Konzert Berlin-Spandau: Peaches und Gossip – feministische Ikonen bei „Off Days“

Wohnt seit Jahren in Berlin: die kanadische Elektro-Punk-Ikone Peaches (hier bei der diesjährigen Berlinale) spielte bei den „Off Days“ in der Zitadelle Spandau
Britta Pedersen/dpaIm Musikindustrie-Sprech meinen Off Days eigentlich die freien Tage zwischen Konzerten. Wohlverdiente Lücken im zugepflastertem Tourkalender. In der Zitadelle Spandau interpretiert man „Off Days“ allerdings anders. Bei der gleichnamigen Konzertreihe, die an diesem Dienstagabend startete, herrscht alles andere als Ruhe.
Fette Bässe (andere Adjektive wären zwecklos) dröhnen erbarmungslos. Irgendwo um die 130 BPM scheppert es gegen die Festungsmauern, die den Wumms dankend Richtung Magengrube zurückschleudern. Der Grund: Peaches.
„Keep it nasty!“, ruft Peaches ins Publikum
„Keep it nasty!“ ruft die kanadische Musikerin in einer Mischung aus Befehl und Ansporn ihren längst tanzenden Fans zu. Eines dieser punktgenauen englischen Wörter, das sich nur diffus ins Deutsche übersetzen lässt. Irgendwo zwischen frech und anzüglich. Das Publikum jedenfalls versteht!
Schöne Finte also, die die „Off Days“ da schlagen. Die Konzertreihe, die mit gespiegeltem Line-Up zeitgleich in Berlin und Hamburg an zwei Tagen stattfindet, mag seinen Acts zwar keine Ruhe gönnen. Das Publikum aber darf sich über einen kurzen Ausflug aus dem wie auch immer drögen Alltag freuen - und den eigenen Kalender für ein paar Stunden getrost vergessen.
Brachiale Beats und sexpositive Lyrics
Sogar ein paar Minuten früher als angekündigt betritt Peaches die Bühne. Noch (!) in pinker Lederjacke mit exorbitanten Schulterpolstern und flankiert von tanzenden Vulven hetzt sie zu ihrem Song „Vaginoplasty“ über die Bühne.
Die kanadische Elektro-Punk-Pionierin lässt Brachial-Beats auf Metal lastige Gitarrenriffs und Tresor-würdigen Techno folgen. Darüber: explizite, sexpositive Lyrics, garniert mit gepflegter Voll-in-die-Fresse-Attitüde, die selbst die Sex Pistols in ihren besten Jahren kaum besser transportierten.
Dass Peaches und ihre Background-Tänzerinnen kurz darauf selbst blank ziehen und einen Großteil ihrer wie eine avantgardistische Performance anmutende Show oben ohne performen, ist nur konsequent. Schließlich war es das heute 57-jährige Gesamtkunstwerk, das 2000 mit ihrem so kämpferischem wie wegweisendem Album „Teaches of Peaches“ eine musikalische Bombe platzen ließ.
Ihr Einfluss auf die Berliner Clubszene ist jedenfalls kaum zu unterschätzen. Dass Deutschlands Hauptstadt heute als Mekka sexpositiver Partys gilt, hat sie auch Peaches zu verdanken, die seit 24 Jahren selbst hier lebt.
Ein queeres Musikfest mit feministischen Ikonen
Doch Peaches ist nicht die einzige feministische Ikone, die an diesem Abend anwesend ist. Auftritt: Beth Ditto. Die Frontfrau von Gossip verneigt sich vor ihrer Vorgängerin („Keine ist wie sie!“) und versteht sich im blauen Glitzeroutfit und orangener Mähne nicht minder prächtig darauf, die Berliner Tanzlust weiter anzufachen.
Die zwischenzeitlich aufgelöste US-Band, die Anfang der 2000er den größten Erfolg hatte, feierte zwar erst vergangenes Jahr nach langer Pause ein Comeback. Trotzdem klingt ihr exaltierter Indie Rock herrlich gewohnt. Klassiker wie „Move in the Right Direction“ und das unvermeidliche „Heavy Cross“ quittiert das Spandauer Publikum freudeschreiend.

Spielten im März schon einmal in Berlin: Sängerin Beth Ditto und Bassist Ted Kwo von Gossip bei ihren Auftritt im Lido
Britta Pedersen/dpaWürde es das Wort „Rockröhre“ nicht bereits geben, für Beth Ditto müsste es erfunden werden. Mit Inbrunst singt sie sich durch eine Setlist, die unablässig nach vorne prescht. Sogar eine Urschrei artige Hommage an Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ gibt es. Klänge, aus denen es förmlich schreit: Pride!
„Off Days“ in Berlin: ein queeres Musikfest
Doch es nicht nur das Line-Up, das den ersten von zwei Abenden der „Off Days“ in Berlin zum queeren Musikfest macht. Auch viele im Publikum erstrahlen im Regenbogen von LGBTQIA+. Darunter ein auffallend hohes Pärchen-Aufkommen, ganz gleich welcher sexuellen Orientierung und welchen Alters. Die Liebe, in Spandau liegt sie an diesem herrlich lauen Sommerabend in der Luft.
Gut also, dass Róisín Murphy den musikalischen Schlusspunkt setzt. Als Teil von Moloko feierte die Irin einst mit eingängigen Dance-Tracks wie „Sing It Back“ große Erfolge. Das Duo lieferte den Soundtrack zur Unbeschwertheit der 90er.
Zum Abschluss präsentiert Róisín Murphy kunstvollen Elektropop
Ein knappes Vierteljahrhundert später kommt Murphy wesentlich experimenteller daher. Ihre so wandelbare und unverwechselbare Stimme aber hat nichts an Kraft eingebüßt. In Spandau legt sie sich geschmeidig über kunstvoll atmosphärischen Elektropop.
In Sachen Bekanntheit wundert es zwar, warum der das Finale bildet. Was die Stimmung angeht, ist die Reihenfolge aber durchaus sinnvoll. Zwar braucht es einen kurzen Staccato-Schreck der Band, um zwischenzeitliche Trägheit zu vertreiben. Die Pausen zwischen den Acts geraten dann doch etwas zu lang. Als Róisín Murphy mit wilder Lockenmähne um kurz nach 21 Uhr die Bühne betritt, weiß sie aber durchaus zu betören.
Das passende Outro eines bunten und wohl kurierten Abends, der von Ikonen getragen wurde. Und von ganz viel Liebe.



