Streik bei der Bahn: Zugausfall in Brandenburg und Berlin – Odeg nicht beteiligt

Auf einer Anzeigentafel an einem S-Bahn-Gleis wird auf den Streik der GDL hingewiesen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat einen 24-stündigen Warnstreik begonnen.
Bodo Marks/dpaSeit dem späten Donnerstagabend (7. Dezember) läuft der zweite bundesweite Warnstreik der Lokführergewerkschaft GDL - und führt auch in Berlin und Brandenburg zu weitreichenden Einschränkungen im Bahnverkehr. „Wir können im Regionalverkehr der DB einige wenige Fahrten anbieten“, teilte die Deutsche Bahn am frühen Freitagmorgen mit. „Das ist aber letztlich nicht mehr als ein Notfahrplan, der von dem normalen Zug-Angebot weit entfernt ist.“ So rollten einige Züge auf der Regionalexpresslinie RE3 zwischen Angermünde und Berlin-Gesundbrunnen sowie auf der RE4 zwischen Rathenow und Berlin-Spandau und auf der RE5 zwischen Rostock und Berlin.
„Einige Züge verkehren auch auf der RE7 zwischen Bad Belzig und Berlin-Wannsee sowie zwischen Berlin-Ostkreuz und Lübben“, hieß es. Dennoch empfehle die Bahn allen Fahrgästen weiterhin, auf Reisen am Freitag besser zu verzichten oder die Fahrt zu verschieben.
Lediglich auf vier S-Bahn-Linien seien Züge am Freitag im 20-Minuten-Takt unterwegs, um vor allem Außenbezirke an die Berliner Innenstadt anzubinden, hieß es. Dabei handelt es sich um die S3 (Erkner-Ostbahnhof), die S46 (Königs Wusterhausen-Schöneberg), S5 (Strausberg Nord-Ostbahnhof) und die S9 (Friedrichstraße-Flughafen BER T1-2).
Auf anderen Strecken setze die Bahn zusätzlich Busse ein, um Fahrgästen ein Notfahrplan-Angebot machen zu können. Das sei auf den S-Bahn-Linien S25 Nord (Hennigsdorf-Tegel) sowie S25 Süd (Teltow Stadt-Lichterfelde Ost) der Fall, teilte die Bahn weiter mit.
S-Bahn Linie S1 fährt wieder im 20-Minuten-Takt
Trotz des Warnstreiks hat die Linie S1 der S-Bahn Berlin wieder den Betrieb aufgenommen. Die Linie fahre auf ganzer Strecke derzeit im 20-Minuten-Takt, sagte ein Bahnsprecher am Freitagmittag (8. Dezember 2023). Ansonsten bleibe es bei den bestehenden Einschränkungen im Bahnverkehr der Hauptstadt.
Folgen für Lehrkräfte, Schüler und Eltern
Auch Schüler und Lehrkräfte in Brandenburg sind von den Einschränkungen betroffen. Das Brandenburger Bildungsministerium weist in einer Pressemitteilung darauf hin, dass dennoch alle Lehrkräfte dazu verpflichtet seien, am 8. Dezember zum Dienst zu erscheinen.
„Schülerinnen und Schüler, die aufgrund des Streiks die Schule nicht besuchen können, erhalten Lernaufgaben von ihren Lehrkräften zur Bearbeitung“, heißt es weiter in der Mitteilung des Ministeriums. Auch die Organisation von Distanzunterricht sei je nach Möglichkeiten möglich. Schüler gelten an diesem Tag als entschuldigt, wenn das durch die Eltern oder sich selbst – sollten sie bereits volljährig sein – mitgeteilt wurde.
Odeg nicht am Warnstreik beteiligt
Eine Beteiligung der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) am Streik der GDL sei ausgeschlossen, teilt das Unternehmen mit. Es kann demnach allerdings während des Streiks zu Störungen und Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf auf allen Linien kommen, da die Odeg die Infrastruktur der Deutschen Bahn nutzt.
Folgende 15 Linien sollen fahren, jedoch kann es zu Einschränkungen kommen: RE1, RE8 Nord und Süd, RE9, RE10, RB13, RB14, RB15, RB33, RB37, RB46, RB51, RB64, RB65.
Der Regionalexpress 1 beispielsweise fuhr am Freitagvormittag pünktlich in Frankfurt (Oder) ab und erreichte planmäßig Berlin. Und auch für den Nachmittag werden die Züge in der VBB-App angezeigt.
Auch die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) wird sich nicht am Streik beteiligen, heißt es auf der Internetseite. Einschränkungen auf den Linien der NEB seien trotzdem möglich.
Deutsche Bahn stellt Notfahrplan für Warnstreiks online
Der Notfahrplan der Deutschen Bahn für den Warnstreik der GDL ist inzwischen online verfügbar. „In den Auskunftsmedien auf bahn.de und in der App DB Navigator sind ab sofort alle Verbindungen des Notfahrplans abrufbar“, teilte der Konzern am Vormittag mit. Zudem habe die Bahn erneut eine Streik-Rufnummer eingerichtet. Unter 08000-996633 könnten sich betroffene Fahrgäste über ihre Verbindungen informieren.
