TikTok-Streik in Berlin
: Was bedeuten die Entlassungen für die Internet-Sicherheit?

TikTok-Mitarbeiter in Berlin wehren sich gegen ihren Austausch gegen KI und berichten von ersten Beschwerden über pornografische und rechte Inhalte.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Streikende TikTok-Mitarbeiter versammelt sich am Mittwoch (3.9.) vor der Unternehmenszentrale in Berlin.

Streikende TikTok-Mitarbeiter versammeln sich vor der Unternehmenszentrale in Berlin.

Maria Neuendorff
  • TikTok will 150 Content-Moderatoren in Berlin durch KI ersetzen – Mitarbeiter streiken.
  • Beschwerden über pornografische und rechte Inhalte häufen sich – KI zeigt Sicherheitslücken.
  • Gewerkschaft Verdi unterstützt Streik – Forderungen: bessere Abfindungen und längere Kündigungsfristen.
  • TikTok verweigert Verhandlungen mit Betriebsrat – nächste Gerichtsverhandlung am 25. September.
  • KI ohne Empathie: Experten kritisieren mangelnde Verantwortung von internationalen Tech-Unternehmen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Hey TikTok, wie viel ist dir die Sicherheit wert?“, steht auf einem Plakat, das Mitarbeiter der Internetplattform am Mittwochmittag (3.9.) vor der Berliner Unternehmenszentrale in Berlin-Friedrichshain hochhalten.

150 TikTok-Mitarbeiter werden entlassen

Es sind die Mitarbeiter, die unter anderem dafür sorgen, dass keine Hassreden, Hetze und andere kriminelle Inhalte im Internet verbreitet werden. Sie sollen nun durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt werden. Die Plattform TikTok, die in Berlin einen Sitz mit rund 400 Mitarbeitern hat, will 150 der sogenannten Content-Moderatoren entlassen, die für diese Sicherheits-Checks zuständig sind.

Am Mittwoch legte nun ein Teil von ihnen zum dritten Mal die Arbeit nieder. Rund 40 Mitarbeiter erschienen in gelben Streikwesten zu einer Kundgebung vor dem Unternehmenssitz unweit der Oberbaumbrücke. „TikTok sieht KI als Allerwelts-Lösung und will uns alle rausschmeißen. Die ganze Trust and Safety-Abteilung wird dichtgemacht“, ruft eine junge Noch-Angestellte ins Mikrofon.

Sicherheitslücken durch KI bei TikTok?

Sie und ihre Kollegen müssten die KI dabei selbst anlernen. Die TikTok-Mitarbeiterin berichtet, dass sie jetzt schon Beschwerden von Usern zum Beispiel über pornografische Inhalte oder über Posts von Menschen aus dem rechtsextremistischen Spektrum bekommen habe. „Die Leute fragen uns: Warum kontrolliert Ihr das nicht? Doch wir können nichts dafür, wenn die KI unsere Arbeit übernimmt“, erzählt die junge Frau weiter.

Wegen des Jobs ist die Bremerin extra nach Berlin gezogen. Andere ihrer Kollegen kommen aus anderen europäischen Städten oder sogar von anderen Kontinenten. Die meisten haben keine Erfahrungen mit Gewerkschaften. Dass Angestellte eines globalen Social-Media-Unternehmens überhaupt in den Arbeitskampf gehen, sei weltweit bisher einmalig, heißt es von der Gewerkschaft Verdi, die den TikTok-Arbeitskampf unterstützt.

Berlin bietet diese Möglichkeit, da es die einzige Stadt mit einem TikTok-Betriebsrat ist. „In London, wo rund 300 TikTok-Mitarbeitern gekündigt werden soll, wurde gerade die Gründung eines Betriebsrates durch das Unternehmen verhindert“, erklärt Verdi-Verhandlungsführerin Kathlen Eggerling.

In der deutschen Hauptstadt dagegen wächst die Solidarität. „Immer mehr Kollegen und Kolleginnen aus anderen Abteilungen schließen sich an – trotz des zunehmend einschüchternden Auftretens des Arbeitgebers“, so Eggerling.

Zusätzliche TikTok-Mitarbeiter gekündigt

Denn nachdem TikTok zunächst 150 Beschäftigte der Abteilung „Trust and Safety“ (Vertrauen und Sicherheit) entlassen wollte, habe das Unternehmen am vergangenen Freitag zusätzlich neun Mitarbeitenden aus dem Bereich „Live“ die Kündigung zugestellt. „Zwar begründet TikTok die Entlassungen mit einer Umstrukturierung für die Märkte Italien und Frankreich. Doch betroffen ist auch eine Kollegin, die in einem nicht restrukturierten Bereich tätig war und sich zuvor besonders für die Belange der Gekündigten eingesetzt hatte“, berichtet Eggerling.

„TikTok zielt darauf, damit andere Kollegen und Kolleginnen bei TikTok einzuschüchtern und hinsichtlich ihrer Jobsicherheit zu verunsichern“, betont Eggerling, die Verhandlungsführerin.

Um sich besser zu schützen, verlangten die Streikenden am Mittwoch Abfindungen in Höhe von drei Jahresgehältern sowie eine Verlängerung der Kündigungsfrist um zwölf Monate für alle betroffenen Beschäftigten. „Wir wollen dazu erreichen, dass das Unternehmen mit uns über einen Sozialtarifvertrag verhandelt“, erklärt die Gewerkschafterin.

Bisher weigere sich TikTok noch, sich mit dem Berliner Betriebsrat an einen Tisch zu setzen. Momentan versuche das Unternehmen, das zum chinesischen Tech-Konzern ByteDance gehört, noch, vor Gericht stattdessen eine betriebsinterne Schlichtungsstelle durchzusetzen.

Tiktok-Streit vor Gericht

TikTok, das auch in Deutschland einen eigenen Geschäftsführer beschäftigt, antwortete auf eine Presseanfrage mit der Bitte um Stellungnahme zum Arbeitskampf bisher nicht. Der nächste Verhandlungstag ist für den 25. September anberaumt. Die Kündigungen der 150 Mitarbeiter werden für Oktober erwartet.

Die Berliner TikTok-Abteilung „Trust and Safety“ moderiert den Content auf der digitalen Plattform und hat in den vergangenen Monaten eine künstliche Intelligenz (KI) mit den Daten ihrer Arbeit gefüttert. „Es gibt aber Dinge, die die KI nicht kann. Sie hat keine Empathie und hört auch keine Zwischentöne“, ist sich Eggerling sicher. Zudem müsste die KI immer wieder nachtrainiert werden, wofür ebenfalls ausreichend menschliche Kollegen gebraucht würden.

Das sieht auch Sven Meier, arbeitspolitischer Sprecher der SPD, so, der am Mittwoch ebenfalls zu der Kundgebung erschien. „Es zeigt sich nicht nur bei TikTok, sondern auch bei anderen internationalen Tech-Unternehmen, dass sie weder für ihre Mitarbeiter noch für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen“, sagte der Abgeordnete. „Wir wollen da in Berlin einen anderen Weg gehen und werden das auch im Parlament diskutieren.“