ÖPNV: Verkehrsbetriebe sehen VBB in Gefahr

Michael Müller (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister
Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpaDort hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) eine Debatte vom Zaun gebrochen, dass die Preise für das Jahresticket im Nahverkehr künftig nach dem Vorbild der Stadt Wien auf 365 Euro im Jahr gesenkt werden könnten. Das wäre mehr als eine Halbierung des jetzigen Preises für ein Jahresabo.
In Brandenburg wollen die Träger des öffentlichen Nahverkehrs jedoch in die entgegengesetzte Richtung. „Wir brauchen ein verbindliches Signal aus Berlin, dass es in diesem Jahr zu einer Tariferhöhung kommt“, sagt Stephan Loge, Landrat von Dahme–Spreewald und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Verkehrsverbundes Berlin–Brandenburg (VBB).
Weshalb, das schildert Frank Wruck, Geschäftsführer der Barnimer Busgesellschaft und Vorsitzender des Beirates der brandenburgischen Verkehrsunternehmen im VBB. Während Berlin durch den Zuzug immer mehr Fahrgäste zählt, können die meisten brandenburgischen Verkehrsunternehmen gerade den Status quo halten — bei steigenden Kosten, berichtet er.
Besonders belastend wird die Personalsituation empfunden. Berlin hat für die Mitarbeiter seiner Verkehrsunternehmen die Tarife deutlich erhöht. „Wir finden keine Busfahrer mehr. Alles wird von Berlin abgesaugt“, sagt Wruck. Dazu kommt der Druck, die Busflotten zu erneuern und auf neue, umweltfreundliche Antriebssysteme umzustellen — einschließlich Ladestationen und neuen Tankstellensystemen. Außerdem fehlen die Mittel zur Digitalisierung, für Fahrzeitanzeigen in Echtzeit oder Abstimmungen zwischen Bussen und Bahn. „Wir müssen den Verkehrsraum zusammen denken, da hilft es nicht, wenn jeder für seinen Verantwortungsbereich Ideen entwickelt“, so der Vertreter der brandenburgischen Verkehrsunternehmen.
Auch der Landrat von Märkisch–Oderland, Gernot Schmidt (SPD), betont, dass die brandenburgischen Verkehrsunternehmen eine Tariferhöhung brauchen. Wenn in Berlin jetzt über Alleingänge geredet wird, macht man damit den VBB kaputt. Der habe die Tarifhoheit, der müsse die beschlossenen Anpassungen der Tickets an die allgemeinen Preissteigerungen umsetzen, fordert der Landrat.
Aber auch in Brandenburg gibt es, zumal in Wahlkampfzeiten, Forderungen, die Fahrpreise zu senken. Die SPD hat auf Initiative des Kreisverbandes Potsdam ebenfalls ein 365–Euro–Ticket für das ganze Land ins Wahlprogramm aufgenommen. Allerdings vage formuliert und eher als Fernziel. Die Linke will gar den solidarisch finanzierten, fahrscheinlosen Nahverkehr.
Angst vor Verlusten
Ab 1. August können zumindest die Azubis schon einmal mit einem Jahresticket für 365 Euro im ganzen VBB–Tarifgebiet unterwegs sein. Das Land hat sich verpflichtet, den Verkehrsunternehmen die Einnahmeverluste auszugleichen. Allerdings wird sich zwei Wochen vor dem Stichtag noch über die Landeszuschüsse gestritten.
Wruck fürchtet, dass die Unternehmen Verluste einfahren, die die Gesellschafter, also die Kreise und kreisfreien Städte, ausgleichen müssen. Und Schmidt stört sich daran, dass Anreize für den ÖPNV geschaffen werden, aber zu wenig in ein stabiles und attraktives Angebot investiert wird.
