Nato und Bundeswehr: Neue Großübung im Osten – Training zur Verteidigung gegen Russland

Mit Quadriga 24 und Steadfast Defender wollen Bundeswehr und Nato 2024 die Verlegung von Truppen durch Europa üben.
Hendrik Schmidt/dpaEs wird einmal mehr als „größtes Manöver seit dem Kalten Krieg“ beschrieben. Ein Begriff, der in letzter Zeit inflationär bei westlichen Militärs gebraucht wird. Gerade erst hat die Bundeswehr beispielsweise die „größte Verlege-Übung von Luftstreitkräften seit Bestehen der Nato“ hinter sich gebracht. Zuvor waren die Defender Europe-Manöver immer größer geworden. Diesmal allerdings soll es noch weiter gehen.
Rund 40.000 Soldaten sollen nach Angaben der Nato 2024 bei Steadfast Defender beteiligt sein. Die Truppen sollen durch Europa nach Osten verlegt werden und dort an weiteren Übungen die Zusammenarbeit trainieren. Hinzu kommen Übungseinsätze der Luftwaffe und Übungen der Marine auf See.
„Mit Steadfast Defender 24 stellt die Nato ihre Fähigkeit unter Beweis, zusätzliche Luft- und Landstreitkräfte in kürzester Zeit verlegen und im multinationalen Rahmen das Bündnisgebiet verteidigen zu können“, erklärt ein Sprecher des deutschen Heeres auf Nachfrage.
So übt die Nato für einen möglichen russischen Angriff
Das ist Teil der neuen Nato-Strategie zur Bündnisverteidigung in Europa. Die soll 2024 besonders trainiert werden. Wie die FAZ berichtet, soll deshalb auch das Übungsszenario diesmal sehr realistisch gehalten werden. Trainiert werden soll nicht mehr nach fiktiven Szenarien wie jüngst bei Air Defender 23 sonst ganz konkret, was passiert, wenn Russland ein Mitglied des Nato-Bündnisses angreift. In einem solchen Fall müssten die anderen Nato-Partner laut der neuen Strategie ihre bereitgestellten Truppen innerhalb weniger Tage in das attackierte Land und dort zum Einsatz bringen.
„Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen und zugleich traditionellen Aufgabenschwerpunkt unserer Streitkräfte. Die Zeitenwende betrifft nicht nur Truppenstärken und Ausrüstung. Sie muss in den Gefechtsständen gedacht werden“, hat Generalmajor Andreas Henne, der stellvertretende Befehlshaber des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr, Ende Juni in Berlin erklärt.
Quadriga: So übt die Bundeswehr die Truppenverlegung in Europa
Damit Deutschland seinen Teil zur neuen Nato-Strategie beitragen kann, wird dem Nato-Manöver eine rein deutsche Übung vorgeschaltet: Quadriga 24. „Eines der Ziele, die mit Quadriga 24 verfolgt werden, ist, die Fähigkeit zur schnellen Verlegung eigener Kräfte von Norwegen bis Rumänien zu üben und dabei Erkenntnisse für den Einsatz der Landstreitkräfte zu gewinnen“, so ein Sprecher des Heeres auf Nachfrage. Dies diene „auch als deutliches Zeichen der Bereitschaft und Befähigung zur Wahrnehmung der Bündnisverpflichtungen in der Nato“.
Vier Übungsteile soll es nach derzeitigem Planungsstand geben: Grand North 24 (Mitte Februar bis Mitte März 2024), Grand Center 24 (Mitte Februar bis Ende Februar), Grand South 24 (Ende April bis Ende Mai) sowie Grand Quadriga 24 (Mai). Insgesamt nehmen an dem Übungscluster rund 12.000 Soldaten der Bundeswehr teil. Hinzu kommen je nach Übung Streitkräfte der Nato-Partner.
Quadriga 24 und Steadfast Defender: So ist Brandenburg bei Großmanövern eingebunden
Deutschland wird bei all dem als Drehscheibe innerhalb der europäischen Nato eine besondere Rolle spielen. „Während Steadfast Defender und Quadriga 24 können gerade Übungsplätze in Süddeutschland, aber auch in Mitteldeutschland, kurzzeitige Sammelräume für Nato- und Bundeswehrverbände sein“, erläutert der Bundeswehrsprecher.
Brandenburg wird vor allem für den Transport der Bundeswehr- und Nato-Truppen gebraucht. Wichtige Bahn- und Autobahnstrecken nach Osten laufen durch die Region. „Standorte der Bundeswehr, überwiegend in Bayern und Brandenburg sowie Sachsen und Thüringen, können bei Bedarf als Rast- und Versorgungsplätze für die Bundeswehr und Marschverbände anderer Nationen hinzugezogen werden“, erläutert der Sprecher des Heeres.
Die konkreten Aufmarschpläne für die beiden Großmanöver sind allerdings noch in Arbeit. „Es ist aber davon auszugehen, dass der militärische Verkehr in Spitzenzeiten deutlich über dem dieses Jahres liegen wird, wenngleich nur ein Teil auf Deutschlands Straßen stattfinden wird“, so der Sprecher des Heeres. Überwiegend sollen Schienen, der Seeweg oder aber auch der Luftraum genutzt werden.
Brandenburger sollten sich also auf die bereits vertrauten Züge mit Panzern sowie Hubschraubertransporte über die Region einstellen. „Die mitteldeutschen Bundesländer, insbesondere Brandenburg und Sachsen, werden im Schwerpunkt im Rahmen der Unterstützung durchreisender Truppe betroffen sein“, so der Sprecher des Heeres.
Neue Strategie gegen Russland in Europa
Zur Abschreckung Russlands will Deutschland künftig 35.000 Soldaten in sehr hoher Bereitschaft halten. Es gehe darum, die neuen Verteidigungspläne der Nato mit konkreten Kräften zu hinterlegen, erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius am Rande des jüngsten Nato-Treffens in Brüssel.
Neben 35.000 Soldaten in hoher beziehungsweise höchster Bereitschaftsstufe seien der Nato auch bis zu 200 Flugzeuge, Fregatten, Korvetten und vieles andere mehr zugesagt worden. Die Truppen sollen ab 2025 vom Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa angefordert werden können.
Die Zusage erfolgt im Zuge der Planungen der Nato für ein neues Streitkräftemodell. Dieses sieht vor, 300.000 Soldaten für mögliche Nato-Einsätze in hoher Bereitschaft zu halten. In Friedenszeiten stehen die Truppen unter nationalem Kommando, können dann aber im Ernstfall vom Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa angefordert werden. Geplant ist, dass mehr als 100.000 Soldaten innerhalb von höchstens zehn Tagen verlegebereit sein müssten und weitere 200.000 in bis zu 30 Tagen. (dpa)

