Stadtumbau: Bau-Chaos in Potsdam - zwischen Moderne und Neobarock
Zwei große Baugebiete bestimmen zurzeit den Weg in die Innenstadt und zur Schlösserlandschaft. Dahinter stehen zwei Konzepte, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Rund um den Bahnhof soll es modern werden – rund um den Landtag geht es um Rekonstruktion.
Die meisten Kräne stehen aktuell auf dem Gelände der nördlichen Speicherstadt, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes und am Ufer der Havel. Hier sollen ein Hotel, Wohnungen für die Wissenschaftler des nahen Telegraphenberges und vor allem architektonische Qualität entstehen.
Damit war es in den vergangenen dreißig Jahren nicht immer weit her. DDR-Bauten wurden abgerissen und dann Schuhkartone ohne Anspruch hingesetzt, lautete in den vergangenen Jahren immer wieder die Kritik. Pete Heuer, SPD-Mann und Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung, spricht von Eierschachteln. Explizit meint er damit die Neubauten auf der nördlichen Rückseite des Hauptbahnhofs.
Keine Begeisterung
Auch die bereits vor Jahren fertiggestellte südliche Speicherstadt an der Havel löste keine Begeisterung aus. Alles eng bebaut, auf Geschäfte, einladende Plätze am Wasser und Cafés wurde verzichtet – Spaziergänger könnten die Bewohner der Eigentumswohnungen stören, so der Eindruck. In der nördlichen Speicherstadt soll alles anders werden. Eine breite Freitreppe wird hier einmal zum Fluss führen, vorbei an Restaurants, Geschäften und viel Grün. So sieht es jedenfalls in den Prospekten aus.
Am anderen Ende des Bahnhofsvorplatzes könnte es noch spektakulärer werden. Dort will ein Investor historische Bahnhallen mit einem großen Bügel überbauen. Das wellenförmige Gebäude soll Startups der Potsdamer Uni eine Heimstatt geben. Außerdem ist von einer Veranstaltungshalle die Rede.
Am Fuße des Brauhausberges, gegenüber des Bahnhofs, ist ein kleiner Bau halb mit Holz verpackt. Das ehemalige Terrassenrestaurant Minsk war zu DDR-Zeiten gut besucht und in der Nachwendezeit ein legendärer Treff für politische Kontakte. Später verfiel es und stand kurz vor dem Abriss.
Das erhitzte die Gemüter. Eine Bürgerinitiative mit vorwiegend jungen Leuten setzte sich dafür ein, dieses Relikt außergewöhnlicher DDR-Architektur zu erhalten. Letztlich brachte Software-Milliardär Hasso Plattner, dem die Stadt das Museum Barberini und die Sandsteinfassade des Landtages verdankt, die Lösung. Er erwarb das Gebäude und benachbarte Grundstücke und baut das Gebäude zu einem Museum für DDR-Kunst um. Damit hat er nicht nur den Abriss verhindert, sondern auch eine dichte Bebauung des gesamten Hanges. Nur das neue Bad in unmittelbarer Nachbarschaft mit seinem grobschlächtigen Baukörper beeinträchtigt den Blick.
Auf der anderen Havelseite geht es nicht um Moderne. Der Nachbau des Stadtschlosses als Landtag setzte eine Welle in Gang. Als nächstes folgten die Rekonstruktionen von drei barocken Palazzi aus der Zeit Friedrich II. Nun soll ein komplettes Quartier auf einer Fläche folgen, auf dem früher das Gebäude der Fachhochschule stand. Auch um deren Abriss hatte es heftige Debatten gegeben. Der Neubau von Häusern in historischen Konturen verzögert sich. Grün hat die Sandflächen erobert. Nur die Straßenlaternen erleuchten die Brache schon. In ein paar Jahren werden vor allem die Eckgebäude mit den Kopien der barocken Fassaden zum Hingucker.
Die Stadtväter hoffen, dass dieses Quartier hilft, die Touristen vom direkten Weg Bahnhof-Sanssouci-Bahnhof abzubringen und sie länger in der Innenstadt zu halten. Dazu könnte auch der Turm der Garnisonkirche beitragen. Der umstrittene Bau hat inzwischen die Höhe der umgebenden Gebäude erreicht und scheint auf seinem Weg hinauf zu rund 90 Metern nicht mehr aufzuhalten zu sein. Von dort oben gibt es einen tollen Blick auf das alte und neue Potsdam.
Konflikte gehörenin Potsdam dazu
Gestritten wirdin Potsdam immer: Um den Abriss des Hotel Mercure, beispielsweise. Der ist im nächsten Jahrzehnt nicht in Sicht, da die Eigentümer das Gebäude nicht verkaufen wollen. Statt dessen geht es aktuell darum, ob ein Künstlerhaus im ehemaligen Rechenzentrum dem Kirchenschiff der Garnisonkirche weichen soll. Noch ist gar nicht klar, ob neben dem Turm auch das Schiff gebaut wird. Außerdem steht neben der Nikolaikirche ein unsanierter Wohnblock, an dessen möglichen Abriss sich die Geister scheiden. Auch der Neubau auf dem Gelände des Reichsbahnausbesserungwerkes stößt bei Anwohnern auf Kritik, weil sie befürchten, dass die Mieten steigen könnten. ⇥thi




