Eine Woche später hat das Aufräumen begonnen. Die Hilfsangebote von verschiedensten Stellen und unterschiedlichster Art seien enorm, sagt Matthias Mandos, Geschäftsführer der Landesvereinigung Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, der die Pressearbeit für das Lebenshilfehaus in Sinzig derzeit übernommen hat. „Überwältigend waren die Hilfsangebote verschiedenster Art, die wir erhalten haben. Dies hat gezeigt, dass wir in der Lebenshilfe, aber auch darüber hinaus, eine starke Solidargemeinschaft sind. Eine Stunde nach unserem Aufruf hatten wir etwa 100 Platzangebote, um die obdachlosen Menschen mit Behinderung aufzunehmen. Zudem kamen Angebote der personellen Unterstützung, Transportangebote und viele Spendenangebote. Das ist überwältigend und wir sind dafür sehr dankbar.“, so Mandos.
Der Tod kam nachts, und rasend schnell, in jener furchtbaren Nacht vor einer Woche in der Pestalozzistraße in Sinzig in Rheinland-Pfalz. Hier betreibt die Lebenshilfe, ein Verein zur Vertretung der Interessen geistig behinderter Menschen, eine Wohneinrichtung, in dem 36 Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen lebten. Vor 27 Jahren war das Haus als erste Wohnstätte für Menschen mit Behinderung im Kreis Ahrweiler eröffnet worden. Gerade hatte die Lebenshilfe damit begonnen, das Haus um einen Anbau zu erweitern.

Die Ahr ist 200 Meter entfernt – normalerweise

Als der Alarm am Mittwoch, den 14. Juli, kam, war es kurz vor Mitternacht. Zwölf Bewohnerinnen und Bewohner wurden von den dramatisch schnell ansteigenden Fluten der ca. 200 Meter entfernten Ahr im Erdgeschoss überrascht. Sie konnten sich nicht mehr retten. Und sie konnten auch nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner in der oberen Etage waren über Stunden eingeschlossen. Die Feuerwehr hatte die Eingeschlossenen zwischenzeitlich über Boote versorgt, bevor sie in Sicherheit gebracht werden konnten.

Hilfsaktion der Märkischen Oderzeitung

Das Märkische Medienhaus unterstützt im Rahmen der Hilfsaktion „Wir helfen“ auch das Lebenshilfehaus in Sinzig mit Geldspenden. Geschäftsführer Tilo Schelsky sagt: „Mich hat einst die riesige Hilfsbereitschaft tief bewegt, die die Menschen hier bei den Hochwasserkatastrophen an Oder und Elbe erfahren haben. Davon wollen wir nun ein bisschen zurückzugeben und einen kleinen Teil zum Wiederaufbau leisten. Das ist für uns eine Herzenssache.“
Für die Spenden wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95,Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021
Bilder des Gebäudes in den Tagen danach zeigen die Spur des schlammigen Wassers, das bis über die Fenster des Erdgeschosses reichte. Das Gebäude in Sinzig sei so schnell und mit solcher Wucht vollgelaufen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner kaum eine Chance gehabt hätten, heißt es von der Lebenshilfe. Die Flutwelle habe die Menschen mehr oder weniger im Schlaf überrascht. Sie hätten sich nicht mehr selbst retten können.
Ein brauner Schlammstreifen zeigt die Höhe des Wasserstandes an: Die Flut reichte bis über die Fenster des Erdgeschosses. Aufgrund des schnell steigenden Wassers konnten zwölf Menschen nicht mehr vor den Fluten der Ahr gerettet werden.
Ein brauner Schlammstreifen zeigt die Höhe des Wasserstandes an: Die Flut reichte bis über die Fenster des Erdgeschosses. Aufgrund des schnell steigenden Wassers konnten zwölf Menschen nicht mehr vor den Fluten der Ahr gerettet werden.
© Foto: Thomas Frey / dpa

