Queer in Berlin-Spandau: Von Verzweiflung zur Selbstakzeptanz – Autor bricht Schweigen

Samuel Coenigsberg, Autor der Diologie „Que(E)rflug“ will mit seinen Büchern Tabus aufbrechen. Er behandelt Themen, über die sonst geschwiegen wird. Inzwischen arbeitet er an seinem dritten Roman.
Jessica NeumayerWenn Samuel Coenigsberg seine Geschichte erzählt, scheint es unglaublich, wie schwer der Weg zu sich selbst sein kann. Er schreibt über Themen, wie Kindesmissbrauch und Zwangsprostitution. Ebenso wie über psychische Herausforderungen und die Konsequenzen, die es hat, wenn man gegen die gesellschaftliche Norm zu sich selbst steht.
„Warum ließ ich es zu, dass mir ein Kerl wie dieser ungefragt an die Wäsche ging? Hatte ich nicht von der Vergangenheit genug? [...] Lag es daran, dass er keine Gewalt anwendete und dass er mich gleichberechtigt gewähren ließ und mich nicht mit jemand weiterem teilte, so wie ich es aus alten Zeiten seit meinem fünften Lebensjahr kannte?“
Homosexuelle Väter und ihr Outing in der Familie
Dieser Auszug aus dem ersten Band der Diologie „Que(E)rflug“ zeigt die Verwirrung des lyrischen Ichs auf dem Weg zur Selbstfindung. Coenigsberg schreibt in seinem Debüt unter anderem über die Zerrissenheit homosexueller, nicht geouteter Väter und deren gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung. Dabei hat er auch immer im Blick, was eine Neuorientierung für die ganze Familie bedeutet.
„Die Rahmenhandlung ist autobiografisch. Ich habe aber viele Figuren und Handlungen drumherum erfunden.“ Teils, um seine Familie zu schützen, berichtet der Autor. Mit dieser steht er inzwischen wieder in gutem Kontakt, auch wenn sein Lebensmittelpunkt nun woanders ist.

In den beiden Bänden von „Que(E)rflug“ wird die Geschichte von Levy Bergmann erzählt. Levy ist ein schwuler Vater und Ehemann mit entferntem Migrationshintergrund, der sich nach vielen inneren Kämpfen spät im Leben outet, um doch noch sein Glück zu finden.
Jessica NeumayerSeinen „Tatort“, wie er sein Schreibzimmer nennt, hat der gebürtige Rheinländer inzwischen in Spandau. Ein vollgeschriebenes Whiteboard zeigt, wie er sich in Thematiken einarbeitet. „Gefühlt sind 90 Prozent eines Buches Recherche“, sagt er lachend.
Seine ersten beiden Bücher hat er seinen Kindern gewidmet. „Sie sollen wissen, dass man sich niemals verstellen soll und dass für jeden eine Chance auf Glück besteht.“ Kinderfotos zieren auch seinen Schreibplatz. Der Nachwuchs ist inzwischen erwachsen. Wenn Coenigsberg über sie spricht, ist ihm anzumerken, wie froh er ist, wieder Teil ihres Lebens sein zu dürfen.
Coenigsbergs Ringen mit Glaube und Identität
„Meine Geschichten sollen Tabus aufbrechen zu Themen, über die sonst geschwiegen wird. Ich möchte um Verständnis werben. Mut machen.“ Inspiriert wird er von Gesprächen aus seiner Arbeit als Gesundheitskrankenpfleger in der psychischen Betreuung, aber auch durch Predigten.
Lange hatte er geglaubt, den Kontakt zu Gott verloren zu haben. Coenigsberg selbst wurde als Sohn einer jüdischen Mutter und eines muslimischen Vaters katholisch erzogen. Er sollte es vermeintlich leichter haben.
Der Rheinländer hatte lange befürchtet, ebenso verzweifelt wie sein Vater zu enden. Dieser musste seine Homosexualität verbergen. Sexuelle Handlungen unter Männern standen bis 1994 unter Strafe. „Er konnte zeitlebens nicht er selbst sein und hat sein Leben beendet.“ Da war Coenigsberg noch ein Kind.
Auch Coenigsberg fühlte sich langen hilflos. Doch sein Glaube kehrte zurück. Jetzt predigt er regelmäßig in der evangelischen Friedenskirche Charlottenburg. „Ich habe mich dort während einer Predigt geoutet und damit das Thema in die Gemeinde gebracht“, verdeutlicht der Christ, wie wichtig ihm der Austausch und die Akzeptanz für einander sind.
Coenigsbergs Berufung – von der Theologie zur Belletristik
In dieser Kirche wurde er vor drei Jahren gesegnet und hat seinen heutigen Ehemann, einen Juden, geheiratet. „Der Kern des Jüdischen und des Christlichen ist in unserer Beziehung vereint.“ Seine Erfahrungen zur Haltung der Kirche gegenüber diversen und queeren Lebensformen sind auch in den zweiten Band von „Que(E)rflug“ eingeflossen.
Eigentlich wollte der 61-Jährige gerne Lehrer oder Journalist werden. „Ich wollte etwas vermitteln, etwas bewegen.“ Das Studium der Theologie und Philosophie war ihm jedoch zu lebensfremd. Als Autor und Prediger hat er seinen Weg gefunden, mit Menschen in Kontakt zu treten.
In seinem nächsten Buch greift er ein Thema auf, das bisher so in der Belletristik nur selten behandelt wurde. Es gehe um tiergestützte Interventionstherapie und zwei Männer unterschiedlichen Alters mit einem gemeinsamen Projekt. Mehr verrät der Autor noch nicht.
Auch sein drittes Buch veröffentlicht Coenigsberg selbst. Der Autor schätzt die Selbstbestimmung, die er dadurch hat. Beim Marketings hätte er manchmal jedoch schon gerne einen Verlag im Rücken. Bis August 2024 will er mit der Reinschrift fertig sein.


