Lehren aus Stromausfall
: Wie gut ist Berlin für einen wirklichen Blackout gerüstet?

Der Stromausfall in Berlin legt auch Schwachstellen im Katastrophenschutz offen. Welche Lehren Politik und Behörden daraus ziehen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Stromausfall in Berlin: 05.01.2026, Berlin: Vor einer Turnhalle vom Dreilinden-Gymnasium stehen Fahrzeuge von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschat DLRG und vom Technischen Hilfswerk THW. Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben keinen Strom. Foto: Christophe Gateau/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Vor einer Turnhalle eines Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf stehen Fahrzeuge von der Deutschen Lebens-Rettung-Gesellschaft und vom Technischen Hilfswerk, Zehntausende Menschen hatten Anfang des Jahres keinen Strom und brauchten Hilfe.

Christophe Gateau/dpa
  • Berlins fünftägiger Stromausfall zeigt Schwächen im Katastrophenschutz und Krisenmanagement auf.
  • Nur 14 der geplanten 45 Notfall-Informationspunkte sind derzeit einsatzbereit.
  • Bezirke tragen Verantwortung für Katastrophenschutz-Leuchttürme, Fortschritte sind begrenzt.
  • Kritik an mangelnder Steuerung und Kontrolle, Senatsinnenverwaltung sichert Verbesserungen zu.
  • Experten warnen vor steigender Blackout-Gefahr durch Herausforderungen der Energiewende.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der fünftägige Stromausfall in Berlin hat die Verwundbarkeit der Stadt sichtbar gemacht. Nachdem sich die Lage beruhigt hat, ist man nun dabei, zu analysieren, was im Katastrophenschutz bisher versäumt wurde und was man in Zukunft besser machen kann.

Wie lässt sich auf Krisen schneller reagieren, wie lassen sich die zuständigen Kräfte besser vernetzen? Dass gerade die deutsche Hauptstadt nicht sonderlich gut aufgestellt ist, monierte der Landesrechnungshof schon einen Monat vor dem Stromausfall.

In Berlin liegt das Krisenmanagement bei den Bezirken. Nicht einmal ein Drittel der 37 zuständigen Behörden verfüge über einen vorgeschriebenen Katastrophenschutzplan, heißt es in dem Landesrechnungshof-Bericht. Knapp die Hälfte stelle über Jahre hinweg keine Haushaltsmittel für den Katastrophenschutz zur Verfügung.

Berlin: 30 Jahre Versäumnisse im Katastrophenschutz

Die Kritik betraf vor allem die Senatsinnenverwaltung, die in Großschadenslagen für die übergeordnete Koordination zuständig ist. Dort fehle es an Steuerung und Kontrolle, Mindeststandards würden nicht durchgesetzt, die Bedeutung und Dringlichkeit des Themas würde nicht erkannt, schrieben die Haushaltsprüfer.

Die Innenverwaltung kontert, dass sich der Jahresbericht auf den Zeitraum 2023 bis 2024 beziehe. „Damit legt er eine überholte Ausgangslage zugrunde.“ Seitdem hätte sich viel getan. „Die Behörden im Land Berlin holen jetzt in kürzester Zeit das nach, was in den letzten 30 Jahren vernachlässigt wurde“, heißt es auf Anfrage.

Man gestehe allerdings ein, dass einige Punkte aufgrund der Bezirksautonomie und des fehlenden Weisungsrechts der Senatsverwaltung für Inneres und Sport gegenüber den Bezirken nur teilweise erreicht wurden. So liegt die Verantwortung zur Errichtung von sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürmen in Berlin bei den Bezirken. Gemeint sind spezielle dezentrale Anlaufstellen für die Bevölkerung in extremen Krisensituationen wie einem lang anhaltenden Blackout.

Die Betroffenen sollen dort Informationen und Mobilfunknetz bekommen, sich aufwärmen, Geräte aufladen und sich mit warmem Wasser versorgen, wenn reguläre Systeme ausfallen.

Nur 14 von 45 Notfall-Punkten einsatzbereit

Im Land Berlin sind 45 Notfall-Informationspunkte, die mit Notstrom versorgt werden können, geplant. Allerdings wurden laut Innenverwaltung erst 14 von den Bezirken einsatzbereit gemeldet. In Steglitz-Zehlendorf gehört das Rathaus Zehlendorf dazu, das tatsächlich nach dem Anschlag von mutmaßlichen Linksextremisten auf das Berliner Stromnetz am 3. Januar in eine Wärme-Halle und Notunterkunft umfunktioniert wurde.

