sie gerne persönlich. Manche haben schon angeboten, mitzuwandern oder eigene Touren zu starten und dabei Kilometer in Geld umzuwandeln.
Inzwischen haben auch Freunde und Kollegen angekündigt, sie auf einer einzelnen Etappe zu begleiten. „Die meisten warten aber auf wärmere Tage.“ Als Sophie Lüttich das erste Mal aufbrach, lag teilweise Schnee. „Ich bin am 1. Januar in der Früh los, ohne das groß als Neujahrsvorsatz anzukündigen.“ Sie setzte sich in die U5, stieg an der Stadtgrenze aus und stapfte los. Ihre erste Etappe ging vom U-Bahnhof Hönow zum S-Bahnhof Ahrensfelde und betrug 9,2 Kilometer.
Autobahnen und Bahnschienen als Hindernisse
Was ihr anfangs nicht klar war: Es ist gar nicht so einfach, immer an den Landesgrenzen entlangzulaufen. Häufig muss sie Umwege in Kauf nehmen. Das gilt vor allem für die große 1600-Kilometer-Tour rund um Brandenburg.
Da versperren schon mal militärische Übungsareale, Vogelschutzgebiete oder Maul- und Klauenseuche-Sperrzäune den Weg. „Manchmal geht es quer über den Acker, aber ich habe auch immer wieder mit Autobahnen und Bahnschienen zu kämpfen.“
Um einen kilometerweiten Umweg abzuwenden, ist die 1,60 Meter große Frau auch einmal in gebückter Haltung und mit dem Rucksack vor der Brust durch einen schmalen Tunnel unter einer Bahnstrecke hindurchgekrochen.
Zwischen Eisenhüttenstadt und Frankfurt hat sie aber freiwillig einen größeren Umweg in Kauf genommen und dabei eine Art Steilküste und einen kleinen Sandstrand an der Oder genossen.
Ihre Erfahrungen als Mutter, glaubt sie, helfen dabei, kreativ mit den Stolpersteinen des Lebens umzugehen. „Wer mit Kindern Ausflüge plant, der weiß: Oft kommt das echte Leben dazwischen. Da muss man dann einen Plan B in der Tasche haben.“
Wandern in Brandenburg - wenn der Wasservorrat ausgeht
Was sie immer in der Tasche hat, ist ein Tütchen mit Naschzeug. „Irgendwann kommt der Moment, wo alles doof ist, da braucht man Seelenfutter.“
Dafür ist es schon mal vorkommen, dass die Etappen-Wanderin den Wasservorrat falsch kalkuliert hat. „In Brandenburg gibt es ja nicht an jeder Ecke eine Späti. Da habe ich dann eine Frau, die gerade im Garten Wäsche aufgehängt hat, um Wasser gebeten.“

Um auf dem Grenzstreifen zwischen Berlin und Brandenburg zu bleiben, musste die Wander-Mama unter anderem diesen Tunnel durchqueren.
Sophie LüttichManchmal ist sie froh, wenn sie am Etappen-Ende geradeso den Zug nach Hause bekommt, um rechtzeitig am Abendbrottisch zu sitzen. „Dann macht es mir hinterher auch wieder Spaß, zum X-ten Mal das gleiche Familien-Spiel aus dem Schrank zu holen.“ Zum Glück habe sie einen Mann, der sie bei allem unterstützt. Und auch die Kinder hätten schnell gemerkt, wie gut ihr die Wander-Touren tun.
„Viele Mütter haben Angst, dass die Familie vor dem Kühlschrank verhungert, wenn sie sagen: ,Ich bin dann mal für acht Stunden weg“‘, sagt Sophie Lüttich. „Sie kümmern sich zu wenig um sich selbst, weil sie ständig damit beschäftigt sind, etwas für andere zu tun. Dabei sind gerade die Kinder viel verständnisvoller, als wir denken.“
Sophie Lüttich will zeigen, dass schon kleine Auszeiten ausreichen können, um wieder Kraft zu tanken und sich eigene Träume zu erfüllen. „Man muss nicht gleich aussteigen, um aufzubrechen.“
Die Kinderhilfsprojekte
Der Minilöwen Förderverein für Frühgeborene und kranke Neugeborene e. V. ist aus sehr persönlichen Gründen hier das erste Projekt. Die Minilöwen unterstützen alle Frühgeborenen und kranken Neugeborenen sowie deren Eltern in ihrer schweren Situation und beschaffen Dinge, die die Eltern in dieser Zeit brauchen.
Das Projekt AckerRacker von Acker e.V. begleitet Kindergartenkinder dabei, eigenes Gemüse anzubauen und erreicht damit auch die Kinder, deren Familien keinen Garten haben.
Die Klinikclowns von ROTE NASEN schenken kranken Kindern ein Lachen und Hoffnung. Auch für unheilbar erkrankte Kinder und ihre Familien schaffen die Clowns fröhliche und erleichternde Momente. So sind Clownvisiten im Kinderhospiz ganz besonders wichtig.


