Trauer-Festival in Berlin: Pfarrerin zeigt, wie Trauern auch bunt sein kann

Ein rosafarbener Sarg in der Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg weist auf das neue Trauer-Festival hin. Pfarrerin Rebecca Marquardt-Groba (r. oben) ist Mit-Initiatorin.
Miriam Hartig/Anja Mey Fotografie/Collage Jörn Sandner/MMH-InfografikDas erste Festival für Trauer, Trost und Sterben beginnt am Freitag (14.11.) in Berlin. Rebecca Marquardt-Groba, Pfarrerin, Trauerbegleiterin und Mit-Initiatorin erzählt im Interview, was Besucher erwartet.
Frau Marquardt-Groba, in der St. Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg steht seit Dienstag ein rosafarbener Sarg? Was hat es damit auf sich?
Er soll Mittelpunkt unseres „ENDlich“-Festivals werden, das sich ab Freitag zehn Tage lang um die Themen Trauer, Trost und Sterben dreht. Am Eröffnungstag darf er ab 15 Uhr von den Besuchern erforscht und bemalt werden. Denn wir wollen damit vor allem auch zeigen, was bei Bestattungen alles möglich ist.
Was denn zum Beispiel?
Viele wissen nicht, dass man nicht nur seine Wunschmusik spielen, sondern als Angehöriger auch selbst die Abschiedsrede halten kann. Aber auch mit Seifenblasen kann man schöne Sachen machen. Die haben eine gewisse Magie, eine Leichtigkeit, die erwartet man nicht bei so einem schweren Thema.
Zuckerwürfel auf der Kirchenbank
Auf dem Festival soll es Workshops dazu geben?
Einer dreht sich zum Beispiel darum, wie man einen verstorbenen Menschen versorgt. Es ist ein alter Brauch, dass Verstorbene nach dem Sterben gewaschen und mit frischen Kleidern angezogen werden. Heute wird das meist von Bestattenden ausgeführt. Der Workshop gibt eine Anleitung dazu, wie man das auch selbst tun kann, wenn man will.
Kann das beim Trauern helfen?
Die Trauer übermannt viele erst einmal. Sie katapultiert auch die Angehörigen aus dem Leben. Viele können den Tod eines geliebten Menschen erst einmal gar nicht realisieren. Manchen hilft es dann, ein gewisses Mitbestimmungsrecht und Handlungsmöglichkeiten zu haben. Für andere ist es einfach nur heilsam, wenn sie so das Gefühl bekommen, den Verstorbenen wirklich bis zum Ende zu begleiten.
Welche ungewöhnlichen Rituale haben Sie als Pfarrerin schon erlebt?
Ich hatte vor kurzem eine Beerdigung, da wurden Zuckerwürfel auf den Kirchenbänken verteilt, weil die Verstorbene dafür bekannt war, dass sie ihren Kaffee immer gerne mit besonders viel Zucker getrunken hat. Andere Angehörige haben Wäscheleinen um die Grabstelle gespannt und dort Fotos festgeklammert. Beim Trauern geht es ja auch um Erinnerung. Manche sind so geschockt vom Tod, dass sie erst einmal gar nicht in die Erinnerung gehen können. Auf dem Festival kann man sich als bleibende Erinnerung auch sein ganz persönliches Trauer-Tattoo stechen lassen.
Und wie kann ich als Freund einer trauernden Person helfen?
Auch wenn einem selbst erst einmal die Worte fehlen sollten, kann man das ehrlich sagen und einfach fragen: „Was brauchst Du?“. Nicht so hilfreich ist: „Hey, melde Dich, wenn Du was brauchst.“ Denn manche Trauernde haben vielleicht gar nicht mehr die Kraft dazu. Von der Arbeit mit Betroffenen weiß ich jedenfalls: Alles ist besser, als nichts zu sagen.
Bunte Trauerkarten auf dem Festival-Markt
Kondoliert man eigentlich noch mit Briefen?
Ja, und es hilft vielen, wenn sie später die Karten durchlesen können. Es müssen ja nicht die Karten mit dem dicken schwarzen Rand sein. Auf unserem Markt der Möglichkeiten am Sonntag, 16. November, wird es auch Kondolenz-Karten geben, die bunt und lebendig aussehen. Dort stellen Menschen aus den Bereichen Kirche, Kunst, Bestattung und Trauerbegleitung ihre Ideen zu Trost und Sterben vor.
Es gib auch einen Trauer-Yoga-Kurs. Hilft das wirklich?
Menschen trauern auf die verschiedensten Weisen. Wie sie das tun, ist nicht nur stark von der Art des Verlustes, sondern auch vom jeweiligen Charakter abhängig. Es gibt Menschen, denen hilft es tatsächlich, über den Körper in die Trauer-Arbeit zu kommen. Bei dem Workshop arbeitet eine Trauerbegleiterin mit einer Yoga-Lehrerin zusammen. Die machen das sehr gut.
