Oper
: Parabel über das Anderssein

„Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinskys wurde zu einem Erfolg für alle Beteiligten.
Von
Jürgen Liebing
Berlin
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Wird der Prinzessin zum Geschenk gemacht: Mick Morris Mehnert (M.) als Darsteller des Zwerges

Monika Rittershaus

Sie handelt von einem Zwerg, der einer Prinzessin zum 18. Geburtstag von einem Sultan geschenkt wird. Doch der kleinwüchsige Mann weiß nichts von seiner Missgestalt, denn er hat sich noch nie im Spiegel gesehen. Er glaubt, dass er die Menschen zum Lachen bringt, weil er so liebenswürdig ist. Als er am Ende sich im Spiegel sieht, bricht er tot zusammen. Man kann die Geschichte als Biopic erzählen, denn Zemlinsky selbst war klein und nicht unbedingt eine Schönheit. Alma Schindler, die spätere Alma Mahler, schrieb über ihn, mit dem sie zeitweise liiert war: „Er ist furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn.“ Klar, da steckt viel Freud’sche Psychoanalyse drin. Aber warum sollte uns das heute noch interessieren?

Der Regisseur Tobias Kratzer, der dieses Jahr in Bayreuth Richard Wagners „Tannhäuser“ inszenieren wird, tappt nicht in diese Falle. In Zeiten von Instagram, Schönheitswahn und Schönheitschirurgie, Influencer und YouTube ist der gesellschaftliche Druck zur Anpassung immer größer geworden. Der Zwerg, auch wenn er wunderbar singen kann, ist ein Außenseiter. Die Prinzessin, glänzend gesungen und gespielt von Elena Tsallagova, ist ein Kaugummi kauendes It–Girl. Ihre Freundinnen, überdrehte Girlies, sind dauernd mit Selfies beschäftigt. Nur die Zofe Ghita, sehr menschlich gesungen von Emily Magee, erkennt in dem Zwerg einen fühlenden Menschen, dem Respekt und Anteilnahme gebührt.

Wie aber soll man einen singenden Zwerg auf die Bühne stellen? Kratzer findet eine geniale Lösung, indem er die Rolle aufspaltet – und den beiden Sängern und Schauspielern sei für ihr gemeinsames Spiel gedankt. Mick Morris Mehnert ist der Kleinwüchsige, der seine Rolle vollkommen ausfüllt. Der Sänger David Butt Philip steht zu Beginn an einem Notenpult am Rand der Bühne, als würde er nur soufflieren. Aber dann schlüpft auch er in die Rolle des Zwerges. Sie werden zu Einem und sind doch nicht eins.

Zemlinskys Musik changiert zwischen Spätromantik und Moderne, was der angemessenen Rezeption lange Zeit im Wege gestanden hat. Den einen war sie nicht romantisch, den anderen nicht modern genug. Da ist Richard Wagner drin, aber auch Arnold Schönberg, sie kann aufbrausen und sehr zärtlich sein. Die Uraufführung fand 1922 statt.

Als Prolog gibt es von Schönberg die „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“, wobei man auf der Bühne Alma Schindler und Alexander von Zemlinksy sieht, wie sie den Klavierpart des Stückes spielen. Die Ehe, das ist nach den knapp neun Minuten klar, wäre ein Drama geworden.

Nach dem bürgerlichen Salon für den Prolog stellt Rainer Sellmaier auf die Bühne ein weißes Orchesterpodium mit einer Empore und steckt die Protagonisten in heutige Kostüme. Je länger der Abend dauert — es ist ein kurzer –, umso beklemmender wird die Situation für Zuhörer und Zuschauer. Der Spruch, die Schönheit läge im Auge des Betrachters, vermag kaum Trost zu spenden. Der Zwerg kann ein Flüchtling sein, ein Obdachloser, ein irgendwie Andersartiger. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne moralische Keule macht diese Inszenierung deutlich, wie sehr wir von Vorurteilen bestimmt sind. Heimlich ertappt man sich beim Verlassen der Oper bei dem Gedanken, ob man nicht vielleicht selbst auch ein Außenseiter ist. Oder man stellt sich die Frage, wie man sich gegenüber einem Außenseiter verhielte.

Vorstellungen: 27./30.3. und 12.4., jeweils 19.30 Uhr, sowie 7.4., 18 Uhr, Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Berlin–Charlottenburg, Kartentel. 030 34384343