Sport in Berlin-Spandau
: Tauchen ohne Arme und Beine – wie Janis Grenzen überwindet

Janis McDavid hat weder Arme noch Beine - und er geht gerne an seine Grenzen. Wie ein Tauchclub in Berlin-Spandau Menschen mit Behinderung das Tauchen beibringt.
Von
Jessica Neumayer
Spandau
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Janis McDavid wurde ohne Arme und Beine geboren. Das hält ihn nicht davon ab, seine Grenzen zu überwinden. Er lernt im 1. Berliner Inklusions-Tauchclub in Berlin-Spandau das Tauchen.

Étienne Galvani

Tauchen ist wie der Besuch in einer anderen Welt – einer Welt des Schwebens, in der Geräusche von außen nur dumpf wahrgenommen werden. Neben dem beruhigendem Rauschen birgt Wasser aber auch eine gefährliche Seite. Wer nicht schnell genug an die Oberfläche kommt, ertrinkt. Janis McDavid taucht seit sechs Monaten. Jedes Mal, wenn er ins Wasser steigt, legt er sein Leben in fremde Hände – er hat keine Arme und Beine.

Im Wasser zu sein, das ist für McDavid ein komplett anderes Körpergefühl. „Im Wasser ist man nahezu schwerelos.“ Für den 32-Jährigen ist es die Möglichkeit, aus eigenem Antrieb voranzukommen. Außerhalb des Wassers ist der ohne Arme und Beine geborene Ruhrpottler mit einem Rollstuhl unterwegs. Er ist erst seit Oktober 2023 Mitglied im 1. Berliner Inklusions-Tauchclub in Spandau. Sein Lebensgefühl hat sich jetzt schon verändert.

Sport in Spandau: Neue Herausforderungen und Vertrauen

„Ich habe einen Sport gesucht, der mich komplett auspowert“, sagt er. Das Tauchen sei perfekt dafür. Dabei dachte der Tauchanfänger anfangs, Schwimmen sei nichts für ihn, Wasser nicht sein Element. Zudem habe er mit Wasser immer zwei dramatische Erlebnisse in seiner Kindheit verbunden, die ihn zusätzlich abschreckten. „Wenn man aber über Mut, Selbstvertrauen und Motivation redet, muss man das auch selbst mal angehen“, sagt der freiberufliche Keynote-Speaker (eine Art Motivationsredner) und Diversitymanager.

Vor jedem Tauchgang wird die Ausrüstung geprüft und das Tauchtandem geht alle Tauchbefehle nochmal durch, damit bei der Kommunikation unter Wasser nichts schiefgehen kann. Janis McDavid kommuniziert hierfür per Augenzwinkern mit seinem Tauchpartnern.

Étienne Galvani

Ballsportarten oder Leichtathletik seien für ihn keine Option, blieb also noch das Tauchen, um sich auszutesten und Grenzen zu sprengen. „Ich kann beim Tauchen meinen Körper in einer ganz anderen Situation spüren.“ Und nicht nur der Körper wird an seine Grenzen gebracht. Den prägenderen Einfluss habe das Tauchen auf seinen Geist. Für McDavid sei es die größte Übung gewesen, anderen so zu vertrauen, dass er sein Leben in ihre Hände legt. Er nutzt damit das Tauchen, um über sich selbst hinaus zu wachen und Ängste abzubauen.

Individuelle Tauchlösungen im Inklusionstauchclub

Beim Tauchen ist es möglich, die Technik für eine Person optimal zu modifizieren. Das habe McDavid vom Berliner Inklusionstauchclub in Spandau überzeugt. „Tauchen hat hier nicht nur den Zweck, einen Menschen unter Wasser zu bringen und ihm da ein bisschen etwas zu zeigen.“

Im Spandauer Tauchverein hätte er Gleichgesinnte gefunden, die die Expertise haben, eine Ausrüstung so lange zu optimieren, bis für ihn ein selbstständiges Tauchen möglich sei. „Bisher bin ich noch nicht so weit, mich selbst retten zu können“, sagt McDavid. Durch Schulungen, unter anderem zum Auftrieb durch Atemtechniken oder zu speziellen Ausrüstungsgegenständen, sei er aber auf einem guten Weg dahin.

Sebastian Andres taucht schon seit mehreren Jahren. Die Ausbildung findet im Schwimmbecken statt. Ziel ist es, nach dem Training in der Halle an Tauchausflügen im Freiwasser teilzunehmen.

Étienne Galvani

Tauchen mit körperlicher Einschränkung benötige immer individuelle Lösungen und eine abgestimmte Kommunikation. Vor jedem Tauchgang müssen alle wichtigen Schritte durchgegangen und Zeichen abgesprochen werden. Es geht dabei zum einen um ganz einfache Dinge, wie das Auf- oder Abtauchen, aber zum anderen auch darum, dass jede Person weiß, wann es ein Problem gibt und wie gehandelt werden muss.

Unter Wasser findet die Kommunikation üblicherweise mit Handzeichen statt. Doch wie findet eine Absprache per Handzeichen statt, wenn die Arme fehlen? Janis McDavid hat dafür mit seinen Tandempartnern aus dem Verein eine Lösung per Augenzwinkern entwickelt.