„Entsetzt, fassungslos und unendlich traurig“

„Unfassbar“, so kommentiert der bis ins Mark erschütterte Vorsitzende der Lebenshilfe, Ulrich van Bebber, das Unglück. „Wir sind alle entsetzt, fassungslos und unendlich traurig. Unsere Trauer und unser Mitgefühl gelten vor allem den Eltern, Familien, Freunden und Angehörigen“, so der Vorstand der Lebenshilfe zu der Katastrophe. Durch den Einsatz der Rettungskräfte, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebenshilfe und des Geschäftsführers Stefan Möller sei es gelungen, die geretteten Menschen zu versorgen und an anderen Standorten unterzubringen, an denen eine Betreuung sichergestellt sei.
„Wie es jetzt weitergeht, müssen wir gemeinsam besprechen. Jetzt müssen wir uns erst einmal um die betroffenen Menschen kümmern. Wir wollen aber in jedem Fall das Lebenshilfehaus als Wohneinrichtung erhalten und wenn nötig wieder neu aufbauen.“
Ein geknickter Wegweiser weist zum Lebenshilfe-Haus in Sinzig. In der Behinderteneinrichtung waren durch das Hochwasser zwölf Menschen ums Leben gekommen. Überall in der Umgebung helfen nun Freiwillige beim Aufräumen.
Ein geknickter Wegweiser weist zum Lebenshilfe-Haus in Sinzig. In der Behinderteneinrichtung waren durch das Hochwasser zwölf Menschen ums Leben gekommen. Überall in der Umgebung helfen nun Freiwillige beim Aufräumen.
© Foto: Thomas Frey/dpa
Matthias Mandos bittet um Verständnis, dass noch keine Interviews geführt werden könnten, solange die Ermittlungen wegen der Todesfälle und die Betreuung der Angehörigen der Opfer, der überlebenden Bewohnern und schockierten Mitarbeiter im Vordergrund stünde. „Wir sind noch in Phase 1 der Katastrophe.“

Eine Todesfalle für 12 schutzbedürftige Bewohner

Paul Reuther, Facharzt für Neurologie, der viele Jahre im Vorstand der Lebenshilfe tätig war und das Lebenshilfehaus in Sinzig mit einigen Freunden vor 27 Jahren aufgebaut habe, ist ebenfalls tief erschüttert: „Der Bauplatz des Lebenshilfehauses in den schönen Ahr-Auen ist jetzt Todesfalle für zwölf der schutzbefohlenen Bewohner auf unserem kleinen Campus geworden. Im Lebenshilfe-Verein ist man tief traumatisiert und muss sich dennoch um neue Unterkunft, Betreuung und psychosoziale Hilfe der verbliebenen Bewohner kümmern. “
Seine Sorge gilt aber auch dem von der Lebenshilfe mitbetriebenen Rehazentrum „NeuroTherapie RheinAhr Zentrum für Rehabilitation, Nachsorge und Eingliederung“ in Bad Neuenahr, das ebenfalls komplett überflutet wurde. „Alle Geräte, die gesamte IT Infrastruktur inkl. der Therapiematerialien und die Therapieprotokolle auf dem Server sind futsch, Übungsküche, die gesamte Ergotherapie, Schwingbodenraum der Physiotherapie, Aufenthalts-, Gruppen- und Verwaltungsräume, über 500 qm, alles hin.“ Und er schickt Bilder der überfluteten Stadt Ahrweiler: „Die Wirklichkeit ist grausamer als die Bilder!“
Die Lebenshilfe ist ein gemeinnütziger Verein, der 1958 von Eltern geistig behinderter Menschen und Fachleuten in Marburg gegründet wurde. Die Lebenshilfe ist Selbsthilfe- und Elternvereinigung, Fachverband und Trägerin von Einrichtungen und ambulanten Diensten für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie unterstützt Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Angehörigen dabei, ein möglichst selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen – von der Kindheit bis ins Alter.
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