Zur Person
Rebecca Marquardt-Groba (39) ist in Berlin geboren und hat an der Humboldt-Universität Theologie studiert. Seit 2018 ist sie Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Kreuzberg, wo sie auch mit ihrer Familie lebt.
Im Oktober 2025 schloss sie eine Zusatzausbildung zur Trauerbegleiterin ab und organisiert nun erstmals gemeinsam mit ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen das „Endlich“-Festival. Rebecca Marquardt-Groba ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Bieten Sie selbst auch einen Workshop an?
Ja, gemeinsam mit der Seelsorgerin Lioba Diez gebe ich einen zum Thema „Weltschmerz teilen“. Da geht es um die aktuellen Krisen unserer Zeit, die viele Menschen ebenfalls sehr traurig machen.
Wie sind Sie auf die Idee zum Festival gekommen?
Ich war schon im vergangenen November am Ewigkeitssonntag als Seelsorgerin an einer Veranstaltung auf dem Friedhof beteiligt. Im Frühjahr habe ich mich dann mit anderen Trauerbegleiterinnen zusammengesetzt, um eine neue Idee zu entwickeln. Doch statt einer gab es plötzlich ganz viele. So ist daraus ein zehntägiges Festival geworden.
Mit Kindern über den Tod sprechen
Sie bieten auch ein Familienprogramm. Was gibt es da speziell?
Da gibt unter anderem einen Workshop zum Thema Abschied-Nehmen. Da geht es nicht in erster Linie um das Sterben. Abschied nehmen müssen Kinder ja zum Beispiel auch irgendwann von der Kita oder der Grundschule. Die Teilnehmer gehen gemeinsam der Frage nach: Was hilft uns, Abschiede zu bewältigen? Und wie können Kinder darin unterstützt werden, eine gesunde Abschiedskompetenz zu entwickeln?
Ab welchem Alter kann oder sollte man mit Kindern über den Tod reden?
Das ist unterschiedlich. Ich habe selbst zwei kleine Kinder. Meine Tochter ist viereinhalb Jahre und wir reden schon darüber. Ich selbst habe im Alter von elf Jahren meine Mutter verloren. Man hat uns Kinder damals total rausgenommen. Auch in den letzten Wochen im Krankenhaus wurde meine Mutter vor uns abgeschottet. Das kann aber gerade für Kinder sehr irritierend sein. Mir persönlich hätte es sicher gutgetan, wenn man mit mir in den Dialog gegangen wäre.

In der St.-Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg findet das 1. „ENDlich“-Festival – für Trauer, Trost und Sterben statt.
dpa/Britta PedersenIst das der Grund, warum Ihnen Trauerbegleitung so am Herzen liegt?
Vielleicht im Unterbewusstsein. Aber es war eher so, dass ich bei meiner Arbeit als Pfarrerin in Gesprächen mit Angehörigen immer wieder an meine Grenzen gestoßen bin. Bei meiner täglichen Arbeit in der Kirchengemeinde habe ich gemerkt, wie groß eigentlich der Bedarf ist. Deshalb habe ich zusätzlich eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht.
Ist es nicht belastend, sich so auch mit seiner eigenen Endlichkeit zu befassen?
Es muss ja nicht täglich sein. Aber die Beschäftigung mit dem Tod kann uns auch zu der Frage führen: Wie will ich leben? Was will ich hinterlassen? Es gibt erwachsene Kinder, die haben kaum Erinnerungsstücke an ihre Eltern. Da ist es durchaus sinnvoll, rechtzeitig ein Album anzulegen. Andere sagen: ach, hätte ich doch mit meiner Mutter vor ihrem Tod über ihre Wünsche gesprochen.
Ist der Tod also immer noch ein Tabu-Thema?
Obwohl er uns alle betrifft, wagen wir uns an ihn immer noch zu wenig heran. Mit dem Festival wollen wir dem Tod und der Trauer einen Raum geben und zeigen, dass das Thema mitten in die Gesellschaft gehört. Die Menschen sollen erleben, dass niemand mit dem eigenen Verlust alleine bleiben muss.
Das Programm
Das Festival: „ENDlich – für Trauer, Trost und Sterben“ findet vom 14. bis 23. November 2025 in der St. Thomas-Kirche am Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg und teilweise in den Räumen des angrenzenden Gemeindezentrums statt.
Die Angebote reichen von kreativen Bestattungsmöglichkeiten, über Trost-Rituale bis zum Trauer-Yoga und sind kostenlos. Für einige Workshops muss man sich anmelden.
Veranstaltet wird das Festival unter anderen von der Evangelischen Kirchengemeinde Kreuzberg, dem Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, dem evangelischen Jugendinnovationteam von UNBOX, dem Segensbüro Neukölln und dem evangelischen Friedhofsverband Berlin-Stadtmitte.
Alles Infos zum Programm: www.endlich-trauerfestival.de


