Lesbisch-schwules Stadtfest in Berlin: Mitbegründer über nackte Haut und queere Polizisten

Das Stadtfest, das jährlich eine Woche vor dem Christopher Street Day (CSD) in Berlin-Schöneberg stattfindet, feiert sein 30. jähriges Jubiläum.
Paul Zinken/dpaHerr Hoffmann, wer hatte vor 30 Jahren die Idee zur Gründung des „Lesbisch-schwulen Stadtfestes“?
Gerhard Hoffmann: Die Idee hatte der damalige Kriminal-Hauptkommissar Heinz Uth. Er war 1993 der erste Homoxexuellen-Beauftragte innerhalb und außerhalb der Berliner Polizei. Er war ein Super-Charakter, hatte regelmäßig Kontakt zu uns schwulen Wirten im Kiez und sagte: „Macht doch ein Fest in der Motzstraße, damit Euch auch die Nachbarn mal kennenlernen.“
Das Fest erstreckt sich inzwischen über den gesamten Nollendorf-Kiez.
Ja, das hat sich sehr schnell auf insgesamt rund 20.000 Quadratmeter in die Nebenstraßen ausgedehnt. Schon im zweiten Jahr kamen über 100.000 Menschen. Diesmal rechnen wir am Samstag und Sonntag wieder mit 350.000 Leuten.

Gerhard Hoffmann moderiert seit 2000 auf dem Lesbisch-schwulen Stadtfest in Berlin-Schönberg die Talkshow „Das wilde Sofa“.
Brigitte DummerAnfangs hatte ich auf dem Fest als Wirt des Cafés „Anderes Ufer“ selbst noch eine Art Biergarten betrieben, in dem ich privat eine Samba-Band spielen ließ. Später haben auf der Techno-Bühne Marusha und West Bam aufgelegt. Heute gibt es sechs große Bühnen.
Auf einer davon moderieren Sie seit 2000 die Talkshow „Das wilde Sofa.“ Welche Gäste erwarten Sie diesmal?
Neben Justizsenatorin Felor Badenberg, Ex-Kultursenator Klaus Lederer und der neuen SPD-Vorsitzenden Nicola Böcker-Giannini freue ich mich auf die Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ateş. Ich liebe sie. Ob man ihrer Meinung ist oder nicht, auf der Bühne ist sie immer gut, eloquent und sehr präzise.
Auch Wanja Kilber, ein queerer Netzwerker für russischsprachige Projekte, der den Rainbow Award 2024 bekommt, ist ein Wahnsinnstyp. Dafür aber eher mit einem stillen Charme. Wir werden übrigens endlich wieder eine Übersetzung in Gebärdensprache haben.
Worum soll es in den Diskussionen gehen?
Das Ober-Motto heißt: „Es gibt Liebe, warum hasst Du?“. Das ist für mich in diesen unruhigen Zeiten das Thema des Jahres. Wir werden über den Schutz der Demokratie sprechen, darüber, ob es Sinn macht, die AfD zu verbieten, die ja auch sehr gegen queere Menschen schießt. Und auch darüber reden, dass die Jugend hauptsächlich rechts wählt.
Hat die AfD auch einen Stand auf dem Stadtfest?
Nein, aber es sind insgesamt neun Parteien vertreten. Von der SPD bis zu der Partei der Humanisten. Dazu gib es neben der „Politikwelt“ in der Motz-, Eisenacher-, Fugger- und Kalckreuthstrasse vier weitere Stadtfest-Welten: eine „Filmwelt“, eine „Radiowelt“, eine „Sportwelt“ sowie eine „Gesundheits- und Wellness-Welt“.
Das breite Spektrum lesbischer, schwuler, bisexueller und transidentischer Projekte, Vereine und Organisationen, die man dort antrifft, reicht vom „Teddy“, dem schwulen Filmpreis der Berlinale, bis zur „Queeren Polizei“. Einmal hatte die Bundeswehr ihren Stand genau neben den Kriegsdienstverweigerern.
Aber geht es nicht vor allem um eine große, bunte Freiluft-Party?
Ja, aber wir haben in all den Jahren auch den sozialpolitischen Anspruch behalten. Ich sage immer: Mit unseren 80 Communitys, die auf dem Stadtfest vertreten sind, sind wir das größte Anti-Gewalt-Projekt Europas und das Schaufenster des queeren Berlins. Das zieht Touristen aus aller Welt an. Aber es ist auch ein Fest der Familie. Die Heten kommen genauso gerne mit ihren Kindern vorbei.
Zur Person
Gerhard Hoffmann ist Vorstand und Sprecher des Regenbogen-Fonds der schwulen Wirte, der das Lesbisch-schwule Stadtfest organisiert. Er wurde 1946 in München geboren und lebt seit seiner Jugend in Berlin. Der Politikwissenschaftler hat in verschiedensten Berufen gearbeitet.
Wenn er nicht gerade seine Stadtfest-Talkshow „Das wilde Sofa“ vorbereitet, ist er als Autor, Regisseur und Produzent tätig. Zudem hat Hoffmann 1977 das „Andere Ufer“, Berlins erstes offen schwul-lesbisches Café, mitbegründet.
Aber gerade zum Abend geht es besonders auch optisch heiß her. Ist das jugendfrei?
Es ist ähnlich wie beim CSD, die einen sind angezogen, die anderen eher nackt, die einen tanzen, die anderen nicht. Es gibt Transen, die sich auffummeln, und es gibt Fetisch-Ecken mit Leder, Latex und Hundeleinen.