Allerdings lag das Rathaus während des Stromausfalls außerhalb des betroffenen Gebiets. Ein zweiter Katastrophenschutz-Leuchtturm - die Leistikow-Schule in der Nähe des U-Bahnhofs Krumme Lanke– befand sich noch in der Planungsphase, konnte nicht genutzt werden.

Dafür war in der Innenverwaltung schon Anfang 2025 ein „Kompetenzzentrum für Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement“ eingerichtet worden, das als zentrale Koordinierungsstelle fungiert.

Mehr Personal für Katastrophenschutz in Berlin

Dort wurde im Zuge des Stromausfalls in Steglitz-Zehlendorf auch ein ressortübergreifender Krisenstab einberufen. Das aktuelle Beispiel hätte gezeigt, dass die Zusammenarbeit mit den Katastrophenschutzbeauftragten der Behörden in den Bezirken schon „vertrauensvoll und kollegial“ laufe, so das Fazit der Innenverwaltung.

An den weiterhin komplizierten, weil dezentralen Bezirksstrukturen in Berlin ändert das jedoch nichts. Bisher ist in den 37 Katastrophenschutzbehörden die Personalausstattung unterschiedlich. Teilweise hätten die Katastrophenschutzbeauftragten noch zu viele andere Aufgaben. „Das wird der Bedeutung des Themas nicht mehr gerecht“, gesteht die Innenverwaltung selbst ein.

Das Rathaus in Berlin-Zehlendorf wurde kurzzeitig am Wochenende nach dem Stromausfall zum Notquartier umfunktioniert.

Das Rathaus in Berlin-Zehlendorf wurde während des großen Stromausfalls zum Notquartier umfunktioniert.

Maria Neuendorff

Im Rahmen der Haushaltsverhandlungen wurden zusätzliche Stellen für die Bezirke festgezurrt, die ausschließlich für Katastrophenschutz und Bevölkerungsschutz zuständig sind. Laut Innenverwaltung wurden dafür zwei Stellen pro Bezirk im Haushalt verankert, je eine im Katastrophenschutz und eine in der Zivilen Verteidigung.

Zudem solle das Ehrenamt gestärkt werden. Bei dem 100-stündigen Stromausfall, der Zehntausende Menschen betraf, hatten viele freiwillige Helfer aus anderen Stadtteilen die Not abgemildert, indem sie Tee und Essen ausschenkten, Ladestationen zur Verfügung stellten, Fahrdienste übernahmen und Wärmestuben betreuten.

Bevölkerungsschutz wird ausgeschrieben

„Stellen Sie sich mal vor, ganz Berlin wäre betroffen, dann wären viele der Helfer erst einmal damit beschäftigt, sich um ihre eigenen Familien und Häuser zu kümmern“, sagt René Kieselmann.

Der Fachanwalt für EU-Vergaberecht ist ehrenamtlicher Rettungssanitäter und berät Rettungsdienste zum Thema Bevölkerungsschutz. Durch seine jahrelange Arbeit unter anderem als Berater des Roten Kreuzes kennt der Berliner die Strukturen bei Bevölkerungsschutz, Katastrophenschutz und  Gefahrenabwehr gut.

Kieselmann moniert, dass bei der Vergabe der Aufträge für Rettungsdienste und Krankentransport immer noch zu sehr auf den niedrigsten Preis geschaut werde. Er und seine Kollegen aus der Berliner Anwaltskanzlei am Kurfürstendamm appellieren seit Jahren an die einzelnen Träger, lieber mehr auf die Erfahrung und Qualität anstatt auf das günstigste Angebot zu setzen.

Wenn es nach Kieselmann geht, sollten nur gemeinnützige Organisationen zum Zuge kommen, die auch selbst Ehrenamt und Ausbildung fördern und damit eine gewisse eigene Resilienz mitbrächten.

Größerer Blackout befürchtet

Wie viele Experten glaubt Kieselmann, dass die Gefahr von Blackouts künftig steigen wird. Das läge unter anderem daran, dass die Zunahme der erneuerbaren Energien, gepaart mit dem Abschalten konventioneller Kraftwerke, die Stromnetze in ganz Deutschland vor neue Herausforderungen stelle, vor allem durch die schwankende Einspeisung von Wind- und Solarenergie.

Doch diese Negativ-Effekte der Energiewende genauer unter die Lupe zu nehmen und nach Lösungen zu suchen, sei politisch wenig gewollt, glaubt Kieselmann. „So nimmt die Gefahr eines wirklichen Blackouts von Monat zu Monat zu.“