Pandemie
: Krankschreibungen und psychische Spuren von Corona in Berlin und Brandenburg

Was Ärztinnen und Ärzte in Berlin und Brandenburg seit März 2020 in ihren Praxen erleben, unterscheidet sich stark von früheren Jahren.
Von
Dietrich Schröder
Frankfurt (Oder)
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Was Ärztinnen und Ärzte seit März in ihren Praxen erleben, unterscheidet sich stark von früheren Jahren. (Symbolbild)

Monika Skolimowska/dpa

Dies geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse der Krankenkasse AOK Nordost für die Länder Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hervor, deren Aussagen von praktischen Ärzten bestätigt werden.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Erkrankungen nur indirekt etwas mit dem Sars-CoV-2-Virus zu tun hatten. So lagen in der ersten Phase von Mitte März bis Mitte April die Zahlen der Erkrankungen der oberen Atemwege, von Magen-Darm-Erkrankungen, Lungenentzündung, Bronchitis und Grippe um bis zu einem Drittel über den Werten  der Jahre 2016 bis 2019. „Dies lag zum einen daran, dass wir es im März tatsächlich mit einer Infektionswelle außerhalb von Corona zu tun hatten“, berichtet die Allgemeinmedizinerin Barbara Broschmann aus Frankfurt (Oder).

Zum anderen hätten sich zahlreiche Patienten offenbar auch deshalb gemeldet, weil sie den Verdacht hatten, an Corona erkrankt zu sein. "In dieser Zeit waren wir auch recht großzügig mit den Krankschreibungen und es reichte, wenn die Patienten ihre Symptome am Telefon meldeten“, bestätigt Broschmann.

Halb so viele Krankschreibungen

In einer zweiten Phase, die Mitte April einsetzte und bis Ende Mai reichte, ging die Ziel an Krankschreibungen bei den genannten Krankheiten dann deutlich zurück. Konkret führte das dazu, dass es Ende Mai nur halb so viele Krankschreibungen wegen Erkältungen, Bronchitis und Durchfall gab wie in den Vorjahren.

Die Autoren der AOK-Studie führen dies darauf zurück, dass durch die geringeren sozialen Kontakte weitaus weniger Krankheiten übertragen wurden als in früheren Jahren. Wegen der Kita- und Schulschließungen hätten sich vermutlich auch weniger Eltern über ihre Kinder angesteckt – sowie weniger Kinder untereinander.

„Wir werden diese Analysen noch weiter differenzieren“, kündigt die Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Daniela Teichert, an. Aber bereits jetzt könne man davon ausgehen, dass dies eine Folge davon war, „dass sich die meisten Menschen offenbar sehr konsequent an die Abstandsregeln gehalten haben“. Dass die abrupte Abnahme von Atemwegserkrankungen „extrem ungewöhnlich“ sei, hatte das Robert-Koch-Institut bereits im  April eingeschätzt.

Die Frankfurter Ärztin Barbara Broschmann und ihre Praxiskollegin Heidrun Hegen sehen für diese Entwicklung freilich noch einen weiteren Grund. „Wir vermuten auch, dass weniger Menschen in die Praxis kamen, obwohl sie Symptome hatten. Dafür aber befürchteten, dass sie sich hier noch anstecken könnten.“

Die AOK verweist darauf, dass ihre Analyse auf den Daten von etwa 1,75 Millionen bei ihr Versicherten beruht und dadurch eine hohe Relevanz hat. Allerdings endet diese Analyse mit den Fakten von Ende Mai.

Die beiden Frankfurter Medizinerinnen sowie weitere von uns befragte Ärzte aus Ost- und Nordbrandenburg beschreiben dagegen noch eine neue Entwicklung, die sich seit der Lockerung der Corona-Regeln zu Beginn dieses Monats zeigt. „Inzwischen kommen wieder so viele Patienten wie vor Beginn der Corona-Pandemie“, berichtet Doktor Broschmann. Auffällig sei jedoch die große Zahl an älteren Menschen, bei denen sich psychische Folgen des Alleinseins während der Ausgangssperre zeigen. „Diese Ängste sind häufig hinter Rückenschmerzen oder anderen Symptomen versteckt, wegen derer die Menschen vordergründig in die Praxis kommen“, so Broschmann. Eine ältere Frau habe ihr gesagt, die Corona-Zeit wäre für sie sogar „schlimmer gewesen als der Krieg“. Hinzu käme noch, dass sich vermehrt Menschen mit Blutdruckbeschwerden oder gar Tumoren meldeten, die in den vergangenen Monaten verdrängt wurden.

Lesen Sie hier auch den Kommentar von Dietrich Schröder: Alle irgendwie coronakrank

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Kinder und Ältere besonders beeinflusst

Dass jedes dritte Kind im Alter zwischen drei und 15 Jahren Schwierigkeiten hat, mit der Corona-Krise zurechtzukommen, hat eine Studie des in München ansässigen Deutschen Jugendinstituts belegt, für die im April und Mai 8000 Eltern befragt wurden. Probleme bereitet den Jüngsten vor allem das durch die Kontaktbeschränkungen ausgelöste Gefühl der Einsamkeit. Dieser Eindruck hinterlässt Folgen, selbst wenn die Beschränkungen  inzwischen weitestgehend aufgehoben wurden. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei älteren Menschen, bei denen Ängste ausgelöst und Demenz beschleunigt wird. ⇥ds