Tierkostüme und andere Fetisch-Kleidung sind auf dem LGBTIQ-Stadtfest in Berlin-Schöneberg keine Seltenheit.
Paul Zinken/dpaHaben Sie einen Lieblings-Anlaufpunkt?
Meine Bühne. Ansonsten werde ich wohl auch nach der Moderation eher in meinem Open-Air-Büro bleiben und dort Freunde treffen. Am Samstag werden 32 Grad erwartet, da muss ich mich nicht noch nach der Arbeit mit meinen 78 Jahren durch die Massen über das Fest schieben.
Wann wird es traditionell am vollsten?
Der Samstag ist eigentlich der besucherstärkste Tag, doch wenn es so heiß ist, kann sich alles, wie auch schon im vergangenen Jahr, mehr Richtung Sonntag verschieben.
Da startet das Fest normalerweise am Mittag erst einmal gemächlich, vielleicht auch, weil viele Besucher nachts noch zu lange in den umliegenden Bars und Kneipen versackt sind.
Doch das absolute Kultereignis gibt es traditionell am Sonntag um 18 Uhr, wenn die „Kusinen“ spielen. Wenn die Musikerinnen mit ihren blonden Perücken und 50er-Jahre-Kleidern anfangen, Schlager zu singen, dann wird es so voll, da passt dann keine Maus mehr hin.
Lesbisch-schwules Stadtfest
Das Lesbisch-schwule Stadtfest findet am 20. Juli und 21. Juli 2024 rund um den Nollendorfplatz in Berlin Schöneberg statt. Es startet am Sonnabend und Sonntag jeweils um 11 Uhr und geht bis in die späten Abendstunden. Der Eintritt ist frei.
Auf dem Fest der Liebe, das für Offenheit und Vielfalt steht, bieten unter anderem LGBTIQ-Projekte, Vereine und Organisationen Einblick in ihr Engagement und ihre Arbeit. Auf sechs Bühnen gibt es am Sonnabend bis 23 Uhr und Sonntag bis 21 Uhr ein buntes Musik-Programm von Berlin-Beats über House bis Elektro und Schlager.
Die Politik-Talkshow „Das wilde Sofa“ findet auf der „Stadtfestbühne“, Eisenacher-/Ecke Fuggerstrasse statt. Gerhard Hoffmann prüft dort am Sonnabend von 15:30 bis 17.25 Uhr seine Gäste aus Politik und Kultur auf Herz und Nieren.



