Sein Vater hatte ihn extra von der Schule genommen und eine Bahnlehre machen lassen, damit er als unabkömmlich gilt und nicht eingezogen wird. Es nutzte nichts. Helmut Möller, einziges Kind einer Familie aus dem Städtchen Bebra in Hessen, musste an die Front. Am 17. März 1945 schrieb er aus Frankfurt (Oder) einen Brief an seine Eltern. Es war das letzte Lebenszeichen des 20-Jährigen.

Die Eltern suchten ihr Leben lang nach ihm

Helmut Möller galt als verschollen. „Für die Eltern war das schrecklich. Sie suchten bis zu ihrem Lebensende nach ihm“, sagt Bernd Holzhauer. Der 64-Jährige ist mit weiteren Verwandten aus jenem Bebra ins brandenburgische Halbe gereist. Und nun steht er vor den sterblichen Überresten seines Großonkels. „Möller“ ist mit Kreide auf den mit Blumen bedeckten 80 Zentimeter langen Sarg aus Hartpappe geschrieben.

Über seine Marke identifiziert

Bernd Holzhauer erzählt, dass das ungeklärte Schicksal des jungen Mannes für die Familie immer präsent war. Er ist froh, dass sein Großonkel nun über seine Erkennungsmarke identifiziert werden konnte und im Rahmen einer würdevollen Zeremonie seine letzte Ruhe findet. Gleich im Anschluss fährt die Familie noch zum wenige Kilometer entfernten Forsthaus Hammer. Dort in der Nähe wurden die Überreste des Jungen aus Bebra an der Fulda, eines von mehr als 50.000 Opfern der Kesselschlacht von Halbe, im Herbst 2018 gefunden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat der Familie die Geodaten des Fundorts im Wald gegeben.

Eine Zivilistin namens Pauline von Bismarck

Insgesamt 170 Weltkriegstote haben am Donnerstag auf dem Waldfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden. Das jüngste Opfer war ein 17 Jahre alter Soldat, das älteste eine 87-jährige Zivilistin, über den Ehering als Pauline von Bismarck identifiziert. Welche Stellung sie in der Familie mit dem berühmten Namen hatte, sei aber noch offen, sagt Oliver Breithaupt, der Landeschef des Volksbunds.
Er betont, dass die diesjährige Einbettung in Halbe die größte seit den 1960er-Jahren sei, als Pfarrer Ernst Teichmann (1906–1983) die Kriegsgräberstätte aufgebaut hatte. Eigentlich sollte die jährliche Einbettungs-Zeremonie in diesem Jahr am 30. April, dem 75. Jahrestag der Schlacht, in großem Rahmen stattfinden. Doch die Corona-Pandemie durchkreuzte diese Pläne. Auch durch diese Verschiebung seien es jetzt mehr Tote als in früheren Jahren.

Noch tausende Tote im märkischen Boden

Die Überreste jener 170 Menschen wurden allesamt rund um Halbe gefunden. Man suche nicht aktiv nach den Toten, erklärte der Landeschef des Volksbunds. Zumeist stoße man bei der Kampfmittelräumung auf sie. „Nächstes Jahr sehen wir uns leider schon wieder. In Brandenburgs Erde liegen noch tausende von Weltkriegstoten“, sagte Breithaupt zum Abschluss der fast zweistündigen Zeremonie auf dem Waldfriedhof.
Gekommen waren mehrere hundert Menschen. Das coronabedingte Abstandhalten stellte auf dem weitläufigen Areal keine große Herausforderung dar und wurde zudem vom örtlichen Ordnungsamt überwacht. Neben den Angehörigen der Toten waren zahlreiche Landtagsabgeordnete, Bundespolitiker, Vertreter von Kommunen sowie eine Schulklasse des Schiller-Gymnasiums Königs Wusterhausen vor Ort.

Russlands Botschaft erstmals seit fünf Jahren nicht dabei

Hinzu gesellten sich Vertreter der alliierten Botschafter. Russland war jedoch zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht dabei, bedauerte Oliver Breithaupt. Die derzeitigen Spannungen wegen des Mordversuchs an Alexej Nawalny hinterlassen offenbar ihre Spuren.
Auch in den Reden während der Zeremonie spielte aktuelles Tagesgeschehen eine Rolle. „Wir dürfen nicht auf den Toten herumtrampeln, indem die alten Fahnen wieder geschwenkt werden, wie es letzte Woche vor dem Reichstagsgebäude geschehen ist“, mahnte Landesbischof Christian Stäblein. „Das ist schrecklich und beschämend, die Fratze der Gestrigen, die nichts gelernt haben.“

Kesselschlacht von Halbe


Die Kesselschlacht von Halbe fand Ende April 1945 in einem Waldgebiet etwa 60 Kilometer südlich von Berlin statt. Die Armeen des linken Flügels der 1. Weißrussischen Front und des rechten Flügels der 1. Ukrainischen Front schlossen am 24. April den Ring um die deutsche 9. Armee. In der Folge starben 30.000 deutsche Soldaten, rund 10.000 deutsche Zivilisten sowie 20.000 Rotarmisten. 120.000 deutsche Soldaten wurden gefangen genommen. Die sowjetischen Toten sind überwiegend auf dem Ehrenfriedhof in Baruth/Mark bestattet, die deutschen Toten auf dem Waldfriedhof Halbe.