Museum in Berlin
: Technikmuseum lädt Familien zur Forschungsreise zum Nordpol

Zwischen Eisbären und Eisschollen: Das Technikmuseum Berlin präsentiert in der neuen Ausstellung „Dünnes Eis“ Einblicke in die größte Arktis-Expedition und den Kampf gegen die Klimakrise.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Blick in die neue Sonderaustellung „Dünnes Eis. Komm mit auf Klima-Expedition" im Technikmuseum Berlin-Kreuzberg. Sie beleuchtet den Klimawandel anhand einer reale Forschungsreise zum Nordpol, bei der Daten zur Erderwärmung erhoben wurden.

    Blick in die neue Sonderaustellung „Dünnes Eis. Komm mit auf Klima-Expedition" im Technikmuseum Berlin-Kreuzberg. Sie beleuchtet den Klimawandel anhand einer reale Forschungsreise zum Nordpol, bei der Daten zur Erderwärmung erhoben wurden.

    Maria Neuendorff
  • Bei kostenlosen Workshops forschen Schulklassen oder Familien im Technikmuseum in Berlin zu den Themen Eis und Wasser. Eine Frage lautet: Warum schmilzt das Eis in der Arktis? Und was bedeutet das für das Klima auf der ganzen Welt?

    Bei kostenlosen Workshops forschen Schulklassen oder Familien im Technikmuseum in Berlin zu den Themen Eis und Wasser. Eine Frage lautet: Warum schmilzt das Eis in der Arktis? Und was bedeutet das für das Klima auf der ganzen Welt?

    SDTB/É. Hijano
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Wie verhält man sich, wenn man auf einen Eisbären trifft, lautet eine der Fragen in der neuen Sonderausstellung „Dünnes Eis“ im Berliner Technikmuseum. Weglaufen. Totstellen. Lärm machen. Das sind die drei mögliche Antworten. Was hierzulande im ersten Moment unwahrscheinlich erscheint, einem Eisbären in freier Wildbahn zu begegnen, gehört zum Berufsrisiko für Arktis-Forscher.

Und um die geht es im langgezogenen Museumstrakt an der Kreuzberger Ladestraße. Die neue Ausstellung zum Klimawandel, die in Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut und dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung entwickelt wurde, soll die Besucher quasi mitnehmen auf die MOSAiC-Expedition.

Ein Jahr in der Arktis gefangen

Im Herbst 2019 brach das Forschungsschiff „Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts zur über einjährigen Forschungsreise in die Arktis auf. Das Ziel war die Erforschung des Klimas in der Erdregion um den Nordpol. Bis Oktober 2020 sammelten mehrere sich abwechselnde Forschungsteams Klimadaten. Dazu dockte die Polarstern an einer Eisscholle an und ließ sich dort einfrieren. Gemeinsam mit der Scholle trieb das Schiff einmal durch das Nordpolarmeer.

Ein bisschen soll der Ausstellungs-Besucher nun in das Gefühl versetzt werden, als wäre er selbst auf dem Forschungsschiff. Aus einem Lautsprecher dringt das Brummen der Generatoren, die im Gegensatz zu den Schiffsmotoren nie abgestellt werden konnten, weil sie die „Polarstern“ zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Strom, Wasser und Wärme versorgen mussten.

An einer Wand mit wasserfesten Softshell-Jacken und Schneeanzügen hängen dicke Fäustlinge, die auch Temperaturen von Minus 30 Grad trotzen. Die Besucher sollen selbst ausprobieren, wie schwierig es ist, mit den Handschuhen Messgeräte zusammenzuschrauben, und können zum Test versuchen, ein paar Muttern festzudrehen .

Nur die Kälte von bis zu 45 Grad Minus und die stetige Dunkelheit kann man sich in den hellen, leicht beheizten Ausstellungsräumen kaum vorstellen. „Ich habe nicht gedacht, wie müde die Dunkelheit macht“, wird eine Expeditions-Teilnehmerin zitiert. „Den ganzen Tag bin ich draußen, und alles, was ich sehe, ist der Lichtkegel der Stirnlampe. Es ist immer Nacht.“

Neue Daten zum Klimawandel

Damit da nicht der Lagerkoller einsetzt, hatte die Crew an Bord auch einen Indoor-Pool, in dem die Wissenschaftler aus aller Welt unter anderem Wasserbasketball spielten, sowie eine Sauna. Zur Unterhaltung gab es auch Fußball, Tischtennis und Vorträge.

Auf der Eisscholle, die das Schiff umgab, wurde ein interdisziplinäres Forschungscamp errichtet. Dort konnte das internationale Expertenteam Phänomene beobachten und ergründen, die bislang verborgen geblieben waren, aber für das Verständnis des arktischen Klimas unabdingbar sind.

Kinder sitzen auf einem motorisierten Schneemobil in der Ausstellung „Dünnes Eis“ im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Mitten in Berlin können Museumsbesucher bis September 2024 auf Forschungsreise in die Arktis begeben.

SDTB/É. Hijano

Die Schnee-Fahrzeuge, die die Forscher von A nach B brachten, können in der Ausstellung nun Probe gesessen werden. Dazu gibt es auch Phänomene zu erlernen, die für den Physik-Unterricht taugen: Zum Beispiel, dass, wenn das Meereis schmilzt, sich das Wasser nur noch schneller erwärmt, weil hellere Schneeflächen, die sonst die Sonnenstrahlen reflektieren und wieder von der Wasseroberfläche wegleiten, fehlen.