Verständigung beim Tauchen ohne Blickkontakt

Seinem Tauchkollegen Sebastian Andres würde das Blinzeln jedoch nichts nützen. Der Spandauer ist seit seiner Geburt blind. Unter Wasser kommuniziert er, indem er Drucksignale mit den Händen gibt. „Abgeleitet ist die Kommunikation vom Höhlentauchen.“ Auch dort ist es wichtig miteinander reden zu können, wenn zum Beispiel das Licht ausfällt. Die Codes im Training seien natürlich auf die Situation im Schwimmbecken angepasst. Aber das Ziel sei es, beizeiten auch im Freiwasser tauchen zu gehen.

Sebastian Andres ist eher zufällig zum Verein gekommen. Er habe den Unterwassersport immer eher im beruflichen Kontext gesehen, wie zum Beispiel beim Rettungstauchen. Anfangs habe er Angst davor gehabt, was passiere, wenn er unter Wasser Panik bekäme. „Die Tauchlehrer haben mich aber perfekt begleitet. Wir haben alles genau abgesprochen.“ Nun ist er schon seit sechs Jahren Mitglied im Spandauer Tauchverein, inzwischen sogar Vizepräsident. „Ich würde mit jedem im Verein sofort ohne Bedenken tauchen gehen“, sagt der 30-Jährige.

Sport in Berlin-Spandau: Gemeinschaft und Sicherheit im Fokus

Tandemtauchen heißt nämlich nicht, immer mit der gleichen Person ins Wasser zu geht. So werde Vertrauen zu vielen verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften aufgebaut. „Wir sind ein bunter Querschnitt der Gesellschaft“, beschreibt der Vorsitzende die derzeitig rund 40 aktiven Mitglieder des Vereins. „Wir haben die unterschiedlichsten Personen von 13 bis 70 Jahren bei uns – manche haben eher einen ruhigen Charakter, andere sind motivierend oder mitreißend.“

Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie wissen, dass die Sicherheit die größte Rolle spielt. „Ich glaube, wer einmal unter Wasser war, merkt, dass es eine ernste Angelegenheit ist und dass dort kein Platz ist, um Faxen zu machen.“ Keiner wolle, dass ein Tauchausflug im Freiwasser mit einer Tragödie endet. „Die Rettungskette ist enorm wichtig“, sagt Andres.

Ort und Zeit für ein Schnuppertraining

● Stadtbad Berlin-Wilmersdorf 2

Fritz-Wildung-Straße 7, 14199 Berlin

● sonnabends, 19.30 Uhr

● Um Voranmeldung wird gebeten: gs@die-inklusionsmacher.de, 030 38302982

Die Sicherheit ist ein Argument, weshalb auch ein Inklusionstauchclub nicht alle Menschen mit Behinderung integrieren kann. „Wir gucken sehr individuell, wenn es sich um geistige Behinderungen handelt. Da haben wir auch schon mal gesagt, dass das nicht geht“, sagt Andres.

Für eine individuelle und genaue Einschätzung habe der Verein eine eigene Tauchärztin. „Wir müssen gucken, dass man sich darauf verlassen kann, dass der- oder diejenige keine Schwierigkeiten bekommt. Da müssen wir auch die Personen selber schützen.“ Körperliche Behinderungen seien in dem Fall unproblematischer, weil sie technisch kompensiert werden können.

Klare Visionen und Motivation für eigene Lösungen

Für technische Ausrüstungen wird auch ein Teil des Preisgeldes in Höhe von 7000 Euro eingesetzt, das der Verein mit der Auszeichnung „Zukunftspreis 2023“ erhalten hat. Zu den Neuanschaffungen gehören zum Beispiel eine Tauchmaske, die über das ganze Gesicht geht. „Mit so einer Maske kann ich den Druckausgleich alleine machen“, erklärt Janis McDavid.

Gerne würde er auch an seinen Neoprenanzug eine Art Flosse anbauen, damit er sich leichter fortbewegen kann. Mit der Ehrung des Zukunftspreises biete sich die Chance, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, „um unseren Verein in der Gesellschaft besser aufzustellen und unser Angebot zu verbreiten“, sagt Sebastian Andres.

„Es wäre super, wenn wir noch einen Sponsor finden, der uns Räume zur Verfügung stellt“, sagt der Vizepräsident. Derzeit wird das Equipment in einem Keller gelagert. Das sei bisher wenig problematisch, da der Verein zum Tauchen seine Wasserzeiten im Schwimmbad habe. Ein offizieller Vereinsraum würde jedoch noch ganz andere Optionen ermöglichen, um das Gemeinschaftsgefühl auch außerhalb des Wassers zu stärken.

Inklusion in Berlin-Spandau: Tauchen als Team-Sport

Beim Tauchen ginge es weniger um die sportliche Leistung, wie es bei anderen Wettkämpfen der Fall ist, erklärt McDavid. „Tauchen ist eine Teamangelegenheit.“ Es ginge nicht darum, sich als Einzelperson zu profilieren, sondern eher darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

„Wenn wir mutig sind, wenn wir einander vertrauen, können inklusive Teams möglich sein“, sagt McDavid – im Verein, aber auch in der Gesellschaft außerhalb des Vereins. In einer Welt der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung sei das ein gutes Beispiel, was Menschen alles bewirken können, wenn sie aufeinander zugehen, sagt er aus Erfahrung. In der kleinen Vereinswelt würde so eine Blaupause kreiert werden, für einen inklusiven Umgang miteinander in der Welt außerhalb des Schwimmbeckens.

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