Nach Tod in Berlin
: K.-o.-Tropfen im Getränk – das rät Ärztin Opfern und Eltern

Beim Spiking werden heimlich Substanzen in Drinks gemixt. Das sind neben K.-o.-Tropfen auch Drogen. Eine Expertin der Charité Berlin klärt auf, was in solchen Fällen zu tun ist.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Eine Barkeeperin mixt Drinks. Mehr Geld für Hartz-IV-Bezieher ist nach Überzeugung der Berliner Linke-Fraktion auch wirtschaftlich sinnvoll. (zu "Linke-Fraktion: Mehr Geld für Hartz-IV-Bezieher erhöht die Kaufkraft") +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Barkeeperin mixt Drinks in einer Bar in Berlin. Wer sich vor K.o.-Tropfen und oder anderen Substanzen in Getränken schützen will, sollte sein Glas nie unbeaufsichtigt lassen. Doch was ist zu tun, wenn es für diesen Hinweis zu spät ist?

picture alliance/Britta Pedersen
  • Berliner Jugendliche Opfer heimlicher K.-o.-Tropfen, ein Todesfall, ein Missbrauch.
  • Expertin Dr. Twyla Michnevich warnt vor Spiking-Gefahren und gibt Tipps.
  • Häufig auch Ecstasy und Benzodiazepine heimlich beigemischt.
  • Schnelle ärztliche Hilfe notwendig, Finger-in-Hals-Methode oft kontraproduktiv.
  • Gesellschaftliche Sorge über Spiking gestiegen, viele Fälle betreffen Alkohol.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Fall zweier Jugendlicher aus der Nähe von Bernau (Barnim) in Brandenburg sorgte für Entsetzen: Ein 17-Jähriger soll in Berlin an K.-o.-Tropfen gestorben sein. Seine Freundin (16), die erst nach zwölf Stunden aus der Ohnmacht erwachte, wurde höchstwahrscheinlich missbraucht.

Die Ermittlungen laufen zwar noch, aber es wird vermutet, dass die Jugendlichen von Unbekannten in die Falle gelockt wurden und den beiden ohne ihr Wissen sogenannte K.-o.-Tropfen und andere Substanzen in Getränke getan wurden.

K.-o.-Tropfen in Berlin – auch Ecstasy wird heimlich beigemischt

Ein Einzelfall? Immer wieder gibt es ähnliche Meldungen, vor allem von Raub- und Missbrauchsopfern. Wie es scheint, nehmen diese Taten gerade in der Berliner Klubszene zu. Ist das wirklich so und wie kann man sich selbst und seine jugendlichen Kinder schützen, fragen sich besorgte Eltern nach dem tragischen Fall aus Brandenburg.

Dr. Twyla Michnevich, Mitarbeiterin der AG Recreational Drugs der Berliner Charité, kann dazu Tipps geben. Sie und ihre Kollegen forschen zu dem Thema „Spiking“ - also der heimlichen Verabreichung von Rauschmitteln.

Die Motive seien weiter gefächert, als man allgemein denkt, berichtet die Expertin. Es ginge nicht immer darum, jemanden auszuknocken, um ihn zu missbrauchen oder auszurauben. Neben dämpfenden Mitteln würden auch MDMA (Ecstasy) heimlich in die Drinks getan, um beim Gegenüber zum Beispiel eine größere Offenheit oder Enthemmtheit zu erzeugen, erklärt die 32-jährige Medizinerin, die im Rahmen ihrer Forschungen auch mit der Berliner Polizei kooperiert.

Das Klischee vom fremden Mann, der einem im Klub heimlich K.-o.-Tropfen in den Drink mischt, scheint sich dabei nicht immer zu bewahrheiten. Mitunter seien es Freunde und Bekannte, die heimlich Drogen in die Getränke tun, so die Forscherin.

Zu den heutigen Substanzen, die auch beim Spiking eingesetzt werden, gehörten unter anderem Benzodiazepine – also Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von Angstzuständen und Krampfanfällen eingesetzt werden, erläutert die Charité-Ärztin.