Museums-Besucher erfahren, wie die Forscher Löcher ins Eis bohren, um dessen Dicke zu messen, und wie sie mit Hilfe von Drohnen nach Schmelztümpeln suchen und von diesen Funden Fotos schießen. Anhand von fünf Forschungsbereichen wird in der Ausstellung gezeigt, mit welchem technischen Aufwand und personellen Einsatz Daten gesammelt werden. Es wird dargestellt, welche alarmierenden Thesen sich im Hinblick auf das Klima und die drohende Klimakatastrophe durch die Daten belegen lassen.

Kostenlose Workshops für Familien

Während ein Heliumballon mit dem Spitznamen „Miss Piggy“ die Temperatur über der Arktis misst, sammeln die Tauchroboter „Beast“ und „Beauty“ Proben von Mikroorganismen wie zum Beispiel speziellen Algen, die an der Unterseite des Meereises leben.

Wer noch tiefer in die Ausstellung selbst eintauchen will, kann mit Hilfe einer Art „Forschungstagebuch“ verschiedene Fragen beantworten. Dazu gibt es zu bestimmten Zeiten ein kostenfreies Begleitprogramm für Schulklassen und Familien. Die Teilnehmenden schlüpfen dabei in einem separaten und von Mitarbeitern des Technikmuseums betreuten Labor in die Rollen der Arktisforschenden und untersuchen unter anderem Eisbohrkerne, messen die Eisdicke, erforschen Strömungen und Mikroorganismen.

„Gerade auf die jungen Menschen und die Familien kommt es beim Klimaschutz an. Wir nehmen sie gerne mit auf unsere Reise in die schwindende Welt des Arktischen Eises“, sagte Expeditionsleiter Markus Rex bei der Ausstellungseröffnung Ende November. „Im Epizentrum des Klimawandels zu forschen, ist wahnsinnig spannend, und dies kann in der Ausstellung nun jede und jeder selber erleben“, so der Klimaforscher vom Alfred-Wegener-Institut.

Vom Klimawandel ist die Arktis bereits jetzt besonders stark betroffen. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nahm dort die Eisbedeckung dramatisch ab. Waren in den 1980er-Jahren im Sommer noch rund sieben Millionen Quadratkilometer Ozean mit Eis bedeckt, sind es 2023 nur noch rund 4,5 Millionen Quadratkilometer.

Ist die Arktis bald eisfrei?

„Hält dieser Trend an, wird die Arktis in manchen Sommern nahezu vollständig eisfrei sein“, heißt es in der Schau. Eine solche Entwicklung würde sich auf das weltweite Klima auswirken und auch für Menschen in ganz anderen Regionen deutlich zu spüren sein.

Doch wann das der Fall sein wird, kann derzeit niemand genau sagen. Weil es noch zu wenige Beobachtungsdaten in der zentralen Arktis gibt, prognostizieren verschiedene Klimamodelle unterschiedliche Auswirkungen.

Ein Modell des Forschungsschiffes Polarstern, das, eingeschlossen von einer Eisscholle, über ein Jahr durch das Polarmeer driftete, ist im Berliner Technikmuseum ausgestellt.

Maria Neuendorff

Um eben diese Datenlücken zu verringern, brach die Polarstern zu ihrer Ein-Jahres-Expedition auf. Weil im Winterhalbjahr das arktische Meereis zu dick ist, um von Forschungseisbrechern durchbrochen werden zu können, fehlten bisher vor allem Daten aus der Zentralarktis im Winterhalbjahr.

So wurde erstmals auch die direkte Umgebung des Nordpols im Winter und Frühjahr untersucht. Die Ergebnisse der „Polarstern-Forscher“ zeigen nun deutlich, wie stark sich das Klima der Arktis bereits verändert hat. Aber noch ist es nicht zu spät, heißt die Botschaft der Ausstellung. „Es besteht noch Hoffnung für die Arktis und unser gemäßigtes Klima, aber nur, wenn sich Gesellschaft und Politik dazu entscheiden, jetzt zu handeln“, heißt es in einem begleitenden Text des Technikmuseums.

Auch die Eisbären, die die Forscher dabei gefilmt haben, wie sie unter anderem neugierig am Kunstleder der Schneefahrzeuge nagen, müssen teilweise durch die Schmelze von Scholle zu Scholle springen.

Die Antwort bei der Begegnung mit ihnen lautet übrigens „C“ wie „Lärm machen.“ Denn weil die Raubtiere bis zu 40 Stundenkilometer schnell werden können, sei Weglaufen dagegen keine gute Option. Auch Tarnjacken helfen nicht, da Eisbären Menschen riechen können, erfahren die Kids, die sich beim Quiz versuchen. Ein lauter Schuss aus der Signal-Pistole, die wie das Sprechfunkgerät (Handys funktionieren am Nordpol nicht) sowie ein Fernglas und ein Gewehr zur Ausrüstung eines Eisbären-Wächters gehört, könne die Tiere dagegen verscheuchen.

Kostenloses Begleitprogramm

Die Ausstellung „Dünnes Eis. Komm mit auf Klima-Expedition!“ läuft bis zum 8. September 2024 im Anbau des Technikmuseum an der Ladestraße, (Zugang über Möckernstraße 26).

Der Eintritt im Deutschen Technikmuseum ist für alle unter 18 Jahren und bis zum Abschluss der regulären Schulausbildung frei. Erwachsene zahlen regulär 8 Euro.

Die kostenfreien Begleitprogramme können entweder von Schulklassen der Stufe 4 bis 10 gebucht werden oder sie finden öffentlich, zumeist an den Wochenenden und in den Ferien, für Familien statt.

Alle Informationen finden sich auf der Website des Deutschen Technikmuseums unter technikmuseum.berlin/duennes-eis.

Zudem gibt es einen Kinder-Polar-Podcast