Nach Warnstreik kein Ausstand bis 7. Januar
Nach dem Warnstreik will die GDL bis zum 7. Januar nicht mehr streiken. „Wir werden jetzt diese Streikaktion am Donnerstag und Freitag durchführen, und es ist für dieses Jahr die letzte“, sagte der GDL-Vorsitzende Chef Weselsky am Mittwochabend bei MDR-aktuell. „Anschließend kommt die Urabstimmung und die Auszählung am 19. Dezember. Und es wird keine Arbeitskampfaktionen mehr geben, auch in der ersten Januarwoche nicht“, fügte er hinzu.
So war die Situation beim letzten Streik
Zuletzt streikte die GDL bei der Bahn am 15. und 16. November. Bei dieser 20-stündigen Arbeitsniederlegung fielen gut 80 Prozent der eigentlich vorgesehenen Fernverkehrsfahrten aus. Im Regionalverkehr waren die Auswirkungen in manchen Bundesländern noch deutlicher, in einigen Regionen fuhr zeitweise quasi kein Zug und kaum eine S-Bahn.
Mit dem erneuten Warnstreik-Aufruf ignoriert die GDL augenscheinlich den Aufruf des Beamtenbundes (dbb), sich hinsichtlich der Verhandlungen für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder abzustimmen. „Es wäre ein Unding, wenn unsere Aktionen durch Streiks der eigenen Mitgliedsorganisation torpediert würden“, sagte Ulrich Silberbach, Vorsitzender des Deutschen Beamtenbunds (dbb), kürzlich der „Stuttgarter Zeitung“. Die Verhandlungen für den öffentlichen Dienst sind für Donnerstag und Freitag in Potsdam angesetzt. Die GDL ist Mitglied des dbb.
Knackpunkt Arbeitszeitsenkung
Der Tarifstreit zwischen der GDL und der Bahn ist in sehr kurzer Zeit heftig eskaliert. Mit dem nun ausgerufenen Warnstreik bleibt die GDL wie angekündigt auf Konfrontationskurs. Zwischen dem Verhandlungsauftakt und dem Scheitern der Gespräche lagen nur 15 Tage - dazwischen kam es bereits zu einem Warnstreik, zudem leitete die Gewerkschaft eine Urabstimmung über unbefristete Streiks ein.
Die GDL fordert für den neuen Tarifvertrag unter anderem eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden bei gleichem Lohn. DB-Personalvorstand Martin Seiler hält die Forderung für nicht umsetzbar und argumentiert, dass eine Umsetzung zu teuer sei. Zudem brauche es bei weniger Wochenarbeitszeit mehr Beschäftigte. In Zeiten des Fachkräftemangels seien diese aber nicht zu finden. GDL-Chef Weselsky geht dagegen davon aus, dass mit einer geringeren Wochenarbeitszeit die Berufe bei der Bahn attraktiver werden.
Darüber hinaus will die GDL ihren Geltungsbereich bei der Bahn ausweiten und Tarifverträge auch für Arbeitsbereiche abschließen, in denen sie bisher keine Tarifverträge vorweisen kann. Konkret geht es vor allem um Infrastrukturbetriebe. Seiler hält solche Verträge für nicht notwendig, weil die GDL in diesen Bereichen nicht maßgeblich vertreten sei.
Urabstimmungsergebnis erst Ende des Jahres
Der nun angekündigte Warnstreik wäre der vierte Arbeitskampf bei der Deutschen Bahn im laufenden Jahr. Im März und April streikte bereits die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG jeweils einen Tag lang und legte so zweimal den kompletten Fernverkehr lahm. Auch im Regionalverkehr ging an diesen Warnstreiktagen bundesweit so gut wie nichts.
Die parallel gestartete Urabstimmung unter den GDL-Mitgliedern dauert noch einige Zeit an. Das Ergebnis soll am 19. Dezember vorliegen. Unbefristete Streik sind möglich, wenn 75 Prozent der Abstimmungsteilnehmer für solche Arbeitskämpfe stimmen.
DB bietet elf Prozent mehr Geld
Die von der GDL ausgehandelten Tarifverträge werden bei der Bahn nach Angaben des Konzerns lediglich auf etwa 10 000 Beschäftigte angewendet. Die GDL vertritt aber vor allem Lokführer und Zugbegleiter - sie hat dadurch auch als kleinere Gewerkschaft die Möglichkeit, den Bahnverkehr empfindlich zu stören und Züge zu stoppen. Die EVG verhandelte zuletzt für gut 180. 000 DB-Beschäftigte.
Die GDL fordert neben der Arbeitszeitsenkung 555 Euro mehr pro Monat sowie eine Inflationsausgleichsprämie. Die Bahn hat bisher eine elfprozentige Entgelterhöhung bei einer Laufzeit von 32 Monaten sowie die geforderte Inflationsausgleichsprämie angeboten.