Disko in Berlin – Atemnot durch Überdosis an Medikamenten

Ein schnelles Gegenmittel, das man ohne ärztlichen Beistand anwenden kann, gebe es nicht. Sich den Finger in den Hals zu stecken oder viel Wasser zu trinken, könnte in einigen Fällen sogar kontraproduktiv sein. „Viel trinken kann die Blutsalze im Körper sogar noch mehr durcheinander bringen“, erklärt Twyla Michnevich. „Stattdessen sollte man sich schnell in die Hände von Profis begeben.“

Generell können Überdosen immer zum Tode führen. Besonders gefährlich seien Drogen-Cocktails aus mehreren Substanzen. Gerade dämpfende Substanzen seien in Kombination mit Alkohol gefährlich, weil sie unter anderem den Atemantrieb unterdrücken können, berichtet die Berliner Ärztin.

Auffällig sei in allen bisherigen Studien zu dem Thema, dass Spiking-Taten sehr häufig im Zusammenhang mit Alkoholgenuss stünden. Dabei sei das Phänomen „Spiking“ nicht neu, sondern reiche bis ins 19. Jahrhundert zurück, wo man die Opfer mit Narkose-Mitteln betäubte. Ob es in Berlin in den vergangenen Jahren einen tatsächlichen Anstieg von Taten gibt, lasse sich anhand der bisher verfügbaren Daten nicht sicher bestimmen. „Gestiegen zu sein scheint eher die gesellschaftliche Sorge“, sagt Twyla Michnevich. „Sehr viel mehr Menschen denken, dass ihnen so etwas passiert ist, als es tatsächlich der Fall war.“

Völlig unterschätzt würde auch das Spiking mit Alkohol an sich. „Da wird auf Privatpartys in Longdrinks zum Beispiel ein zusätzlicher Shot gegeben, um die Person betrunkener zu machen.“ Auffällig sei nämlich, dass bei vielen Patienten in der Rettungsstelle, die irrtümlich dachten, sie seien Opfer von K.-o.-Tropfen geworden, der Promille-Wert viel höher lag und nicht zu dem passte, was sie angaben, getrunken zu haben.

Auch die Wirkung von Alkohol könne anders sein, wenn man gerade erst eine Erkältung auskuriert oder eine Impfung hinter sich habe, betont die Expertin, „Viel hängt von der aktuellen körperlichen Konstitution ab.“ Doch auch, wenn jemand vermeintlich nur durch Alkohol komatös aufgefunden wird, sei das ein Grund, den Rettungsdienst zu rufen.

Neben der Gefahr für Leib und Leben sei die seelische Komponente nicht zu unterschätzen. „Wenn eine Frau irgendwo ohne Strumpfhose aufwacht, eine Gedächtnislücke hat, sich das Schlimmste ausmalt und auch nur denkt, dass sie sie vergewaltigt wurde, kann das gravierende psychologische Folgen haben“, betont die Ärztin in Weiterbildung, die an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin-Mitte angestellt ist.

Drogen in Berlin: Blutuntersuchung nach Strafanzeige

Generell sei es wichtig, Menschen, die meinen, Opfer von Spiking geworden zu sein, ernst zu nehmen. Der erste Weg sollte dabei so schnell wie möglich in die Notaufnahme einer Klinik führen. Zwar sind die klassischen K.-o.-Tropfen (GBL/GHB) nur rund zwölf Stunden nachweisbar, aber andere der Substanzen, die beim Spiking zum Einsatz kommen, können noch viel länger im Blut nachgewiesen werden, erklärt die Expertin.

„In den Kliniken wird allerdings nur ein Schnelltest gemacht, in dem die häufigsten Drogen nachgewiesen werden können“, schränkt die Medizinerin ein. Dieser sei nicht gerichtsfest. „Der einzige Weg, einen sicheren Nachweis zu bekommen, ist deshalb Strafanzeige zu stellen“, betont Michnevich.

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K.-o.-Tropfen in Berlin: viele der Spiking-Substanzen sind auch länger als zwölf Stunden durch eine Blutanalyse nachweisbar.

Universitätsklinikum Freiburg/Britt Schilling

Nur dann führe die Polizei auch eine toxikologische Blutuntersuchung durch. „Die Beamten kommen in die Klinik und nehmen die Proben mit in die Analytik des Landeskriminalamtes“, erklärt die Forscherin. Die meisten Spiking-Substanzen seien mehrere Tage nachweisbar.

Zudem sollte man sich an einen Psychologen wenden. „Es macht auf jeden Fall immer Sinn, Hilfe anzunehmen“, sagt Twyla Michnevich.